1989 »Das nicht! Aber was?«Seite 5/5

Templin: Es gibt auch die Leute, die 1989 als europäisches Jahr verstehen. Daran können die Herzenspatrioten mit ihrer nationalen Aufwallung nicht einfach vorbei. Bei mir ist die osteuropäische Hälfte des Herzens bis heute stärker.

Göring-Eckardt: Ich habe nicht auf die Einheit hingearbeitet. Ich würde auch sofort sagen, dass ich mich als Europäerin fühle. Aber es gefällt mir sehr gut, dass wir dieses gemeinsame Land haben. Auch dass ich in Gelsenkirchen so viel »Osten« entdecke und so viel »Westen« im Prenzlauer Berg.

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Templin: Diese in Ost und West unterschiedenen Geschichten sind für mich immer noch viel stärker als die gemeinsame Geschichte, die es auch gibt. Bis die gemeinsame Geschichte stärker wird, wird vielleicht noch einmal doppelt so viel Zeit wie bisher vergehen. Die anspruchsvolleren Probleme bei der Gestaltung der Einheit haben wir noch vor uns.

Misselwitz: Ich wünsche mir, dass auch im Westen kritisch über die eigene Geschichte nachgedacht wird. Wann können wir endlich auf Augenhöhe reden? Jeder im Westen weiß, dass die westdeutsche Gesellschaft auch nicht die perfekte ist. Wenn du aber als Ostdeutscher einmal damit anfängst, westdeutsche Eigenheiten infrage zu stellen, dann bist du Kommunist.

Templin: Ja, genau, dann bist du ein Deutschlandverweigerer.

Das Gespräch führten Christoph Dieckmann und Matthias Geis

 
Leser-Kommentare
  1. Göring-Eckardt: Wenn man sich ansieht, dass die Zustimmung zur Demokratie in Ostdeutschland abnimmt, müssen wir als Politiker uns fragen, warum es uns nicht gelingt zu zeigen, dass die Demokratie eine wunderbare Sache ist

    Ja warum nur? ... weil die Menschen heute rund um die Uhr eine Demokartieaufführung erleben dürfen, welche mit den selben inszenatorischen Mitteln arbeitet, wie einst die SED und ihre Blockparteien. Zudem hat sich die politische Klasse heute noch viel weiter von der Lebenswirklichkeit der Menschen entfernt. Sie lebt die Arroganz der Macht auf offener Bühne und nicht verschähmt hinter Stacheldraht in Wandlitz. Was wirklicher Opportunismus ist, durfte ich erst in der Freiheit lernen, wo er alle Bereiche der Gesellschaft prägt, ohne dass sie sich auf Verfolgung und staatliche Repressalien herausreden kann.

    Frau Göring-Eckardt hat gewiss ihre historischen Verdienste, aber mit ihrer schwachen Analyse zeigt sie, dass sie der Wucht und Durchschlagskraft der bundesdeutschen Machtmaschine nichts substanzielles entgegenzusetzen hat. Lieber ist sie nun selbst ein gut geschmiertes Rädchen im Getriebe, welches Arbeitslosen, Hartz-Abhängigen, Suppenküchenbesuchern, 1-Euro-Jobbern, Leiharbeitern, den mehr als zwei Millionen Armutskindern, und allen, die mit ihrem Steuergeld für Finanzverbrecher, Politikversagen und Kampfeinsätze zahlen, erzählt, was die Demokratie für eine wunderbare Sache ist... besten Dank dafür.

  2. 2. Danke!

    Endlich mal wieder Meinungen zu diesem Thema, welche nahe zu meinen Erfahrungen, Wünschen, ... aus dieser Zeit sind.
    Leider war diese Zeit zu kurz :-(
    Für mich war die Märzwahl das Ende; und weniger die Bestätigung dass es unumkehrbar ist; es war für uns relativ sicher, als klar war, dass die Russen (die SU) sich nicht militärisch einmischen werden. Ich kann mich gut erinnern wie wir heimschlichen, aus der Dresdner Innenstadt, als die ersten Hochrechnungen kamen.
    Seit dem versuche ich, zusammen mit so vielen als möglich, ein Europäer deutscher Nation zu werden!

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