Als der Pilot vollen Schub auf die Triebwerke gibt und die Beschleunigung mich in den Sitz drückt, ist meine Entscheidung gefallen: Ich werde aussteigen. Nicht aus diesem Flugzeug, mit dem ich in Urlaub fliege, sondern bei einem der größten Finanzberater Deutschlands. Beim AWD . Dabei bin ich noch gar nicht lange dabei.

»Gerade am Anfang müssen Sie Gas geben, um als Finanzberater erfolgreich zu sein. Wie bei einem Flugzeugstart.« Das hat Gerhard Wolf (Name geändert) mir wieder und wieder gesagt. Er war in den vergangenen drei Monaten mein Mentor. Und noch nie hat eine Organisation und ihre Art zu denken mich so schnell in ihren Bann gezogen.

Meine Zeit beim AWD beginnt mit einem seltsamen Bewerbungsverfahren. Zwei Stunden nachdem ich ein Formular im Internet ausgefüllt habe – Student kurz vor dem Diplom, an Finanzen interessiert, zielstrebig, günstig und fleißig, sucht Job –, höre ich die Stimme von Gerhard Wolf am Telefon. »Sie haben sich beworben, und wir möchten Sie kennenlernen. Kommen Sie doch nächsten Montag in mein Büro, und bringen Sie Ihren Lebenslauf mit.«

»Sonst nichts?«

»Sonst nichts.«

Das Vorstellungsgespräch ist ein Kaffeeklatsch, bei dem mein künftiger Chef mit mir über seine Familie, sein Haus, sein Auto und mein Interesse an Börsenkursen und spekulativen Investments plaudert. »Ich würde Ihnen etwas abkaufen, das ist erst mal das Wichtigste. Alles Weitere entscheidet unser Test für Führungskräfte«, lautet das Fazit nach fast zwei Stunden. Ich bekomme noch den Rat: »Ab jetzt ziehen Sie am besten immer ein weißes Hemd mit Krawatte an. Daran erkennt man uns.«

Als ich zum ersten Mal das Kölner Hauptquartier des AWD betrete, ist die Präsentation bereits in vollem Gange. Es geht um Geld. Nicht das der Anleger, sondern das der Berater. Die Beispiele sind beeindruckend: 400 Euro im Monat verdient man hier wohl schon, ohne wirklich zu arbeiten, sechsstellige Einkommen pro Monat scheinen nur eine Frage der Zeit zu sein.

Die meisten der 25 Mitbewerber sind Mitte bis Ende 20 und kommen wie ich von der Uni oder haben eine Ausbildung gemacht und gearbeitet. Die Gespräche auf dem Flur handeln meistens von der Anfahrt oder dem Wetter. Kaum einer scheint sich mit Finanzen auszukennen. Ich rede mit einem jungen Fitnesstrainer. »Die Ausbildungsstelle bei AWD ist meine große Chance«, sagt er. Dann unterhält er sich mit seiner »Führungskraft« über eine Geschichte aus einem Motivationsbuch, das er am Tag vorher gelesen hat: Zwei Männer wollen vor einem Bären fliehen. Während der eine schon läuft, bindet der Zweite sich noch die Schuhe. »Du musst schneller sein als der Bär, hör auf, deine Zeit zu verschwenden«, ruft der Erste. »Nein, ich muss nur schneller sein als du«, erwidert der Zweite. Der junge Mann und sein Mentor lachen. Jeder hier steht unter den Fittichen eines erfahrenen AWD-Mitarbeiters, der in den kommenden Monaten viel Zeit investieren wird, um seinen Schützling zu einem Finanzvermittler auszubilden. Auch meine Führungskraft ist anwesend. »Wir brauchen Mitarbeiter, die wirtschaftlich denken und andere überzeugen können«, sagt Wolf. »Sie sollten eine soziale Ader haben, aber keine zu starke. Wir wollen schließlich auch Geld verdienen.«