Tag der Arbeit Woran arbeiten Sie gerade, Alexander Kluge?
Der Publizist schreibt nicht nur, er baut auch einen Themenpark
Woran ich im April 2009 gerade arbeite: Soweit das Wort »Arbei«t auf die eher unabhängige Arbeit eines Autors passt, beantworte ich Ihre Frage folgendermaßen:
Mit Ablieferungstermin Ende April schreibe ich an einem Buch, das zur Frankfurter Buchmesse im Suhrkamp Verlag erscheinen wird, mit dem Titel Das Labyrinth der zärtlichen Kraft. 166 Liebesgeschichten. Erzählungen über den Tausendfüßler Liebe haben gewiss einen Kern, aber eine klare These erbringen sie nicht leicht. Man braucht, um sich in diesem Labyrinth zu orientieren, Landkarten. Jeder Landvermesser weiß, dass etwas sehr Interessantes, nämlich cross-mapping, entsteht, wenn man Landkarten, die nicht zueinander passen, aufeinanderlegt. So werden Erfahrungen im Liebesverhalten von heutigen Menschen jeweils am Schluss der Blöcke von Liebesgeschichten mit Kommentaren versehen, die nicht direkt auf sie passen: mit dem legendären Roman der Madame Lafayette, Die Prinzessin von Clèves, und der Kartografierung der zärtlichen Kraft in den tödlichen Geschichten aus Goethes Wahlverwandtschaften. Mein Interesse aber gilt nicht den chemischen Metaphern Goethes. Ich würde die Metaphern für die zärtliche Kraft in der Gravitation suchen, den Attraktoren, die die Sterne tanzen lassen.
Zur gleichen Zeit, geplant für eine Publikation in der Suhrkamp Film Edition, arbeite ich an einem Filmzusammenhang mit dem Titel Früchte des Vertrauens. Die Finanzkrise, Adam Smith, Keynes, Marx: Worauf kann man sich verlassen? Für mich gehören solche mehrstündigen Produkte ebenso wie Minutenfilme zu dem, was ich unter Film verstehe: In Fortsetzung der Nachrichten aus der ideologischen Antike. Was ist der Gegenpol zur Finanzkrise? Was kann man für Geld nicht kaufen? Sind die Kollateralschäden der Finanzkrise schlimmer als die Krise selbst? Solche Krisen können gesellschaftliche Monstren schaffen, wie zwischen 1929 und 1945. Es geht aber auch um die glückliche Seite des Geldes. 1948 habe ich mich über die 40 DM, die jeder Erdenbürger in unserem Land als Einstand erhielt, gefreut.
Vermutlich kann man Geld und Freiheit nicht voneinander trennen, denn Geld bezeichnet Verträge, in denen alles, was ich nicht kaufe, zuverlässig ausgeschlossen bleibt. Wie schlimm sind Verträge, in denen ich das, was ich nicht will, trotzdem zugeteilt erhalte? Das alles muss man mit und ohne Schauspieler in Filmszenen und Montagen, mit klugen Leuten wie Nobelpreisträger Stiglitz, Dirk Baecker, Joseph Vogl, aber auch mit gelernten Anatomen wie Josef Hader oder Helge Schneider herausfinden.
Die meiste Arbeit aber macht mir in diesem Monat ein Projekt der dctp, der Entwicklungsgesellschaft für TV-Programm mbH, deren Geschäftsführer ich bin. Seit 21 Jahren arbeiten wir mit dem Spiegel Verlag und anderen Partnern, zeitweise auch mit ZEIT TV, an dem Fensterprogramm im privaten Fernsehen. Jetzt, zum 21. Jahrestag, dem 8.Mai 2009, werden wir über das Portal von Spiegel Online, aber unabhängig einen Themenpark im Internet publizieren. Ein solcher Park besteht aus Bewegtbild, und zwar bilden immer etwa zwölf Filme pro Thema einen festen Zusammenhang (Musik, Geschichte, Gegenwart, Wissen und Komik als »begehbarer Schrank«).
Wir bereiten zurzeit 18 solche Gärten vor. Beispiel Babylon: Dort sind die ersten Megastädte vor 6000 Jahren entstanden. Heute sind diese Orte Kriegsgebiet und Gelände für Antiquitätenraub. Wie verschieden sind diese frühesten Städte von Athen, dem Oppidum des Asterix, dem Kraken Rom oder von Lagos und Shanghai heute. Der Soziologe Richard Sennett aber beschreibt, wie die Evolution der Städte heute die Hirne städtischer Menschen prägt. Das ist das Babylon in uns. Man kann es in Silicon Valley finden. Man findet das gleiche Babylon aber auch in Verdis Nabucco, inszeniert von Hans Neuenfels, und in Belsazar von G. F. Händel. Dort auch das legendäre Menetekel.
Das ist nur einer der Parks: 90 Minuten Neuproduktion. Man kann sich vorstellen, dass vor einer solchen Premiere Arbeit anliegt. Gott sei Dank habe ich zahlreiche und kompetente Mitarbeiter. Kooperation ist nämlich ähnlich lustbetont wie das Schreiben. Insofern feiere ich zum 1. Mai eine glückliche Sorte von Arbeit.
Der Publizist, Autor und Essayist, Filmproduzent, -manager und Fernsehproduzent, Verlags- und Medienmanager, wurde 1932 in Halberstadt geboren
- Datum 04.05.2009 - 16:30 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.04.2009 Nr. 19
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Geschichte und Eigensinn gebieten manchmal, einen Themenpark zu bauen. Aber ein ganzes Land als Themenpark? So geschehen am 1. Mai im Historyland Austria:
Mitten im Konsens des sozialpartnerschaftlichen Korporatismus erwacht der Heimatgärtner zu neuem Leben. Es scheint, als wäre dem Angepaßten zwar die Leine, nicht aber sein Hund abhanden gekommen. Darum ist Historyland Austria so versch..., weil es der Verdauungsapparat ist.
Nehmen wir die Urteilskraft als Leine, so sagt diese: Ein Hundeführer hat nicht die Freiheit, den Handlungsspielraum anderer einzuengen. Gott sei Dank, er sch..., frohlockt selbiger angesichts der dampfenden Stulle, im Sch... hat noch kein Hunderl gebissen. Und geht grantig des Weges, als er (natürlich in Ermangelung einer Leine) „zufällig“ vom seltenen Typ des Aktivbürgers zur Rede gestellt wird: Sie haben nicht das Recht, ohne Leine mit dem Hund zu gehen, postuliert dieser. Um Gottes willen, schimpft der Hundeführer, Sie wollen mir und meinem Dobermännchen drohen. Sie sind böse! Nein, entgegnet der „Klugsch...“, ich will, daß Sie Verantwortung zeigen.
Sechs Stunden später verschwindet dem Hundeführer im Heimatgarten sein alter Gartenzwerg Alberich. Man vermutet eine Zwergentführung.
Da kommt auch schon Zwerg Dollfuß, Obmann des Gnomvereins und stv. Obmann der Schrebergarteninnung, mit seiner Wichtelmiliz. Rasch ist ein Täterprofil samt Einsatzplan erstellt. Die Frauen ab an den Heimatgrill, die Kinder ins Pfarrheim. Wachen und Patrouillen überall. Der Waffendealer, der Getränkelieferant und die ausländische Prostituierte werden drei Tage später im Unterholz gefunden. Um Zwerg Dollfuß ranken sich bis heute an glühenden Holzkohlen die wildesten Heimatlegenden.
vgl. http://elementdawnproduct...
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