Arbeitspläne: Woran arbeiten Sie gerade, Ingo Schulze?
"Ich arbeite an einer neuen Sprachkritik. Mal sehen, was daraus wird"

© Sean Gallup/Getty Images
Ingo Schulze wurde 1962 in Dresden geboren. 2008 erschien sein Roman "Adam und Evelyn"
Ich versuche mich gerade an einem Essay, der auf einer früheren Arbeit aufbaut. Vor zwei Jahren hatte ich etwas über das Wort »Verlierer« zu schreiben. Überraschend war dabei für mich, dass das Substantiv im Grimmschen Wörterbuch gar nicht vorkommt, für das Verb »verlieren« hingegen gibt es sehr viele Belege. Das deutsche Substantiv kam, so meine Vermutung, über das englische Wort loser in unseren Sprachgebrauch, jedoch erst in den achtziger Jahren. Lange Zeit gab es die Bezeichnung Verlierer nur im Spiel, sie galt nur innerhalb festgelegter Regeln. Man war unter diesen oder jenen Kriterien ein Gewinner oder Verlierer. War das Spiel zu Ende, war man es nicht mehr. In dem Moment aber, in dem wir das Wort aus seinen klar bestimmten Grenzen entlassen, wird es problematisch. Denn wir legen durch Benennungen unser Verhältnis zu anderen fest. Bezeichne ich jemanden oder eine Gruppe als Verlierer, so heißt das: Ich verfüge über die gültigen Regeln, über die verbindlichen Maßstäbe. Unausgesprochen werte ich mich selbst als Gewinner. Gewinner und Verlierer verbindet nicht viel. Als Gewinner trage ich keine Verantwortung für Verlierer. Ich bin halt der Bessere, Tüchtigere, Klügere. In dem Moment aber, in dem ich mein Gegenüber oder eine Gruppe anders bezeichne, zum Beispiel als jemanden, der oder die keine Arbeit hat oder schlecht verdient, keinen Abschluss hat oder oft krank ist, verändert sich sofort meine Beziehung zu dem oder der oder den anderen.
Was mich interessiert, sind die Vorentscheidungen, die wir durch den Gebrauch bestimmter Worte treffen. Manche Worte fungieren wie Weichen – und plötzlich ist man auf dem Abstellgleis oder einer Hochgeschwindigkeitsstrecke. Es gibt zwar das Unwort des Jahres, aber darüber hinaus wird kaum sprachkritisch gearbeitet. Was impliziert beispielsweise das Gegensatzpaar: Arbeitgeber – Arbeitnehmer? Was bedeutet es, wenn Politiker immer seltener von Bürgerinnen und Bürgern sprechen, dafür umso häufiger »die Menschen« im Mund führen (»die Menschen da draußen«).
Victor Klemperers LTI (Lingua Tertii Imperii) war in der DDR eine Art inoffizielle Pflichtlektüre, denn die Analogien zur eigenen Sprach-Gegenwart ließen sich nicht übersehen. Doch Klemperers Ansatz scheint mir aktueller denn je. Mit großem Interesse lese ich das Wörterbuch des Unmenschen von Dolf Sternberger, Gerhard Storz und W. E. Süskind, auch Uwe Pörksens Plastikwörter – Die Sprache einer internationalen Diktatur oder Ivan Nagels Das Falschwörterbuch. Mal sehen, was daraus wird.





Gestern einen Bericht in Panorama gesehen, in dem Neuköllner Migrantenkinder die wenigen noch an der Schule verbliebenen deutschen Kinder als Opfer bezeichnen. Im Licht dieser Sprachkritik ist das beängstigend. Ein Mädchen wurde auch als "Scheißchrist" beschimpft.
Also wie ist dann dieses englische Wort Loser in den deutschen Sprachgebrauch gekommen Herr Schulze? Ich hab davon übrigens auch schon die Schreibweise Looser gesehen. Und ich kenne auch die Schreibweise Luser. Oder lusen. Ein Berg im bayerischen Wald, von dem aus man besonders gute Aussicht hat, heißt beispielsweise Lusen. Wie kommt das? Im Bayerischen ist das Wort losen oder lusen, beide male spricht man u, Schreibweisen kommen aber unterschiedlich mit o oder u vor, gleichbedeutend mit zuhören. So kann man das in manch Bayerischwörterbüchern nachlesen. Auf der RegioWiki erfährt man über das Wort Losen oder Lusen auch, dass es ein in sich hinein Horchen, ein Abwarten ist. Und dass auch die Ohren als Loser bezeichnet werden. In einem Artikel der Süddeutschen über eine Hexe aus dem kleinen bayerischen Dorf Aschau im Chiemgau erzählt selbige, dass für sie die Tage um Allerheiligen sogenannte Lostage sind. Die alten Kelten glaubten, dass um diese Zeit die Tore zu den Welten offen stünden. Das sind so bestimmte Tage zwischen einem Äquinoktium und einer Sonnwende. Im Moment sind diese Tage wieder, an diesem 6. Mai feiern die Zigeuner ihr Frühlingsfest Ederlezi. Man sagt, in dieser Nacht dürfe man sich was wünschen.
Dieses Losen im Bayerischen bezeichnet also durchaus einen Begriff, bei dem Esoteriker auch etwas übernatürliches wittern könnten. Es ist vielleicht auch sowas wie ein Hören mit dem siebten Sinn, wenn es ein Sehen wäre, dann eines mit dem dritten Auge. Es gibt also diesen Begriff. Und nun sitz ich hier in diesem tiefen Bayern, in diesem Chiemgau, ein Querkopf seiner Gesellschaft und durchaus auch schon als Loser wie es hier im Sinne von Verlierer genannt wurde bezeichnet, und hör zu. Beziehungsweise: ich lese auch, und lose nicht nur. Und wenn ich da dann etwas über diesen Begriff Losen im Zusammenhang mit der deutschen Sprache lese, an so einem Tag wie heute, dann fühle ich mich schon dazu verpflichtet, drauf hinzuweisen, dass in Bayern ein Loser auch eine recht besondere Person sein kann, dass diese Bezeichnung hier eine sehr hintergründige Doppeldeutigkeit hat. Ich als Loser. Fühl mich verpflichtet hinzuweisen.
Diese Doppeldeutigkeit bekommt noch einen Beigeschmack, wenn man auch manch biblische Texte als typische Gewinner-Verlierer-Texte interpretiert. David ist wie ein Verlierer, ein kleiner Junge, der Schafe hüten darf. Und Goliath der Gewinner, der so oft gewonnen hat, dass niemand sich gegen ihn antreten traut. Und wer gewinnt?
Oder: Die Letzten werden die Ersten sein.
Fazit also zu der Wortuntersuchung von Verlierer und Loser: Ob der Begriff nun gilt oder nicht, das "Opfer" (um auch noch diesen Begriff aus dem Kommentar zuvor aufzugreifen) dieses Begriffs ist eventuell gar nicht so schlimm dran. Und wenn es sich um jemand aus Bayern handelt vielleicht sogar talentiert in manchen Dingen.
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Man sollte auch bei Rot über die Ampel gehen dürfen, zumindest wenn kein Auto kommt und auf der anderen Straßenseite jemand Hilfe braucht.
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