1989 »Das nicht! Aber was?«

Vier Bürgerrechtler aus dem Osten sprechen über die Magie von 1989 und was daraus geworden ist

DIE ZEIT: Gab es einen biografischen Punkt, durch den Ihr Weg in die Opposition bestimmt wurde?

Wolfgang Templin: Für mich unweit von hier, nämlich an der Humboldt-Uni. Ich bin mit der Hoffnung auf ein Zukunftsprojekt DDR in dieses Philosophiestudium gegangen und habe am Ende, Mitte der siebziger Jahre, gemerkt, dass es das nicht war. Von dem Entschluss, innerhalb des Systems an seiner Entwicklung mitzuwirken, blieb nur heftige Verunsicherung, Ratlosigkeit, ein innerer Streik: Das nicht! Aber was? Zunächst einmal begann eine Suche in Milieus, die ich vorher kaum wahrgenommen hatte, die Kirchengruppen, die Alternativszenen am Prenzlauer Berg. Ich wollte zu einer Bewegung gehören, die den gesamten Ostblock aufbricht und verändert. Wir in der DDR waren Teil des Ostblocks und eines historischen Prozesses, der 1945 begann und uns in eine gemeinsame Situation gebracht hatte.

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Ulrike Poppe: Bei mir waren schon als Kind ganz simple Erfahrungen auslösend für Empörung: dass Schüler aus politischen Gründen von der Schule flogen, dass Familien durch die Mauer auseinandergerissen wurden, dass uns verboten wurde, über das Westfernsehen zu erzählen. Die Heuchelei und Lügen, diese Erziehung, die Akzeptanz der Lüge. Dass wir die Rolling Stones nicht hören durften. Wir wollten Anschluss an die internationale Jugendkultur. Wir wollten Jeans und lange Haare tragen und uns nicht von dem Polizisten auf dem Bahnhof die Haare schneiden lassen. Das zielte noch gar nicht auf eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung, sondern war erst einmal nur Empörung gegen Unrecht, eingeschränkte Freiheit. Gab es das bei dir nicht, Wolfgang?

Templin: Ich versuchte das zu rationalisieren. Das waren unangenehme Erfahrungen in der Jetztzeit, denen ich aber lange die Vorstellung einer positiven Entwicklung des DDR-Sozialismus entgegengestellt habe.

Katrin Göring-Eckardt: Ich wollte als Jugendliche unbedingt für die DDR sein, auch weil mein Vater so dagegen war. Er war Fan von Franz Josef Strauß, er hatte Mein Kampf , schön ins Neue Deutschland eingepackt, auf dem Schrank liegen.

ZEIT: Was war Ihr Vater von Beruf?

Göring-Eckardt: Tanzlehrer, 1921 geboren. In Westdeutschland hätte man sich als 68er mit ihm auseinandersetzen müssen. Er wollte, dass darüber nicht geredet wird. Meine Mutter wurde 1952 von der Schule geworfen und durfte kein Abitur machen, weil sie zur Jungen Gemeinde ging. Das hat sich bei mir eingepflanzt. Andererseits gab es immer das Bemühen zu sagen, dass der Sozialismus eigentlich die sinnvollere und gerechtere Idee ist. Ich habe als Jugendliche gehört: Eigentlich müsste er funktionieren, wenn man es nur ein bisschen vernünftiger, besser und freier machen würde. Ich wollte Lehrerin werden. Als ich 16 war, hat mich meine Deutschlehrerin zu sich nach Hause bestellt. Sie sagte dann: Du kannst nicht Lehrerin werden. Du kannst den Kindern niemals ein Leben lang etwas erzählen, was du selber nicht glaubst. Ich habe zwei Wochen lang geheult. Aber da wurde mir klar, dass ich die Verstellung wirklich nicht ausgehalten hätte.

ZEIT: Eine erstaunliche Selbstoffenbarung der Lehrerin. War sie eine verkappte Dissidentin?

Göring-Eckardt: Das war eine Lehrerin, die damals kurz vor der Rente stand und sich immer darum gekümmert hat, dass ihre guten Schüler lernten, frei zu denken. Mit ihr haben wir in einem kleinen Kreis über Literatur geredet. Und in der Jungen Gemeinde, die ziemlich fromm gewesen ist, habe ich diskutieren gelernt.

Hans Misselwitz: Ich habe mit dem Wort Dissidenz ein Problem. Ich komme aus Verhältnissen, in denen man dagegen war. Für mich begann es politisch gerade in einer Phase, als ich aufhörte, auf die Dissidenten aus der kulturellen und politischen Elite zu hoffen. Mitte der siebziger Jahre, nach der Biermann-Ausbürgerung, als viele Intellektuelle in den Westen gingen, haben wir gedacht, dass wir jetzt dran sind. Wir gründeten 1977 mit Freunden einen Kreis, der sich Adorno-Kreis nannte, eine Art Aufarbeitung von 1968. Niemand dachte daran, den Staat direkt anzugreifen. Die DDR war Realität. Dass die SED das Monopol über diesen Staat hatte, war ein Unding, das wir nicht akzeptieren konnten.

ZEIT: Warum haben Sie dann Theologie studiert?

Misselwitz: Ich war bis Anfang der achtziger Jahre als Biochemiker an der Humboldt-Uni. Man machte mir klar, dass ich keine Perspektive an einer sozialistischen Universität hätte. Dann die Frage: bleiben oder gehen? Da meine Frau damals schon im kirchlichen Dienst war, hatten wir zusammen mit zwei Kindern eine soziale Existenzgrundlage. Die Theologie war eine Entscheidung für ein gemeinsames Engagement als Christen, auch in der Verantwortung für unsere Kinder. Wir fühlten: Wenn wir es politisch ernst meinen, ist der Wechsel in den Westen keine Lösung. Wir hatten ein gemeinsames Problem in Europa. Die Friedensbewegung sahen wir als Legitimationsbasis, öffentlich zu widersprechen.

ZEIT: Es ist im Rückblick schwierig, sich authentisch an die Wendezeit zu erinnern. 1989 »in echt« war ja eine offene Geschichte, mit ungeheurer Beschleunigung, Wann ging Ihnen auf, dass dieser Prozess unumkehrbar wurde?

Poppe: In drei Etappen. Die erste war der 9. Oktober in Leipzig, als die Menschen plötzlich spürten, dass sie sich mit Kerzen den Machthabern widersetzen konnten. Ein Bewusstsein eigener Stärke entstand. Dann, dass die Truppen der NVA und die Sowjettruppen nach dem 9. November in den Kasernen blieben, die Grenze nicht wieder geschlossen wurde und sich damit der ganze Eiserne Vorhang hob. Aber erst mit den freien Wahlen im März 1990, mit der Etablierung demokratischer und rechtsstaatlicher Verhältnisse, waren wir uns sicher, dass der Prozess unumkehrbar geworden ist.

Göring-Eckardt: Bis Ende November waren wir uns nicht sicher, ob die Entwicklung nicht auch wieder umkippt. Als die Grenze aufblieb und als so viele nach Westen unterwegs waren, aber auch wieder zurückkamen, wusste man irgendwann, dass sich das nicht mehr zurückdrehen ließ. Ich fand die Zeit, als wir darüber diskutiert haben, wie wir ein anderes System erreichen können, unendlich spannend. »Wollen wir jetzt wirklich die Einheit, oder wollen wir uns erst einmal selber entwickeln und dann irgendwann die deutsche Einheit haben?« Dieses ewig alte Thema hat mich sehr umgetrieben. Dass im Laufe der Entwicklung das Diskutieren und das Demonstrieren nachließen, war für mich eine Enttäuschung. Trotzdem blieb die Begeisterung dafür, dass sich so viele Leute entschieden hatten, etwas zu tun, dass sie ihrer Angst nicht nachgaben, sondern den Mut hatten, vor die Tür zu gehen.

ZEIT: Die Opposition befand sich lange in extremer Minderheitensituation. Waren Sie bitter?

Poppe: Manchmal war es schon sehr erdrückend. Mir kamen immer wieder Zweifel, ob das alles einen Sinn hat. Wir waren als Staatsfeinde stigmatisiert.

Templin: Ich habe das als Ehrenprädikat angesehen, und ich wäre beleidigt gewesen, wenn sie mir das verweigert hätten.

Poppe: Ja, so habe ich es dann auch versucht zu sehen. Ich hatte nichts mehr zu verlieren. Nach einer zeitweiligen Untersuchungshaft beim MfS musste mich meine damalige Arbeitsstelle, das Museum für Deutsche Geschichte, 1984 wieder einstellen. Das geschah auf Anweisung der Stasi, um mich dort durch entsprechende inoffizielle Stasi-Mitarbeiter kontrollieren zu können. Der Generaldirektor des Museums hat mir damals gesagt: Sie bekommen in der DDR keinen Fuß mehr auf den Boden. Das hieß: Gehen Sie nach drüben. Andererseits hat mich die Unmöglichkeit, in der DDR noch irgendetwas zu werden, frei gemacht, mich in der Opposition zu profilieren. Ich fand eine Heimat bei denjenigen, die sich wie ich über die entwürdigenden Zwänge und Bevormundungen empörten.

ZEIT: Haben Sie sich gegen Ihre Minderheitensituation mit Volksverachtung gewehrt? Oder mit Elitegefühlen?

Poppe: Ja, die Situation war nur zu ertragen in dem Gefühl, moralisch besser zu sein als diejenigen, die sich aus Opportunismus der Macht andienten.

Templin: Wir hatten vielleicht Verachtung für die Schergen. Aber viel wichtiger war für mich die Frage: Wie kommt es, dass bei so vielen, die wir eigentlich erreichen wollen, der Funke nicht überspringt? Man passte sich nicht nur aus Furcht und Ausweglosigkeit an, sondern auch, weil man sich einrichten wollte. Auch in Polen gab es das System, aber die Gesellschaft war viel sperriger. 90 Prozent der DDR-Intellektuellen unterstützten die SED-Diktatur.

Misselwitz: Teil einer Minderheit zu sein war sicher oft bedrückend. Aber nicht immer. Für mich war es auch eine reiche Zeit, in der wir erlebten, wie Menschen sich öffneten, und es viele Erfahrungen von Solidarität gab. Wir hatten den Pankower Friedenskreis. Die Frage war: Wodurch können wir als Minderheiten den gesellschaftlichen Wandel effektiv inspirieren? Wann passiert der Umschwung, wo die Mehrheit bereit ist, den Pakt mit dieser Machtkulisse aufzugeben? Dafür braucht es ein paar Strukturen. Es braucht Menschen, die das vorleben, die Organisation bieten, die Anlässe schaffen und die Signale aussenden. 1989 gab es sie.

ZEIT: 1989 wurde die Opposition plötzlich zum Kern einer Bewegung, die das SED-Regime zum Einsturz brachte. Und dann, bei den Volkskammerwahlen am 18. März 1990 entfielen auf das Bündnis 90 spektakuläre 2,9 Prozent. Ulrike Poppe sagte danach sinngemäß, so sei das eben mit Bürgerrechtlern; sie stoßen etwas an, das sich dann selbstständig macht. Das klang nach Selbsttröstung.

Poppe: Nicht nur, es lag auch daran, dass wir ein distanziertes Verhältnis zur Macht hatten. Wir taten uns auch unter den veränderten Verhältnissen schwer, Macht positiv als Gestaltungsmöglichkeit zu begreifen. Ich erinnere mich noch, als es darum ging, wer am Runden Tisch sitzen soll, da wollte niemand.

Göring-Eckardt: Also, ich wollte. Ich war natürlich noch jung, und es war ein kleiner, regionaler Runder Tisch, aber ich wollte.

Poppe: Viele waren der Auffassung: Wenn wir echte Demokraten sind, dann müssen wir auch der Mehrheit erlauben, ihr Urteil zu fällen. Dass die in uns Oppositionellen nicht die Experten gesehen haben, die das Land aus dem Staatsbankrott reißen, ist nachvollziehbar.

Misselwitz: Ich bin am 1. September 1989 Pfarrer in Hennigsdorf geworden. Dort erlebte ich die Arbeiter. Mitte Oktober fingen die Demonstrationen an. Am Tag nach der Leipziger Montagsdemonstration kam eine Delegation von vier Leuten aus dem Stahlwerk zu mir – zwei Ältere, zwei Jüngere. Sie fragten mich: Herr Pfarrer, was machen wir jetzt? Wenn wir jetzt losmarschieren, dann wird es hart. Sie erzählten dann die Geschichte von 1953. Vierzehn Tage später gab es die erste Demonstration in Hennigsdorf. Ich habe dann zu diesen Demos immer die Leute nach Hennigsdorf eingeladen, die ich aus der Berliner Opposition kannte. Die Hennigsdorfer hörten ihnen zu. Es gab Beifall, wenn es gegen die SED ging, aber eigentlich trieben sie andere Dinge um. Sie sagten: Ihr denkt an eure große Demokratie und an Systemfragen. Wir sehen bloß, dass es hier nicht mehr funktioniert. Es ging also vor allem um ökonomische und soziale Fragen. Meine Entscheidung, in die SPD zu gehen, lag in der Überlegung begründet, dass es diese Leute sind, um die es geht, wenn es gelingen soll. Und: Unter der SPD konnten sie sich etwas vorstellen.

ZEIT: Das DDR-Volk, inklusive Bürgerrechtlern, war sich weitgehend einig, was es nicht mehr wollte. Was es wollte, darüber gab es keine Einigkeit.

Poppe: Es gab einen Minimalkonsens gegen die entmündigenden Strukturen. Aus dieser Demütigung herauszukommen war auch der Impuls für die Losung »Wir sind das Volk«.

ZEIT: Woran lag es, dass Helmut Kohl die Kräfte des Aufbruchs so schnell überstrahlte?

Göring-Eckardt: Wir haben es nicht geschafft, die Leute davon zu überzeugen, dass man sich gemeinsam auf den Weg begeben kann, auch ohne dass jemand schon genau vorgibt, wo es langgeht. Hinzu kam dann etwas von außen, dieses Überrollen der »Allianz für Deutschland«. Plötzlich hingen überall diese Plakate …

Templin: Ja, natürlich, weil sie die Infrastruktur der Blockparteien übernommen haben.

Göring-Eckardt: Ja, klar. Und wir haben darüber diskutiert, ob man Plakate mit Nägeln an Bäumen befestigen darf. Trotzdem war das nicht nur eine Niederlage. Das, was bleibt, ist die Freiheit. Auch in der Situation, in der wir verloren hatten, waren wir frei, weiter zu reden, etwas zu tun und es besser zu machen.

Templin: Die Menschen haben nicht nach Überzeugungen gefragt. Sie haben nach Interessen gehandelt und sich gefragt: Wer ist der Stärkste? Wer hat die Erfahrung und vor allem das Geld in der Hand? Wer kann uns am schnellsten ans andere Ufer bringen? Dass sie uns das nicht zutrauten, kann ich ihnen nicht einmal verdenken.

ZEIT: Der öffentliche Diskurs ist heute durch die westliche Mehrheitsgesellschaft geprägt. Ist das Wir-sind-das-Volk zum Fünftelvolk geworden?

Göring-Eckardt: Ich fühle mich nicht als Teil eines Fünftels. So wenige sind wir nicht: auch nicht in der Öffentlichkeit, in öffentlichen Ämtern, in der Wirtschaft. Das wird immer wieder unterschätzt. Meine Generation ist in Ost wie West 1989 in die Politik eingestiegen. Unsere Geschichte war bis dahin nicht gleich, aber von da an wurde sie gemeinsam gelebt. Unsere gemeinsame bewusst gelebte Geschichte als Generation ist heute schon länger als die davor.

ZEIT: Hat sich während dieser Wende oder Revolution Ihr Menschenbild geändert?

Poppe: Vor 1989 habe ich die Mehrheit der Menschen so erlebt, dass sie die herrschenden Verhältnisse abgelehnt oder auch billigend in Kauf genommen hat. Aber im Herbst 1989 haben diese Menschen Ideen und Konzepte entfaltet und eine Diskussionskultur gezeigt. Es liegen sehr viel mehr Potenziale in den Menschen, als ich jemals für möglich hielt.

ZEIT: Diese demokratische Aufbruchskreativität war spätestens mit der Wahl vom 18. März vorüber.

Göring-Eckardt: Ja, die Leute hatten zu dem Zeitpunkt, als wir gerne weiter über die Verfassung diskutieren wollten, einfach andere Interessen und andere Sorgen. Mir geht es ähnlich wie Ulrike Poppe. Ich habe in dieser Zeit gelernt, dass man gegenüber den Menschen doch sehr optimistisch sein kann, wenn es um eine Frage geht, die sie brennend interessiert. Sie können dann Grenzen, innere Grenzen, überwinden, die sie zuvor für völlig unüberwindbar gehalten haben. Ich habe etwas Ähnliches später noch einmal in der Ukraine erlebt, während der Orangenen Revolution. Die Demonstranten sagten immer wieder: Wir sind viele, und wir sind nicht zu besiegen. Ich habe mit ihnen diskutiert, wie es weitergehen sollte. Und sie haben geantwortet: Das sollen die machen, die es können. Wir können das nicht mit der Politik. Das klang enttäuschend. Aber es hat mich auch an den Herbst 89 erinnert.

Templin: Kaum einer der Akteure damals hat die Tiefe des Grabens zwischen Ost und West vorhergesagt. Und wie stabil ist diese Demokratie? Welchen Belastungen hält sie stand?

Göring-Eckardt: Wenn man sich ansieht, dass die Zustimmung zur Demokratie in Ostdeutschland abnimmt, müssen wir als Politiker uns fragen, warum es uns nicht gelingt zu zeigen, dass die Demokratie eine wunderbare Sache ist.

Misselwitz: Interessant wird es als Demokrat doch erst, wenn man die Institutionen selber miterschafft, wenn ihr Sinn aus dem Gebrauch wächst. Aber was geschah 1990? Der Eindruck war: Der Zug ist abgefahren. Die westdeutsche politische Klasse demonstrierte, dass sie es ist, die die Sache regeln kann. Diese Blaupause West ist ein tief sitzender Schaden, der bei einer ganzen Ost-Generation nachwirkt und blockiert. Zur Demokratie gehört eben auch die Gestaltungskompetenz.

ZEIT: Welche Rolle spielte die deutsche Einheit für den Herbst 1989?

Poppe: Unser Ziel war ein blockfreies vereinigtes Europa. Im Zusammenhang damit konnten wir uns vorstellen, dass die beiden deutschen Staaten zusammenkommen. Noch auf der Demonstration vom 4. November gab es kein einziges Plakat, auf dem die Wiedervereinigung eine Rolle spielte. Die kam erst mit dem Mauerfall am 9. November auf die Agenda. Für mich waren die Mauer und das Grenzregime etwas Schreckliches. Das vereinigte Deutschland ist für mich kein großes Thema gewesen.

Misselwitz: Deutsche Einheit war 1990, nicht 1989. Ich verstehe, dass sich für die Mehrheit im Westen das Jahr 1989 mit den Bildern von Flüchtlingen und dem Mauerfall verbindet. In diesen Bildern fällt 1989 mit der Einheit zusammen. In dieser Art Erinnerung gibt es drei Stationen: die Öffnung der ungarischen Grenze, Hans-Dietrich Genscher auf dem Prager Balkon, Mauerfall. Die Erinnerungslücke in Bezug auf demokratischen Wandel, gesellschaftlichen Umbau wächst.

Templin: Es gibt auch die Leute, die 1989 als europäisches Jahr verstehen. Daran können die Herzenspatrioten mit ihrer nationalen Aufwallung nicht einfach vorbei. Bei mir ist die osteuropäische Hälfte des Herzens bis heute stärker.

Göring-Eckardt: Ich habe nicht auf die Einheit hingearbeitet. Ich würde auch sofort sagen, dass ich mich als Europäerin fühle. Aber es gefällt mir sehr gut, dass wir dieses gemeinsame Land haben. Auch dass ich in Gelsenkirchen so viel »Osten« entdecke und so viel »Westen« im Prenzlauer Berg.

Templin: Diese in Ost und West unterschiedenen Geschichten sind für mich immer noch viel stärker als die gemeinsame Geschichte, die es auch gibt. Bis die gemeinsame Geschichte stärker wird, wird vielleicht noch einmal doppelt so viel Zeit wie bisher vergehen. Die anspruchsvolleren Probleme bei der Gestaltung der Einheit haben wir noch vor uns.

Misselwitz: Ich wünsche mir, dass auch im Westen kritisch über die eigene Geschichte nachgedacht wird. Wann können wir endlich auf Augenhöhe reden? Jeder im Westen weiß, dass die westdeutsche Gesellschaft auch nicht die perfekte ist. Wenn du aber als Ostdeutscher einmal damit anfängst, westdeutsche Eigenheiten infrage zu stellen, dann bist du Kommunist.

Templin: Ja, genau, dann bist du ein Deutschlandverweigerer.

Das Gespräch führten Christoph Dieckmann und Matthias Geis

 
Leser-Kommentare
  1. Göring-Eckardt: Wenn man sich ansieht, dass die Zustimmung zur Demokratie in Ostdeutschland abnimmt, müssen wir als Politiker uns fragen, warum es uns nicht gelingt zu zeigen, dass die Demokratie eine wunderbare Sache ist

    Ja warum nur? ... weil die Menschen heute rund um die Uhr eine Demokartieaufführung erleben dürfen, welche mit den selben inszenatorischen Mitteln arbeitet, wie einst die SED und ihre Blockparteien. Zudem hat sich die politische Klasse heute noch viel weiter von der Lebenswirklichkeit der Menschen entfernt. Sie lebt die Arroganz der Macht auf offener Bühne und nicht verschähmt hinter Stacheldraht in Wandlitz. Was wirklicher Opportunismus ist, durfte ich erst in der Freiheit lernen, wo er alle Bereiche der Gesellschaft prägt, ohne dass sie sich auf Verfolgung und staatliche Repressalien herausreden kann.

    Frau Göring-Eckardt hat gewiss ihre historischen Verdienste, aber mit ihrer schwachen Analyse zeigt sie, dass sie der Wucht und Durchschlagskraft der bundesdeutschen Machtmaschine nichts substanzielles entgegenzusetzen hat. Lieber ist sie nun selbst ein gut geschmiertes Rädchen im Getriebe, welches Arbeitslosen, Hartz-Abhängigen, Suppenküchenbesuchern, 1-Euro-Jobbern, Leiharbeitern, den mehr als zwei Millionen Armutskindern, und allen, die mit ihrem Steuergeld für Finanzverbrecher, Politikversagen und Kampfeinsätze zahlen, erzählt, was die Demokratie für eine wunderbare Sache ist... besten Dank dafür.

  2. 2. Danke!

    Endlich mal wieder Meinungen zu diesem Thema, welche nahe zu meinen Erfahrungen, Wünschen, ... aus dieser Zeit sind.
    Leider war diese Zeit zu kurz :-(
    Für mich war die Märzwahl das Ende; und weniger die Bestätigung dass es unumkehrbar ist; es war für uns relativ sicher, als klar war, dass die Russen (die SU) sich nicht militärisch einmischen werden. Ich kann mich gut erinnern wie wir heimschlichen, aus der Dresdner Innenstadt, als die ersten Hochrechnungen kamen.
    Seit dem versuche ich, zusammen mit so vielen als möglich, ein Europäer deutscher Nation zu werden!

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