Pop im Knast : Singen in Santa Fu

Hamburgs größtes Gefängnis hat jetzt eine Konzertreihe. Unser Autor war dabei, als die Saxofonistin Doris Decker hinter Gittern spielte

Am Hasenberge, Haus Zwei, das klingt so harmlos. Aber wer hier sitzt, hat fünf Jahre oder mehr, auch »LLer« gibt es, Lebenslängliche. Der Alltag ist: Schwere Tür auf, schwere Tür zu, und immer schließt hinter einem jemand ab.

Der so jung aussehende Mann von der Gefängnisband kennt den Stellenwert seiner Anstalt: »1. San Quentin, 2. Sing Sing, 3. Santa Fu«. Unrasiertes Lächeln. Mit 15 kam er ins Gefängnis und in den 20 Jahren seither kaum je heraus: Auch eingesperrt kann man straffällig werden; blöd, ja.

»Aber die meisten sitzen wegen einer Glaubenskrise«, fügt ein Justizvollzugsbeamter hinzu, breites Grinsen. »Sie glaubten nicht, dass wir sie schnappen.« Die Sprüche sind locker, die Wände dick.

Zur Straße hin droht Haus Zwei mit Stacheldrahtrollen auf Backstein und Fotografierverbot. Wer hineinwill, muss sich anmelden, ausweisen und legt sein Portemonnaie in ein Schließfach. »Sie können Ihre Wertsachen natürlich auch im Wagen lassen«, knurrt der Pförtner. »Aber das würde ich Ihnen nicht raten.« Die Welt ist vergleichsweise unsicher.

Freitag, 24. April, 16 Uhr: Willkommen zum monatlichen Konzert in Santa Fu. Heute spielt eine Frau, die den Männern im Gefängnis unbekannt ist. Dafür ist Doris Decker blond und attraktiv; sie wirkt um einiges jünger als Mitte vierzig, das ist unter den gegebenen Bedingungen schon mal was.

Als Konzertsaal dient die Gefängniskirche. Holzboden, Täfelung, kunstvoll vergitterte Fenster, durch welche warm die Sonne fällt. Ein Raum mit einer Aura, die weniger vom Glauben erzählt als vom so langsamen wie unaufhaltsamen Vergehen der Zeit.

Die Männer der Gefängnisband helfen den Musikern von draußen beim Aufbau. Doris Decker und ihre zwei Begleiter an Gitarre und elektrischem Piano stehen vor, nicht auf der Bühne, um dem Publikum näher zu sein. Bloß, wo ist das Publikum? Fünf vor vier ist außer ein paar Wärtern niemand da.

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

Noch keine Kommentare. Diskutieren Sie mit.