DIE ZEIT: Gab es einen biografischen Punkt, durch den Ihr Weg in die Opposition bestimmt wurde?

Wolfgang Templin: Für mich unweit von hier, nämlich an der Humboldt-Uni. Ich bin mit der Hoffnung auf ein Zukunftsprojekt DDR in dieses Philosophiestudium gegangen und habe am Ende, Mitte der siebziger Jahre, gemerkt, dass es das nicht war. Von dem Entschluss, innerhalb des Systems an seiner Entwicklung mitzuwirken, blieb nur heftige Verunsicherung, Ratlosigkeit, ein innerer Streik: Das nicht! Aber was? Zunächst einmal begann eine Suche in Milieus, die ich vorher kaum wahrgenommen hatte, die Kirchengruppen, die Alternativszenen am Prenzlauer Berg. Ich wollte zu einer Bewegung gehören, die den gesamten Ostblock aufbricht und verändert. Wir in der DDR waren Teil des Ostblocks und eines historischen Prozesses, der 1945 begann und uns in eine gemeinsame Situation gebracht hatte.

Ulrike Poppe: Bei mir waren schon als Kind ganz simple Erfahrungen auslösend für Empörung: dass Schüler aus politischen Gründen von der Schule flogen, dass Familien durch die Mauer auseinandergerissen wurden, dass uns verboten wurde, über das Westfernsehen zu erzählen. Die Heuchelei und Lügen, diese Erziehung, die Akzeptanz der Lüge. Dass wir die Rolling Stones nicht hören durften. Wir wollten Anschluss an die internationale Jugendkultur. Wir wollten Jeans und lange Haare tragen und uns nicht von dem Polizisten auf dem Bahnhof die Haare schneiden lassen. Das zielte noch gar nicht auf eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung, sondern war erst einmal nur Empörung gegen Unrecht, eingeschränkte Freiheit. Gab es das bei dir nicht, Wolfgang?

Templin: Ich versuchte das zu rationalisieren. Das waren unangenehme Erfahrungen in der Jetztzeit, denen ich aber lange die Vorstellung einer positiven Entwicklung des DDR-Sozialismus entgegengestellt habe.

Katrin Göring-Eckardt: Ich wollte als Jugendliche unbedingt für die DDR sein, auch weil mein Vater so dagegen war. Er war Fan von Franz Josef Strauß, er hatte Mein Kampf , schön ins Neue Deutschland eingepackt, auf dem Schrank liegen.

ZEIT: Was war Ihr Vater von Beruf?

Göring-Eckardt: Tanzlehrer, 1921 geboren. In Westdeutschland hätte man sich als 68er mit ihm auseinandersetzen müssen. Er wollte, dass darüber nicht geredet wird. Meine Mutter wurde 1952 von der Schule geworfen und durfte kein Abitur machen, weil sie zur Jungen Gemeinde ging. Das hat sich bei mir eingepflanzt. Andererseits gab es immer das Bemühen zu sagen, dass der Sozialismus eigentlich die sinnvollere und gerechtere Idee ist. Ich habe als Jugendliche gehört: Eigentlich müsste er funktionieren, wenn man es nur ein bisschen vernünftiger, besser und freier machen würde. Ich wollte Lehrerin werden. Als ich 16 war, hat mich meine Deutschlehrerin zu sich nach Hause bestellt. Sie sagte dann: Du kannst nicht Lehrerin werden. Du kannst den Kindern niemals ein Leben lang etwas erzählen, was du selber nicht glaubst. Ich habe zwei Wochen lang geheult. Aber da wurde mir klar, dass ich die Verstellung wirklich nicht ausgehalten hätte.

ZEIT: Eine erstaunliche Selbstoffenbarung der Lehrerin. War sie eine verkappte Dissidentin?

Göring-Eckardt: Das war eine Lehrerin, die damals kurz vor der Rente stand und sich immer darum gekümmert hat, dass ihre guten Schüler lernten, frei zu denken. Mit ihr haben wir in einem kleinen Kreis über Literatur geredet. Und in der Jungen Gemeinde, die ziemlich fromm gewesen ist, habe ich diskutieren gelernt.

Hans Misselwitz: Ich habe mit dem Wort Dissidenz ein Problem. Ich komme aus Verhältnissen, in denen man dagegen war. Für mich begann es politisch gerade in einer Phase, als ich aufhörte, auf die Dissidenten aus der kulturellen und politischen Elite zu hoffen. Mitte der siebziger Jahre, nach der Biermann-Ausbürgerung, als viele Intellektuelle in den Westen gingen, haben wir gedacht, dass wir jetzt dran sind. Wir gründeten 1977 mit Freunden einen Kreis, der sich Adorno-Kreis nannte, eine Art Aufarbeitung von 1968. Niemand dachte daran, den Staat direkt anzugreifen. Die DDR war Realität. Dass die SED das Monopol über diesen Staat hatte, war ein Unding, das wir nicht akzeptieren konnten.

ZEIT: Warum haben Sie dann Theologie studiert?