Die Gang kommt in Faltenrock und Ledersandalen. Alle haben dicke Lackstifte im Gepäck, in Ruhe werden sie damit die Glasscheiben der Villa bemalen, und schon bald wird es um sie herum riechen wie in einer Lackierwerkstatt. Sie können sich Zeit lassen, vor der Polizei müssen sie keine Angst haben. Was sie hier machen, ist kein Vandalismus, es ist ganz legal.

Normalerweise würden in das Jugendzentrum Gelbe Villa bestenfalls ihre Enkel kommen, die fünf Besucher sind zwischen 60 und 80 Jahre alt. Sie haben sich angemeldet zum "Senior Street Art"-Workshop, und am Ende dieses Tages wird der Schriftzug "5 Jahre Gelbe Villa" die Scheiben zieren. In den kommenden neun Wochen wollen die Senioren-Künstler lernen, wie man Graffiti sprüht und wie man mit Lackstiften hantiert, ohne dass überall Farbe herumspritzt. Das funktioniert zumindest bei Aurora noch nicht so gut. Rosa, gelbe und blaue Farbkleckser zieren ihre Hand, mit der sie den Lackstift schüttelt wie einen Cocktailshaker. Heute steht "Malen mit Markern" auf dem Stundenplan.

Aurora ist ein Künstlername. Die 63 Jahre alte Sigrid Pohl-Häußler gab ihn sich nach der Pseudonymberatung in einem früheren Graffitikurs. Profistraßenkünstler fragten sie nach den Stationen ihres Lebens, und so kamen sie auf den Namen Aurora – Morgenröte. "Das steht für Anfang", sagt die ehemalige Krankenschwester. "Weil ich das Gefühl habe, in vielen Dingen noch ganz am Anfang zu stehen, passt das sehr gut zu mir."

Aurora und die anderen Senioren besuchen den Workshop der Künstlerin Stephanie Hanna, um mehr über eine Jugendkultur zu erfahren, die von Menschen ab 50 gern als "Krakelei" abgetan wird. Am Anfang ist die Kursleiterin mit den ergrauten Nachwuchskünstlern durch Kreuzberg gelaufen, sie hat ihnen Motive und Stile erklärt und wie man simple tags – die Kritzeleien an Hauseingängen, mit denen Jugendliche ihr Revier markieren – von echter Straßenkunst unterscheidet. In dem Kurs werden Aurora und die anderen dann aus Pappkartons Schablonen schneiden und selbst sogenannte Stencil-Graffiti sprühen oder Poster drucken, um sie dann an Wände zu kleben. All das sind Spielarten der modernen Straßenkunstszene.

Sie entstand in den siebziger Jahren in der New Yorker Bronx als Ausdrucksform junger Schwarzer, in den Achtzigern tauchten die ersten Graffiti auch in Deutschland auf. Aus einfachen Namenskürzeln wurden bald mehrfarbige Schriftzüge. Aber erst als die Straßenmaler anfingen, mit Schablonen-Graffiti im Pop-Art-Stil, dreidimensionalen Holzbuchstaben oder Mosaikkacheln zu experimentieren, wurden die Sprayer zu Künstlern. Mittlerweile wird Street Art in Galerien gezeigt, und Stars wie der Brite Banksy streichen Hunderttausende Euro für ihre Werke ein. Dass nun auch die Großeltern der Sprayer-Generation zu Sprühdose und Lackmarker greifen, zeigt, dass die ehemalige Protestkultur endgültig in der bürgerlichen Gesellschaft angekommen ist. Die Teilnehmer wollen verstehen, was ihre Enkel da auf der Straße treiben, und fühlen sich selbst noch zu jung für Kaffeekränzchen und Strickzirkel.