Pop im KnastSingen in Santa Fu

Hamburgs größtes Gefängnis hat jetzt eine Konzertreihe. Unser Autor war dabei, als die Saxofonistin Doris Decker hinter Gittern spielte von 

Doris Decker ging unschuldig hinter Gitter und   blies den Gefängnisinsassen ein paar Lieder

Doris Decker ging unschuldig hinter Gitter und blies den Gefängnisinsassen ein paar Lieder  |  © Christian Bartsch für DIE ZEIT

Am Hasenberge, Haus Zwei, das klingt so harmlos. Aber wer hier sitzt, hat fünf Jahre oder mehr, auch »LLer« gibt es, Lebenslängliche. Der Alltag ist: Schwere Tür auf, schwere Tür zu, und immer schließt hinter einem jemand ab.

Der so jung aussehende Mann von der Gefängnisband kennt den Stellenwert seiner Anstalt: »1. San Quentin, 2. Sing Sing, 3. Santa Fu«. Unrasiertes Lächeln. Mit 15 kam er ins Gefängnis und in den 20 Jahren seither kaum je heraus: Auch eingesperrt kann man straffällig werden; blöd, ja.

»Aber die meisten sitzen wegen einer Glaubenskrise«, fügt ein Justizvollzugsbeamter hinzu, breites Grinsen. »Sie glaubten nicht, dass wir sie schnappen.« Die Sprüche sind locker, die Wände dick.

Zur Straße hin droht Haus Zwei mit Stacheldrahtrollen auf Backstein und Fotografierverbot. Wer hineinwill, muss sich anmelden, ausweisen und legt sein Portemonnaie in ein Schließfach. »Sie können Ihre Wertsachen natürlich auch im Wagen lassen«, knurrt der Pförtner. »Aber das würde ich Ihnen nicht raten.« Die Welt ist vergleichsweise unsicher.

Freitag, 24. April, 16 Uhr: Willkommen zum monatlichen Konzert in Santa Fu. Heute spielt eine Frau, die den Männern im Gefängnis unbekannt ist. Dafür ist Doris Decker blond und attraktiv; sie wirkt um einiges jünger als Mitte vierzig, das ist unter den gegebenen Bedingungen schon mal was.

Als Konzertsaal dient die Gefängniskirche. Holzboden, Täfelung, kunstvoll vergitterte Fenster, durch welche warm die Sonne fällt. Ein Raum mit einer Aura, die weniger vom Glauben erzählt als vom so langsamen wie unaufhaltsamen Vergehen der Zeit.

Die Männer der Gefängnisband helfen den Musikern von draußen beim Aufbau. Doris Decker und ihre zwei Begleiter an Gitarre und elektrischem Piano stehen vor, nicht auf der Bühne, um dem Publikum näher zu sein. Bloß, wo ist das Publikum? Fünf vor vier ist außer ein paar Wärtern niemand da.

Sie greift sich ihr Saxofon und schickt von der Saaltür aus flehende Melodien in den Zellentrakt. »Wenn ihr nicht kommt, seid ihr selber schuld!«, ruft sie. »Wann kommt schon mal Besuch?« Sie wirkt sehr keck in dieser regulierten Umgebung.

Nun trotten die Gefangenen herein. Alle Altersklassen. Viele tragen weite, schlabberige, abgenutzte Alltagskleidung. In der U-Bahn würden sie nicht weiter auffallen. Manche sind ganz easy, andere finster. Sie verteilen sich auf den Stühlen vor der Bühne. Es kommen nur 50 der mehr als 250 Insassen.

Doris Decker, die bekannteren Musikern Lieder schreibt und immer noch auf eine eigene Karriere hofft, findet sich in einer ihr dann doch sehr fremden Konzertsituation. Ein Publikum ohne Drinks, ohne Mädchen, ohne Schick, ohne Geld und ohne Perspektive. Die Männer starren sie an.

Als Johnny Cash vor vierzig Jahren sein berühmtes Konzert in San Quentin gab, war er ein Star, der Schwerverbrechern die Hände schüttelte und ihnen ein Lied geschrieben hatte: San Quentin, you’ve been livin’ hell to me war darin gleich die erste Zeile. Nach jedem Satz johlte das Publikum. San Quentin, I hate every inch of you. Am Schluss des Liedes ging das Gefängnis in Flammen auf. Die Sträflinge waren außer sich; Cash musste das Stück gleich noch einmal spielen. So ist es auf der Platte verewigt.

Doris Decker hat nichts Entsprechendes zu bieten. Ihre Lieder handeln von urbanen Gefühlszuständen, die an diesem Ort immerhin umgedeutet werden können: »Was machst du die nächsten Tage / Wochen Monate Jahre / Ich bin da völlig frei / Und wollte nur mal fragen.«

Sie singt Verbotene Stadt, das von ihr mitgeschriebene Udo-Lindenberg-Lied: »Ich will nicht an dich denken, will nicht wissen, wo du bist / Ich muss dich vergessen, auch wenn das die Hölle ist / Wir haben uns getroffen, es war Leiden auf den ersten Blick / Ich wusste, das darf nicht passiern, sonst gibt es kein Zurück / Verbotene Stadt, alle Tore sind versperrt und streng bewacht…«

Nur langsam kommt Bewegung in die Männer. Vielleicht ist ihnen das zu versäuselt ohne Bass und Schlagzeug; zwei-, dreimal wird mitgeschnippt, dann ist die Stunde um, und sie verschwinden so still nach nebenan, wie sie gekommen sind.

Von der Musikerin fällt die Anspannung ab. Sie hat das Gefühl, nicht die richtigen Worte gefunden zu haben. Die Männer lachten nur rau, als sie zwischen zwei Songs gefragt hatte: »Habt ihr hier Internet?« Eigentlich weiß sie nichts vom Gefängnis.

Ja, sinniert sie, die säßen nicht ohne Grund hier. Aber man dürfe sie doch nicht sich selbst überlassen! Sie nimmt sich vor, die Gefängnisband demnächst einmal bei den Proben zu besuchen. Außerdem hat sie ein Häftling zum Tischtennis eingeladen.

Der Musiklehrer, der die Gefängnisband betreut und die Gäste zur Konzertreihe bittet, will am Jahresende eine Auswahl seiner Mitschnitte auf CD veröffentlichen. Den Verkauf übernimmt der Webshop der Anstalt, www.santa-fu.de.

Dort wird »heiße Ware aus dem Knast« angepriesen, etwa von Insassen bestempelte Gefängnisunterwäsche. Vom Erlös geht stets ein Teil an den Weißen Ring, der sich um Verbrechensopfer kümmert. Als kleine Wiedergutmachung!

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    • Schlagworte Pop | Easy | Johnny Cash | Publikum | Tischtennis
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