Kaiserreich Der Mann im HintergrundSeite 5/5
Der Öffentlichkeit wird der Vortragende Rat erst nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs bekannt. Jetzt schreiben die meisten der gescheiterten Politiker der Kaiserzeit ihre Memoiren (oder lassen sie schreiben). Darin machen sie Holstein zum Sündenbock für alle außenpolitischen Fehlentscheidungen der letzten Jahrzehnte. Er sei es gewesen, der das Reich ins Unglück gestürzt habe. Nicht Wilhelm, nicht die Militärs – er sei der wahre Totengräber Deutschlands.
Erst die Veröffentlichung der Briefe, Tagebücher und Memoiren Holsteins (1932 und 1956 bis 1963) entzog der Dämonisierung der Grauen Eminenz den Boden. Gleichwohl trägt Holstein seinen Teil an der Schuld. Zwar hat er die politischen Eskapaden Wilhelms und insbesondere die unheilvolle Flottenrüstung intern kritisiert. Doch hat er zugleich maßgeblich zur Verschlechterung der deutsch-russischen Beziehungen beigetragen, und sein Hoffen auf ein Bündnis mit Großbritannien war illusionär.
1905/06 und 1908/09 plädierte er – im Streit mit Frankreich und dann mit Russland – nachdrücklich für einen riskanten Konfrontationskurs am Rande eines großen Krieges. 1906 kam das Deutsche Reich bei dieser Politik mit einem blauen Auge davon, 1909 errang es scheinbar einen Sieg. Als die Regierenden des Kaiserreichs 1914 Holsteins »Erfolgsrezept« erneut anzuwenden suchten, lösten sie die Katastrophe aus.
Der Autor ist Historiker und lebt in Apolda bei Weimar. Mehr zum Thema in seinem Buch »›Herrlichen Tagen führe Ich euch noch entgegen‹ – Das wilhelminische Kaiserreich 1890–1918«, das diesen Monat im Donat Verlag, Bremen, erscheint (288 S., 18,50 €)
- Datum 15.06.2009 - 12:48 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 07.05.2009 Nr. 20
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Ein sehr interessanter und spannend geschriebener Artikel! Ich bin auf das neue Buch des Autors sehr gespannt.
Zwei Informationen möchte ich anhängen:
Haben Sie Holstein auf dem Gemälde vom Berliner Kongress entdeckt? Er ist der Mann im Hintergrund, der an der linken Schulter Bismarcks "klebt".
Es gibt die Vermutung, dass Holstein auch den Vertrag von Björkö (1905) ausgearbeitet haben soll, der Russland wieder auf die deutsche Seite ziehen sollte. Vielleicht hat Holstein die Konsequenzen seiner Fehlentscheidung von 1890 erkannt und wollte es auf dieser Weise wiedergutmachen.
Einen Artikel zur Holsteins Außenpolitik findet man auch auf dem Zeitreisen-Blog.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren