Da ist ein Mann auf seinem Weg zur Arbeit, wie leicht kann man ihn übersehen. Es ist noch dunkel, kurz nach vier, als er mit bedächtigen Schritten die Treppen zum U-Bahnhof Rauhes Haus hinabsteigt. Die Sohlen seiner Turnschuhe quietschen leise auf den Kacheln, auf dem Bahnsteig in Richtung Innenstadt stellt er seine Tasche ab. Er trägt eine dunkle Lederjacke und eine schwarze Jogginghose. Seine Schirmmütze ist tief in die Stirn gezogen, fast wie ein Visier. Nichts Auffälliges ist an ihm. Bis auf seine schwarze Haut.

Samuel Kwasi Opoku, geboren am 25. Januar 1948 in Ghana, ein kräftiger, nicht sehr großer Mann vom Stamme der Ashanti, betritt diesen Bahnhof im Hamburger Osten als Nachtgestalt. Wie ein stummer Alltagskomparse steht er am Gleis und wartet. Allein mit sich und seinen Gedanken, die in der Bleischwere einer ausklingenden Nacht immer zweifelnder sind als später, am Tag, wenn die Hektik seine Fragen erstickt. Ist das, was er hier tut, das, was er tun wollte? Und was werden seine Söhne machen, wenn sie einmal erwachsen sind?

Wer einen Doktortitel hat, der ist oben. So sieht Samuel Opoku die Welt

Im Fernsehen hört Samuel Opoku die deutschen Politiker manchmal von »Integration« reden. Vor allem, wenn Kinder im Alter seiner Söhne wieder Mist gebaut haben. Aber was erwarten diese Politiker von ihm, von Samuel Opoku? Vor 27 Jahren ist er in Hamburg angekommen, fast ebenso lange stellt er sich diese Fragen. Nur kann sie niemand hören, weil Samuel Opoku sie niemals ausspricht. Sein Deutsch ist immer noch zu schlecht.

Der Zug fährt ein und nimmt ihn mit zum Jungfernstieg, aus dem rauen Stadtteil Horn in Hamburgs feine Mitte. Es ist fünf Uhr, als Samuel Opoku im Keller der Hamburgischen Staatsoper Eimer, Mülltüten und Duftreiniger auf einen Putzwagen stapelt und noch einige Lappen dazu, blaue für die Tische, rote für die Toiletten.

Es wird dann sechs, als auch seine Frau Mavis, schwarz wie Samuel, die kleine Mietwohnung in Hamburg-Horn verlässt, um Raphael, den Zweijährigen, zum Kindergarten zu bringen. Ehe dann auch sie zu putzen anfängt, in einem Einkaufszentrum nah der Alster.

Es wird dann sieben, wenn im Flur derselben Wohnung das Telefon klingelt, weil die Opokus Tag für Tag mit einem Anruf von der Arbeit ihre drei älteren Söhne wecken, Godwin, Winfried und Felix, den Großen, der dann seinen MP3-Player anstellt, um beim Zähneputzen Rap von P. Diddy zu hören, während Godwin und Winfried aus ihrem Etagenbett klettern und sich Hosen, T-Shirts und Pullover suchen in einem Zuhause, das auf den ersten Blick nichts als Unordnung und Enge ist. Wo Handtücher über Türen trocknen, auf dem Boden Wäsche liegt und sich Schuhe stapeln, überall.

Es wird dann acht, wenn die drei Jungen das Treppenhaus hinunterhasten, vorbei an den Klingelschildern der Pinis, Sahins, Singhs, vorbei an der Aldi-Filiale, über die vierspurige Horner Landstraße und hinauf zur Schule in den stillen Horner Weg. Es gibt dort zwei: die Gesamtschule mit 70 Prozent Ausländeranteil. Und die Schule der Opoku-Kinder: die Wichern-Schule mit etwas mehr als 20 Prozent Ausländeranteil. Mit 1500 Schülern ist sie die größte evangelische Privatschule in Norddeutschland.

Der Vater putzt seit drei Stunden, wenn seine Söhne dort, oft etwas zu spät, an ihre Pulte stürzen. Winfried, der Zweitklässler. Godwin, der Sechstklässler. Und Felix, der Zehntklässler, der ins backsteinerne Paulinum hetzt, einen kirchenartigen Schulbau aus der Kaiserzeit, an dessen Portal die Namen früherer Abiturienten in Messing gefräst sind.

Samuel Opoku hofft, dass diese Schule eine Antwort ist auf jene Fragen, die ihm durch den Kopf gehen. Dass ihr Portal das Tor wird, durch das seine Kinder es nach Deutschland schaffen. Söhne eines putzenden Afrikaners, aus denen Juristen oder Wirtschaftswissenschaftler werden. Am liebsten aber Ärzte. »Doctors« , dieses Wort intoniert Samuel Opoku voller Ehrfurcht. Wer Arzt ist, ist oben. Deshalb wolle er, dass sie lernen. Damit sie nicht tun müssen, was er tut. Damit sie nicht werden, was er ist. In Samuel Opokus Worten heißt das: »I tell them to study hard. To have a better life.«

Felix, geboren am 27. März 1993 in Hamburg, sitzt in der Schule in der ersten Reihe links außen. Ein stiller Junge mit Kapuzenpulli und weißen Turnschuhen. Er ist groß und schmal, in seinen dunklen Augen liegt etwas Suchendes. Und in seinen Zügen kündigt sich eine Ähnlichkeit zum Vater an.

Der älteste Sohn geht aufs Gymnasium – er darf keine Freundin haben

Im Paulinum stehen neun Stunden an. In Raum P.05 sortieren 21 Schülerinnen und Schüler ihre Taschen und sich selbst. Die Pubertät hat den Jungen die Stimmen aufgeraut und die Mädchen plötzlich zu Frauen geformt. Manchmal werfen die Jungen befangene Blicke. Die zehnte Klasse ist eine Schicksalsstufe. Kinder verwandeln sich in Erwachsene. Und mit dem nächsten Zeugnis entscheidet sich, welchen Weg sie nehmen, ob sie den Sprung in die Oberstufe schaffen, zum Abitur. Eine Arbeit folgt der nächsten, Englisch, Deutsch, Französisch, Mathematik. Vorn an der Tafel steht Victor Rengstorf, der Klassenlehrer, in Jeans und dunklem Sakko. 30 Jahre in der Schule haben seine Stimme geschliffen, wie ein Messer durchschneidet sie das Gemurmel der Schüler. »Können wir jetzt anfangen?« Es ist mehr Feststellung als Frage. Die Religionsstunde beginnt.

Es geht um Ostern, um die Auferstehung Jesu und die Vorstellungen der Christen von einem Leben nach dem Tod. Es sind meist Mädchen, die sich melden. Die Jungen verbringen die Stunde hinter verschränkten Armen. Rengstorf spricht den Test durch, den er vorige Woche hat schreiben lassen. Worin unterscheidet sich die älteste Auferstehungsgeschichte, die des Paulus, von den späteren? Alle vier Evangelisten schildern die Auferstehung – worin sind sich alle einig? Was war das Fischwunder? Wie stellt sich Matthäus das Jüngste Gericht vor? Nach welchen Kriterien kommt der Mensch laut Matthäus in den Himmel?

»Der unglaubliche Thomas, lieber Max, ist übrigens der ungläubige Thomas«, sagt Rengstorf.

Unter Gelächter gibt er die Tests zurück. In der Klasse erhebt sich »Und was hast du?«-Geschnatter. Felix hat eine Drei minus. Er lächelt seine Enttäuschung weg. Dann dreht er das Blatt um.