Woran arbeiten Sie gerade? Moritz Rinke

Ich bin gerade mit Romanfiguren im Moor, im Teufelsmoor. Das liegt im Norden, bei Worpswede, der Künstlerkolonie. Ein Mann aus Berlin kommt an diesen seltsamen Ort und soll das Haus seiner Kindheit retten, das immer mehr absackt, denn Häuser, die nicht auf Pfähle gegründet wurden, gehen im Teufelsmoor unter wie Schiffe. Während also Paul damit beschäftigt ist, eine nachträgliche Pfahlgründung zu organisieren, gräbt er im Garten die Lebensgeschichte seines verstorbenen Großvaters aus. (Familienroman? Weiß ich nicht.)

Der Großvater war Bildhauer und spezialisiert auf historische Skulpturen, der Garten steht noch voll mit Luther, Bismarck, Rilke, Willy Brandt et cetera, auch die Geliebte des Großvaters und seine Frau stehen in Bronze gegossen da, drohen aber ebenso zu versinken. Nullkück, der leicht geistesgestörte Hausmeister, bindet alle Gestalten und deren Zeiten an der alten Eiche fest. Nun kommen durch die Grabungen aus der Erde neue Gestalten dazu: zum Beispiel Hitlers zwei Bauernminister, Darré und Backe, die kennt man kaum noch. Worpswede war prädestiniert für die Vereinnahmung durch die Blut-und-Boden-Ideologie, kann aber heute mit der Vergangenheit immer noch nicht umgehen, man redet auch nicht gern darüber. Dabei gibt es hochinteressante Figuren. Fritz Mackensen, der Gründer der Künstlerkolonie, hielt noch mit 79 Jahren im April 45 gegen die Engländer seine Stellung am Weyerberg, er hatte sogar ein Gewehr konstruiert, das um die Ecke schießen konnte. (Geschichtsroman? Weiß ich nicht.)

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Paul telefoniert immer mit seiner Mutter, die auf Lanzarote sitzt, ihren Vater abgöttisch verehrt und von dessen Vergangenheit nichts wissen will. Sie mahnt ihren Sohn an, in der Gegenwart zu leben, das Haus zu retten und für Großvaters posthume Sonderausstellung August Bebel aus Osterholz zu holen, Theodor Storm aus Husum oder Gesche Gottfried, die berühmte Giftmörderin, aus Bremen.

Paul und Nullkück finden einen Maler am Ort, der tagsüber für Touristen Kurse gibt und abends im Dorfbordell sein Leben aufarbeitet. Als er jünger war und sehr verliebt und seine Freundin einen anderen heiratete, lief er Amok und fuhr mit einem 2500-Liter-Güllewagen zur Hochzeit, was ihn ruinierte. Er duellierte sich auch mit seinem Konkurrenten, was blutig endete trotz freier Liebe und Kommune. (68er-Roman? Weiß ich nicht.)

Im Maler und seiner großen Liebe laufen die Romanstränge zusammen, die große Liebe ist die Mutter von Paul. Es gibt noch andere Geschichten. Nullkück sucht seine eventuell im Moor verschwundene Mutter; einer will eine »Schule der Würde« gründen; ein Russe hat ein Stipendium in den Künstlerhäusern, versucht dabei Oligarch zu werden und holt Ana, eine der schönsten Russinnen, ins Moor. Die Figuren bewegen sich zwischen Berlin, Spanien, St. Petersburg, Worpswede, dem Don-Camillo-Bordell, der therapeutischen Loslass-Gruppe und immer wieder dem Moor, aus dem alles hervorsteigt und in dem alles wieder versinkt.

Der Schriftsteller Moritz Rinke, geboren 1967 in Worpswede, lebt in Berlin. Zuletzt erschien »Café Umberto«

 
Leser-Kommentare
  1. Was sagt man dazu, wenn mans nicht gelesen hat. Der Abstrakt scheint ebenso konfus wie die Geschichte wohl ist. Wie das Leben eben. Die Viererrunde der beiden Philosophen sah u.a. darin ein Portrait des satten bürgerlichen Tums. Mal abgesehen von den anderen Schauplätzen und Begebnisorten. Mich verwirrte : kommt an diesen seltsamen Ort und soll das Haus seiner Kindheit retten, das immer mehr absackt, denn Häuser, die nicht auf Pfähle gegründet wurden, gehen im Teufelsmoor unter wie Schiffe. : Ich sollte die abgesackten Schiffe retten, die Symbol für breites Leben sind. Breit im Sinne von (Spiess)bürgerlich, kapitalistisch angeheitert.

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