Am 6. Mai um 14.30 Uhr wird sich der US-Senat mit dem Untergang der amerikanischen Zeitungen befassen – und mit der Frage, ob der Staat ihnen zu Hilfe eilen muss. Nicht aus Mitleid, sondern aus Angst, Freiheit und Meinungsvielfalt könnten Schaden erleiden. Die Verfassung räumt der Pressefreiheit eine herausragende Stellung ein. In einem offenen Brief warnt der Senator und ehemalige demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry deshalb vor »ernsten Konsequenzen für die Demokratie«. Schon seit einigen Monaten wird hinter den Kulissen heftig darüber diskutiert, ob die Regierung neben maroden Banken und Autoherstellern nicht auch dem Not leidenden Zeitungsgewerbe beispringen müsse. So weit ist es gekommen: Die Politik will ihre Kontrolleure retten.

Manche sprechen bereits von einer »Kernschmelze«: Im Februar stellte eine der ältesten Zeitungen des Westens, die 150 Jahre alte Rocky Mountain News, ihr Erscheinen ein. Von Schließung bedroht sind ebenfalls der San Francisco Chronicle und der Boston Globe. Der Seattle Post-Intelligencer stoppte im März die Druckmaschinen und erscheint nur noch im Internet. Die zwei großen Tageszeitungen aus der Autostadt Detroit werden nur noch dreimal pro Woche vor die Haustür gelegt. Ansonsten mögen die Abonnenten ihren Computer anschalten und mit der Webseite vorliebnehmen, teilten die Herausgeber mit.

Vier Verlage, die 33 Zeitungen besitzen, haben in den vergangenen drei Monaten Insolvenz angemeldet. Als bedroht gelten darum unter anderem die Los Angeles Times, die Chicago Tribune, der Philadelphia Inquirer und die Star Tribune aus Minneapolis. Die New York Times ist ebenfalls verschuldet, und zum ersten Mal seit langer Zeit schreibt sogar die Washington Post rote Zahlen. Katharina Weymouth, Herausgeberin der Post und Spross der legendären Verlegerfamilie Graham, spricht von einem »Erdbeben, das schon viele unter sich begraben hat und noch begraben wird«.

Angesichts sinkender Verkäufe und Anzeigenerlöse kennen viele Zeitungen nur zwei Auswege aus der Krise: Dichtmachen oder mit aller Kraft ins Internet. Für die reine Onlineversion einer Zeitung ohne großen Experten- und Reporterstamm braucht man weit weniger Personal. Seit der Seattle Post-Intelligencer nur noch digital erscheint, entließ er 140 Leute und macht mit 25 Journalisten weiter. Online first – diese radikale Wende hat etwas sehr Amerikanisches.

Aber was ist der Preis dafür? Der langsame Tod des Printgewerbes werde Amerikas politische Landschaft »radikal« verändern, sagt Katharina Weymouth, die selber große Stücke auf das Internet hält und das Onlinegeschäft ihrer Washington Post leitet. Zeitungen seien eine demokratische Institution und eine »Wundertüte«, sie organisierten die öffentliche Debatte. Die Presse, sagt Weymouth, sagt Kerry, sagen Amerikas oberste Richter, habe ein Wächteramt.

Das war einmal, meinen die Betreiber der ungezählten Websites und Onlinedienste. Alles, was die Zeitungen vermögen, könne inzwischen auch das Internet leisten. Überdies sei es »basisdemokratischer« und erreiche viel mehr Leute. 75 Millionen Internetnutzer mit fast vier Milliarden Seiten-Klicks gegen nur 49 Millionen Zeitungsleser, meldeten im Januar die Marktforscher von Nielsen Online.