Kaiserreich Der Mann im Hintergrund
Im Mai 1909 starb in Berlin Friedrich von Holstein, die Graue Eminenz des Kaiserreichs, der große Unbekannte, der Dämon im Auswärtigen Amt

© Anton von Werner; Quelle: Wikipedia
Auch auf Anton von Werners Darstellung des Berliner Kongresses 1878 ist Holstein dabei. Vorn Bismarck, rechts die türkische Delegation, links, auf den Stock gestützt, Englands Premier Disraeli mit Russlands Kanzler Gortschakow (im Sessel)
Er war der bekannteste Unbekannte des Kaiserreichs, die Graue Eminenz der deutschen Politik von den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bis zu seinem Tod im Mai 1909. Otto von Bismarck hatte ihn »entdeckt«, und in gewissem Sinne ist Friedrich von Holstein wohl sein Schüler geblieben, sein Zauberlehrling. Vielen Menschen war er unheimlich, nicht zuletzt seinem Meister. Den »Mann mit den Hyänenaugen« nannte Bismarck ihn einmal, und die stets wohlinformierte Fürstin Marie Radziwill verglich ihn gar mit Joseph Fouché, dem berüchtigten Polizeiminister Napoleons: So wie Fouché arbeite er »im verborgenen und fischt geheimnisvoll in mehr oder minder trübem Wasser.« Kaiser Wilhelm II. selbst soll ihn einen »Höllensohn« genannt haben.
Dass Friedrich von Holstein, der ewige »Vortragende Rat« im Auswärtigen Amt, nach Bismarcks Abschied die Fäden der Berliner Außenpolitik zog, war für viele Beobachter eine ausgemachte Sache. Wenn er sich frage, bemerkte etwa der Berliner Korrespondent der Frankfurter Zeitung, August Stein, wer seit 1890 in Deutschland und Preußen regiert habe, so komme er zu dem Schluss, dass dies Holstein gewesen sei. Und der langjährige bayerische Gesandte in Berlin, Hugo Graf von und zu Lerchenfeld, pflichtete ihm bei: »Holstein hat einen geradezu unheimlichen Einfluss ausgeübt, er hat drei Reichskanzler und drei Staatssekretäre beherrscht.«
In mancher Erinnerung an das Kaiserreich erscheint er wie ein Schatten, ein böser Dämon, ein Mann ohne Biografie. Dabei ist nichts an Holsteins Lebensweg und Karriere bis dahin wirklich außerordentlich gewesen.
Zur Welt kommt er am 24. April 1837 in Schwedt an der Oder. Seine Mutter Karoline ist bei der Geburt 45 Jahre alt, Friedrich bleibt ihr einziges Kind. Der Vater, August von Holstein, lebt nach Jahren in der Armee als Privatier von den Erlösen seiner Güter. Privatlehrer erziehen den kleinen Friedrich, Spielkameraden hat er kaum. »Im Allgemeinen«, bekennt Holstein später, »war meine Kindheit zu einsam, um fröhlich zu sein.«
Im April 1848 begibt sich die Familie auf eine lange Reise durch Italien, Südfrankreich und die Schweiz. Zurückgekehrt, mietet man in Berlin, Unter den Linden, ein Haus. Als Externer legt Friedrich von Holstein 1853 am Köllnischen Realgymnasium sein Abitur ab; zu dieser Zeit beherrscht er das Französische, Englische und Italienische bereits perfekt.
Bismarck ist sehr angetan und gewährt dem jungen Mann Familienanschluss
Er studiert Jura, absolviert das erste und das zweite Examen – und versucht alles, um in den diplomatischen Dienst zu gelangen. Preußens Gesandter in St. Petersburg, Otto von Bismarck, wird auf ihn aufmerksam. Er sorgt dafür, dass Holstein an seine Botschaft kommt. Im Januar 1861 trifft der schlaksige junge Mann in der Newa-Stadt ein. Und er macht seine Sache gut. Bismarck ist sehr angetan und gewährt ihm Familienanschluss. Bereits im April 1862 schreibt der Gesandte an den Außenminister Albrecht Graf von Bernstorff: Holstein sei ein Mann, der »für den auswärtigen Dienst in hohem Grade brauchbar zu werden« verspreche.
Im September 1862 wird Bismarck zum Ministerpräsidenten von Preußen berufen. Ein Dreivierteljahr darauf, im Mai 1863, besteht Holstein das diplomatische Examen. Bismarck konnte ein sehr unangenehmer Vorgesetzter sein. Es fällt deshalb auf, wie viel Wohlwollen und Großzügigkeit er Holstein auch weiterhin entgegenbringt. Er schickt ihn immer wieder an Orte, wo er viel erleben, viel erfahren kann: im Sommer 1863 nach Rio de Janeiro, 1864, während des Deutsch-Dänischen Krieges, in das Hauptquartier des Generalfeldmarschalls Friedrich von Wrangel, danach nach London. 1865 genehmigt er dem jungen Diplomaten eine Reise in die USA. Dort bleibt Holstein fast zwei Jahre. Ihn fasziniert die Natur, er reist durch die Prärie und schießt Büffel; Amerikas Demokratie berührt den jungen Preußen kaum.
1867 ruft Bismarck ihn zurück, schickt ihn nach Württemberg, dann nach Kopenhagen. Doch so angenehm sich Holsteins Diplomatenleben unter Bismarcks Protektion gestaltet – die Aussicht, die besten Jahre in einer untergeordneten Position zu versauern, erschreckt ihn. Er lässt sich beurlauben und wechselt probeweise in die Wirtschaft. Es wird ein Desaster: Holstein verliert fast das gesamte Vermögen, das er nach dem Tode seiner Eltern geerbt hat.
Reumütig kehrt er in den Dienst zurück. Im Oktober 1870 – der Deutsch-Französische Krieg ist bereits entschieden und Napoleon III. gefangen – veröffentlicht er, ganz im Sinne seines großen Chefs, anonym in der Londoner Times einen Artikel, in dem er eine Annexion Elsass-Lothringens mit historischen Begründungen rechtfertigt.
Anfang Januar 1871, kurz vor der Kaiserproklamation, stellt Holstein sich unaufgefordert im Hauptquartier in Versailles ein. Bismarck, der ansonsten auf Eigenmächtigkeiten seiner Beamten sehr allergisch reagiert, nimmt ihn freundlich auf. Er kann ihn gut gebrauchen. In der Nacht zum 26. Februar redigiert Holstein zusammen mit Paul Graf von Hadtzfeld den französischen Text des Präliminarfriedens. Wenig später wird er 2. Sekretär der Botschaft in Paris, die seit September 1871 Harry Graf von Arnim leitet.
Zum ersten Mal gerät er ins Zentrum eines komplizierten Konflikts. Zwischen Arnim und Bismarck entstehen Meinungsverschiedenheiten, gleichzeitig sieht der Kanzler in dem Botschafter einen Rivalen. Bismarck setzt bei Kaiser Wilhelm I. die Abberufung Arnims durch und erhebt den Vorwurf, Arnim habe Akten der Botschaft unterschlagen. Es kommt zu einem Skandalprozess. Holstein muss als Zeuge aussagen. Arnim ist empört. Sein Verteidiger beschuldigt Holstein, als Spion Bismarcks seinen Vorgesetzten überwacht zu haben. Von dem Vorwurf bleibt etwas hängen – noch zehn Jahre später nannte Holstein die Arnim-Affäre die »größte Unannehmlichkeit« seines Lebens.
Bismarck indes ist zufrieden mit seinem Geschöpf. Im April 1876 ruft er ihn als »Hilfsarbeiter« ins Auswärtige Amt nach Berlin. Zwei Jahre später wird Holstein zum Vortragenden Rat ernannt – und das sollte er 28 Jahre lang bleiben. Tatsächlich aber macht ihn Bismarck zu seinem engsten außenpolitischen Mitarbeiter. Wiederholt bestellt ihn der Reichskanzler für längere Zeit auf seine Besitzungen Varzin und Friedrichsruh bei Hamburg.
Gleichzeitig beginnt Holstein mit dem Einverständnis Bismarcks, einen eigenen Informationsapparat aufzubauen. Er führt mit zahlreichen deutschen Diplomaten eine umfangreiche private Korrespondenz, die nicht den offiziellen Geschäftsgang durchläuft. Oft gibt er auch in Privattelegrammen dienstliche Anweisungen. Manchem wird dieses Gebaren mit der Zeit ein wenig unheimlich. Denn über die speziellen Charaktereigenschaften des eigenbrötlerischen Junggesellen sind sich fast alle, die mit ihm zu tun haben, einig: extrem misstrauisch, sehr empfindlich, rachsüchtig und intrigant.
Zweifellos bewundert Holstein seinen Meister. Auf dem Berliner Kongress 1878, auf dem Bismarck als »ehrlicher Makler« zwischen Russland, England, Österreich und dem Osmanischen Reich vermittelt, ist er als Vertrauter des Kanzlers dabei. Noch teilt er dessen Grundidee, nach der ein kompliziertes System von Abkommen, Bündnissen und einem Rückversicherungsvertrag die europäische Machtbalance erhalten soll. Und doch beginnt sich Holstein seit Mitte der achtziger Jahre insgeheim von seinem Lehrer zu emanzipieren. Wie immer bei ihm spielen dabei sowohl sachliche Erwägungen als auch politische Ambitionen und charakterliche Eigenheiten eine Rolle.
Bismarck will unbedingt ein gutes Verhältnis zum Zaren wahren und jede Gefahr eines Zweifrontenkriegs gegen Russland und Frankreich vermeiden. In den Führungskreisen des Reiches wird jedoch Kritik an dieser Politik laut. Ein Krieg mit Russland und Frankreich, so heißt es, werde ohnehin kommen, und da sei es besser, ihn präventiv zu führen. Besonders aggressiv in dieser Frage gebärdet sich der stellvertretende Generalstabschef Alfred Graf von Waldersee.
Er ist Holsteins Mann. Ganz im Geheimen beginnt der Vortragende Rat, der Russlandpolitik Bismarcks entgegenzuarbeiten. Er beliefert Waldersee sowie die österreichische Regierung mit Informationen. Holsteins Ziel: ein Bündnis mit Habsburg und Großbritannien gegen Russland und Frankreich.
In seinem Tagebuch und in Briefen an seine wohl einzige persönliche Vertraute, die Kusine Ida von Stülpnagel, äußert er sich nun immer abfälliger über den inzwischen siebzigjährigen Kanzler. »Seine Art zu arbeiten«, schreibt er am 10. Oktober 1886 an Ida, »wird mehr und mehr dilettantenhaft und unzusammenhängend. Er denkt, in einer halben Stunde beim Frühstück kann er die Welt regieren, den übrigen Tag faulenzt er oder diktiert müßige Zeitungsartikel, die alle viel besser ungeschrieben blieben.«
Der neue Kanzler kennt sich nicht aus. Jetzt schlägt Holsteins Stunde
Als Bismarck 1890 von Wilhelm II. gestürzt wird, ist von seinem Musterschüler Holstein nichts zu bemerken. Waldersee und die anderen Gegner des Reichskanzlers können sich auf ihn verlassen: Holstein unterstützt sie ganz im Stillen mit allen Informationen, die sie gegen Bismarck brauchen.
Ende März 1890 ernennt Wilhelm zur allgemeinen Überraschung den General der Infanterie Leo von Caprivi zum Reichskanzler. Der Mann ist außenpolitisch völlig unerfahren und auf Berater respektive Einflüsterer angewiesen. Jetzt schlägt Holsteins Stunde.
Auf sein Drängen hin erneuert die Reichsregierung den Rückversicherungsvertrag mit Russland nicht. Stattdessen setzt sie auf eine Festigung des Dreibundes mit Österreich-Ungarn und Italien und versucht zunächst noch alles, England in diese Allianz miteinzubeziehen. Dies aber scheitert. Großbritannien bleibt in Splendid Isolation – und die russische Regierung schließt 1893 eine Militärkonvention mit dem hocherfreuten Frankreich ab.
Holstein setzt große Hoffnungen in den jungen Kaiser. Rasch aber erkennt er dessen gefährliche Schwächen. Am 21. Dezember 1895 warnt Holstein Wilhelms Vertrauten Philipp zu Eulenburg, der den Kaiser in seinem Streben nach einem »persönlichen Regiment«, einer Art neoabsolutistischer Herrschaft, bestärkt: »Sorgen Sie, daß die Weltgeschichte Sie nicht einstmals als den Schwarzen Reiter malt, der zur Seite des Kaiserlichen Wanderers war, als dieser auf den Irrweg einlenkte.«
An Holstein kommt niemand mehr vorbei. Unermüdlich spinnt er seine Fäden, und das, obwohl er Gesellschaften meidet und das Leben eines Einsiedlers führt. Selbst den Urlaub pflegt er allein zu verbringen, meist im Harz, wo er eisern wandert. In seiner Wohnung will er weder elektrisches Licht noch Telefon haben. Nur das Aufkommen des Fahrrads interessiert ihn sehr; zu seinem Kummer aber rät ihm sein Arzt dringend davon ab, selbst zu fahren.
Emsig arbeitet Friedrich von Holstein an der neuen Außenpolitik. Zusammen mit dem späteren Reichskanzler Bernhard von Bülow entwickelt er 1895 seine Leitidee: Das Deutsche Reich solle sich aus Bismarcks statischem Vertragswerk befreien und die Gegensätze zwischen den weltpolitischen Rivalen Großbritannien und Russland sowie zwischen Großbritannien und Frankreich ausnutzen, um eine dynamische »Politik der freien Hand« zu betreiben. Deutschland könne von der ungebundenen Rolle des lachenden Dritten nur profitieren.
Im Jahr 1900 wird Bülow zum Reichskanzler ernannt. Gleich bietet er Holstein an, Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, also Außenminister, zu werden. Der aber scheut jegliches öffentliche Auftreten und lehnt ab. Holstein, seit Jahrzehnten wie kein Zweiter mit allen Geheimnissen der deutschen Diplomatie vertraut, bleibt Vortragender Rat – und behält seinen großen Einfluss, zumal Bülow in den ersten Jahren seiner Kanzlerschaft viel Zeit und Kraft für die Innenpolitik aufwenden muss.
Doch auch Bülow misstraut er. In einer wichtigen Frage nämlich sind der Kanzler und er konträrer Meinung. Wenn es überhaupt eine Ausnahme von der »Politik der freien Hand« geben sollte, dann wäre das für Holstein nur das Bündnis mit Großbritannien (gegen Russland). Bülow hingegen ist strikt antibritisch eingestellt und kann sich seinerseits nur ein Bündnis mit Russland vorstellen. Dementsprechend betrachtet Holstein die Flottenrüstung skeptisch, wendet sie sich doch direkt gegen England. Bülow indes hat sie auf seine Fahne geschrieben, weil der Kaiser sie unbedingt will. Aber wie immer sie auch streiten und sooft Bülow Holstein schließlich doch folgt: 1904 stehen sie beide vor den Trümmern ihrer »Politik der freien Hand«. Am 8. April schließen die alten Erbfeinde Großbritannien und Frankreich ihren Freundschaftsvertrag, die Entente cordiale.
Trost kommt aus dem Osten. 1905 ist das mit Frankreich verbündete Russland, durch die Niederlage im Krieg gegen Japan und eine erste Revolution geschwächt, außenpolitisch nicht aktionsfähig. Bülow und Holstein beschließen, diese Situation zu einem Vorstoß gegen Frankreich auszunutzen. Sie wollen die französische Expansion in Marokko stoppen, zugleich Frankreich demütigen und damit die neue englisch-französische Entente nachhaltig schwächen.
Am 31. März 1905 reist Wilhelm II. in die Hafenstadt Tanger – zum Zeichen, dass auch das deutsche Kaiserreich Ansprüche auf Marokko erhebt. Wenige Tage später fordert die Reichsregierung, eine internationale Konferenz von 13 Staaten einzuberufen, die über die Ansprüche Frankreichs und anderer Länder auf Marokko befinden soll. Holstein will die Regierenden in Paris durch Kriegsdrohungen einschüchtern, einen Krieg aber vermeiden.
Die Rechnung geht auf. Die französische Regierung weicht zurück und stimmt dem Berliner Vorschlag zu. Doch die internationale Konferenz, die von Januar bis April 1906 in der spanischen Stadt Algeciras tagt, endet mit einer schweren Niederlage für Deutschland: Die Konferenzmehrheit überträgt allein Frankreich die Kontrolle über die Polizei sowie das Finanz- und Zollwesen Marokkos.
Das Debakel zerreißt das Bündnis zwischen Bülow und Holstein. Bülow beschließt, sich seinen dominanten Mitarbeiter vom Halse zu schaffen – und ihn zugleich durch eine Pressekampagne der Öffentlichkeit als Sündenbock für Algeciras zu präsentieren. Mittels einer Intrige gelingt der Coup: Am 16. April 1906 entlässt der Kaiser Holstein.
Diesen trifft es wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er ist zunächst überzeugt, Wilhelms Busenfreund Eulenburg habe seinen Sturz herbeigeführt. Doch bald schon ahnt er, wer tatsächlich Regie geführt hat. Gleichwohl berät Holstein Bülow weiter. Die Politik lässt ihn nicht los, und nur Bülow ist, trotz aller Animositäten, für seine Ratschläge zugänglich. Im Übrigen sind sie sich in einem entscheidenden Punkt mittlerweile einig: Auch Bülow hat nun begriffen, wie hochgefährlich das deutsch-britische Flottenwettrüsten ist. Er bemüht sich, Einhalt zu gebieten, scheitert freilich am Widerstand des Kaisers und des Admirals Alfred von Tirpitz.
Holstein »berät« fleißig weiter. So verfahren Bülow und sein Mitarbeiter Alfred von Kiderlen während der Bosnischen Krise 1908/09 ganz nach seinen Anweisungen. Sie zwingen Russland durch ein Ultimatum, die Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn anzuerkennen – ein Prestigeerfolg gegen die britisch-französisch-russische Entente. Doch es ist ein Pyrrhussieg: Der deutsch-russische und der österreichisch-serbische Gegensatz spitzen sich weiter zu, und das gedemütigte Russland forciert seine Rüstungsanstrengungen.
In einem letzten Brief fleht er Bülow an, Frieden mit England zu machen
Am 3. April 1909 besucht Bülow den schwer kranken Holstein zum letzten Mal in dessen Wohnung in der Großbeerenstraße. Holstein beschwört den längst amtsmüden Kanzler auszuharren und ruft mehrmals mit letzter Kraft: »Bleiben, bleiben!« Drei Tage später schreibt er Bülow mühsam mit Bleistift einen Brief, in dem er ihn drängt, durch eine Verständigung über die Flottenrüstung »Frieden mit England« zu machen. Am 8. Mai stirbt Friedrich von Holstein.
Der Öffentlichkeit wird der Vortragende Rat erst nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs bekannt. Jetzt schreiben die meisten der gescheiterten Politiker der Kaiserzeit ihre Memoiren (oder lassen sie schreiben). Darin machen sie Holstein zum Sündenbock für alle außenpolitischen Fehlentscheidungen der letzten Jahrzehnte. Er sei es gewesen, der das Reich ins Unglück gestürzt habe. Nicht Wilhelm, nicht die Militärs – er sei der wahre Totengräber Deutschlands.
Erst die Veröffentlichung der Briefe, Tagebücher und Memoiren Holsteins (1932 und 1956 bis 1963) entzog der Dämonisierung der Grauen Eminenz den Boden. Gleichwohl trägt Holstein seinen Teil an der Schuld. Zwar hat er die politischen Eskapaden Wilhelms und insbesondere die unheilvolle Flottenrüstung intern kritisiert. Doch hat er zugleich maßgeblich zur Verschlechterung der deutsch-russischen Beziehungen beigetragen, und sein Hoffen auf ein Bündnis mit Großbritannien war illusionär.
1905/06 und 1908/09 plädierte er – im Streit mit Frankreich und dann mit Russland – nachdrücklich für einen riskanten Konfrontationskurs am Rande eines großen Krieges. 1906 kam das Deutsche Reich bei dieser Politik mit einem blauen Auge davon, 1909 errang es scheinbar einen Sieg. Als die Regierenden des Kaiserreichs 1914 Holsteins »Erfolgsrezept« erneut anzuwenden suchten, lösten sie die Katastrophe aus.
Der Autor ist Historiker und lebt in Apolda bei Weimar. Mehr zum Thema in seinem Buch »›Herrlichen Tagen führe Ich euch noch entgegen‹ – Das wilhelminische Kaiserreich 1890–1918«, das diesen Monat im Donat Verlag, Bremen, erscheint (288 S., 18,50 €)
- Datum 15.06.2009 - 12:48 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 07.05.2009 Nr. 20
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Ein sehr interessanter und spannend geschriebener Artikel! Ich bin auf das neue Buch des Autors sehr gespannt.
Zwei Informationen möchte ich anhängen:
Haben Sie Holstein auf dem Gemälde vom Berliner Kongress entdeckt? Er ist der Mann im Hintergrund, der an der linken Schulter Bismarcks "klebt".
Es gibt die Vermutung, dass Holstein auch den Vertrag von Björkö (1905) ausgearbeitet haben soll, der Russland wieder auf die deutsche Seite ziehen sollte. Vielleicht hat Holstein die Konsequenzen seiner Fehlentscheidung von 1890 erkannt und wollte es auf dieser Weise wiedergutmachen.
Einen Artikel zur Holsteins Außenpolitik findet man auch auf dem Zeitreisen-Blog.
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