DIE ZEIT: Woran arbeiten Sie gerade?

Juli Zeh: Ich schreibe mit Ilija Trojanow ein politisches Pamphlet zum Thema persönliche Freiheit und Bürgerrechte im Antiterrorkampf, das Angriff auf die Freiheit heißen wird. Vor einem Jahr hat Ilija einen langen Essay dazu veröffentlicht; als ich den las, hatte ich das Gefühl: Das ist mir so nah, das könnte ich beinahe selbst geschrieben haben, bis in die Formulierungen hinein. Darüber haben wir gesprochen und beschlossen: Wenn zwei Leute zu einem Thema eine so deutliche Meinung vertreten, sollten sie sich doch zusammentun und ein Buch schreiben.

DIE ZEIT: Wie sieht diese Zusammenarbeit konkret aus?

Juli Zeh: Wir mailen uns Textfragmente hin und her, wir bilden per Internet einen gemeinsamen Kopf. Man wird eine Art Doppelgehirn, weil man ständig an den Sätzen des anderen herumfrickelt und der wiederum an den eigenen.

ZEIT: Verraten Sie einige der zentralen Thesen?

Zeh: Die sogenannte westliche Hemisphäre erlebt eine Umbruchsituation, die einerseits zu tun hat mit der politischen und geostrategischen Neuordnung der Welt nach dem Zusammenbruch des Blocksystems in den Jahren 89/90, andererseits mit einem Verteilungskampf, der um die neue Ressource Information ausgebrochen ist. Unsere These besagt, dass die gesamte Terrorismusbedrohungskulisse, vor der sich dieser einerseits geostrategische und andererseits informationstechnologische Verteilungskampf abspielt, keine reale Gefahr für unser Leben, für unsere Wertegemeinschaft, für unsere Identität darstellt. Es geht um andere Dinge. Um neue Feindbilder, die den »Kommunismus« ersetzen. Um Legitimationen für Kriege im Nahen Osten. Um den Aufbau von Überwachung und Kontrolle des Bürgers als Reaktion auf die neue »Unübersichtlichkeit« und Unberechenbarkeit, die Individualismus und Freiheit des Einzelnen mit sich bringen. Nicht zuletzt geht es auch um eine neue, seltsame, für mich besonders gruselige Tendenz, nämlich jene, durch möglichst umfassende Überwachung »antisoziales Verhalten« auszuschließen. Allein schon der Begriff! Antisoziales Verhalten bedeutet zum Beispiel das Wegwerfen von Kaugummipapier oder lärmende Kinder oder Fehler im Straßenverkehr. Alles das soll bald zur »Inneren Sicherheit« gehören. Wir weisen darauf hin, dass sich viele Antiterrorgesetze in Wahrheit gar nicht gegen den Terrorismus, sondern gegen den Normalbürger richten.

ZEIT: Wie belegen Sie Ihre These?

Zeh: Wir haben eigens jemanden angestellt, der uns bei der gründlichen Recherche hilft, weil wir das alleine gar nicht schaffen. Wir versuchen zum einen nachzuzeichnen, was sich verändert hat in den letzten Jahren, nicht erst seit dem 11. September, sondern in den letzten 15, 20 Jahren – seit Anbruch des Informationszeitalters. Wir versuchen ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wo wir gerade stehen und wie die zukünftigen Entwicklungen sein werden, sofern man das jetzt schon absehen kann. Wir machen auch Rhetorikanalysen von politischen Reden, überprüfen die Begründungen von Gesetzesvorhaben, wie weit die technisch-sachlich überhaupt stimmen, ob die dort festgelegten Mittel dem genannten Zweck überhaupt dienen. Da gibt es ein ganz auffälliges Missverhältnis.