Papstbesuch Auf dem heiklen Stuhl

Schwierige Mission im Heiligen Land: Beim Besuch von Benedikt XVI. in Israel steht die Zukunft seines Pontifikats auf dem Spiel

Begrüßungstransparent für den Papst in Joranien, Madaba am 5. Mai

Begrüßungstransparent für den Papst in Joranien, Madaba am 5. Mai

Seitdem er Papst geworden ist, hat Joseph Ratzinger nicht mehr ein Leben, sondern zwei. Das wichtigste Verkehrsmittel von Benedikt XVI. ist darum nicht das Papamobil. Es ist der Aufzug, der seine zwei Leben verbindet. Das eine findet im zweiten Stock des apostolischen Palastes am Petersplatz statt, es ist das Leben für die Staatsbesucher, Bischofsdelegationen und Fernsehkameras. Das andere, im dritten Stock, ist stiller, privater und zugleich wichtiger: Hier wird geschlafen, gebetet und gegessen, aber auch beraten und regiert. Anders als im offiziellen Aufzug im Palast, der über reichlich Platz, Pracht und einen Fahrstuhlführer verfügt, wird es im privaten Papstlift schon drangvoll eng, wenn mehr als zwei Benutzer gleichzeitig einsteigen. Allerdings ist das selten der Fall. Abgesehen vom Papst hat noch sein Sekretär eine Unterkunft im Obergeschoss. Neben den Druckknöpfen im Aufzug markieren zwei farbige Zettel die Stockwerke, gelb der eine, weiß der andere, damit auch der dritte regelmäßige Liftfahrer sich zurechtfindet, wenn er auf Besuch ist: Georg Ratzinger, der große Bruder, dessen Augen sich schwertun, die Ziffern zu lesen.

Der Privatlift des Papstes verbindet nicht nur zwei Etagen des Palastes, sondern auch die zwei Welten eines sehr besonderen älteren Herrn: Gott und die Politik. Zwischen diesen zwei Anforderungen ist der Papst, das hat man gelernt, immer für einen Fehler gut. Die Gefahr ist nirgends so groß wie auf seiner nächsten, der schwierigsten Reise, die ihn Ende der Woche ins Heilige Land führt. In Israel, wo der Spielraum angemessener Worte und Gesten für jeden Deutschen minimal ist, wird die Welt mit angehaltenem Atem den Pontifex agieren sehen.

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Benedikt reist mit schwerem Gepäck: Es ist die Reise eines Papstes, der schon von Amts wegen die Last von zwei Jahrtausenden christlich-jüdischer Geschichte mit sich trägt – eine Geschichte der Diskriminierung und Verfolgung von Juden durch Christen. Es ist die Reise eines Deutschen der Kriegsgeneration in den Staat Israel, der als Antwort auf die Schoah gegründet wurde. Und es ist die Reise Joseph Ratzingers, der persönlich die Beziehungen der Kirche zum Judentum belastete: Er hat für die lateinische katholische Messe einen Gebetstext formuliert, in dem Kritiker den arroganten Geist christlicher Judenmission wiederaufleben sahen. Vor allem aber erließ Benedikt XVI. Anfang des Jahres vier Bischöfen der traditionalistischen Pius-Bruderschaft die Exkommunikation, bevor er erfuhr, dass einer davon ein Holocaust-Leugner war. Er fährt nach Israel wie auf Bewährung. Im fünften Jahr seines Pontifikats, im Alter von 82 Jahren, ist Benedikt XVI. der Papst, der sich beweisen muss.

Wie ein Fluch, wie ein böser Zauber hat sich das Missgeschick an die Fersen dieses Mannes geheftet – und ihn zu einem Papst in der Defensive werden lassen. Sein bedeutender, ja historischer Besuch 2006 in der Blauen Moschee von Istanbul wirkte vor allem als Wiedergutmachung für die Rede von Regensburg. An seiner alten Universität hatte er noch einmal wie der Professor, der er einst war, über die Stärken und Schwächen von Religionen philosophieren wollen – und die muslimische Welt in Aufruhr versetzt. Sein Satz vom April 2009, Kondome vergrößerten nur die Gefahr von Aids – gefallen im Flugzeug Richtung Jaunde, Kamerun –, stellte fast völlig in den Schatten, was das Oberhaupt von einer Milliarde Katholiken in Afrika vermitteln wollte. Beinahe vergessen ist da schon wieder der Bischofskandidat für Linz, ein skurriler Hardliner, den Rom zurückziehen musste nach nie gekannten Protesten von Klerus und Kirchenvolk. Von »zyklischen Krisen« des Pontifikats spricht darum Marco Politi, der Vatikanexperte der römischen Zeitung La Repubblica. Eine Öffentlichkeit, die halbwegs bereit war, dem Papst eine Chance zu geben, kehrt zu ihrem alten Bild vom »Panzerkardinal« Ratzinger zurück. Hat Benedikt XVI. noch eine Chance?

Wer den Papst besucht, den erwartet die Farbenpracht der Schweizer Garde und dahinter eine Welt der Gobelins, goldenen Sessel und reich verzierten Kassettendecken. Wer dagegen den Oberrabiner von Rom besucht, keine fünf Kilometer vom Vatikan entfernt, dem öffnet sich eine Seitentür der Synagoge und gibt den Blick frei auf Wände, die lange keine frische Farbe gesehen haben, auf Kabel, die unverputzt aus dem Mauerwerk quellen. Jahrhundertelang bildeten die Straßenzüge um die Synagoge herum das Ghetto von Rom, eingerichtet von den Päpsten, die damals auch weltliche Herrscher der Stadt waren. Den jüdischen Bewohnern legten sie Bürden auf, die sie in Bedrückung hielten und ihnen allenfalls Nischen zum Atmen ließen.

Seit fast 150 Jahren ist das jetzt vorbei, 1870 mussten die Päpste ihre weltliche Macht an den neu begründeten italienischen Staat abgeben. Die Juden wurden freie Bürger, und heute werben Restaurants im Umkreis der Synagoge selbstbewusst mit koscherer Küche um hungrige Touristen. Das Machtgefälle von einst wirkt trotzdem nach. Und so sitzt Oberrabiner Riccardo di Segni in einem Hinterzimmer der Synagoge und zeigt durchaus Verständnis für die Schwierigkeiten eines Kirchenfürsten: »Sehen Sie, der Papst leitet eine große Institution. Von den vielen Problemen, die ihn beschäftigen müssen, sind die jüdischen wahrscheinlich ziemlich am Ende der Liste.«

Wenn der Mann wüsste! Mögen die Weltmedien den Fall des Holocaust-Leugners Bischof Williamson hinter sich gelassen haben, im Vatikan wirkt er wie ein Brandbeschleuniger. »Es waren vielleicht die zwei schwierigsten Wochen im Pontifikat«, sagt ein wichtiger Geistlicher, der auf Anonymität besteht, »und die Brandstellen tun alle noch weh.« Im Gespräch mit einem Ordensmann fällt gar ein Satz, der sonst an ein Sakrileg grenzte: »Wenn er heute stirbt…« Dahinter steht die Frage: Was bliebe dann?

Leser-Kommentare
    • colca
    • 08.05.2009 um 8:12 Uhr

    Hier wird viel Wind um wenig gemacht. Was passiert denn wirklich?
    Ein alter Mann in Frauenkleidern und merkwürdigen Ansichten besucht einen asiatischen Kleinstaat, der ein problematisches Verhältnis zur Gewalt hat.
    Gähn.
    Für den nichtkatholischen und nichtjüdischen Teil der Menschheit, also etwa 85% allenfalls eine Randnotiz.

  1. Vielleicht wird man es aus späterer Sicht Benedikt als Verdienst anrechnen, dass er sich nicht allzu sehr um die kurzlebigen medialen Aufgeregtheiten geschert hat. Zumal das diesjährige Papst-Schmähen ja eher die Funktion von Schweinegrippenhysterie hat: Ablenken von den echten Problemen.

  2. So, der Papst kämpft um sein Pontifikat? Ja, wie kommen Sie denn auf das schmale Brett?
    Dieser Papst kämpft einen ganz anderen Kampf. Den kämpft er ruhig, mutig und umsichtig und was die Medien darüber berichten ist zweifellos zweitrangig. Auf das Endergebnis kommt es an und ob er es gut gemacht hat, dass wird er am Ende seiner Tage erfahren-aber nicht von der ZEIT!!!

    • Anonym
    • 08.05.2009 um 8:59 Uhr

    am Heiligen Stuhl kratzen zu wollen.
    Bei seiner bevorstehenden Reise ins Heilige Land wird die Gläubigkeit auf beiden Seiten immer im Vordergrund stehen und diese schafft erst einmal den gegenseitigen Respekt.
    Hier hat garantiert niemand Sorge um sein Amt, auch nicht der Papst.
    Insoweit ist obiger Artikel eigentlich nichts, aber auch gar nichts und hat für mich gar keine Wertigkeit.

    Herzlichst
    Orpheus

  3. es ist vielleicht ein unwichtiges detail im bezug zu diesem artikel, aber durchaus wert begriffen zu werden: der staat israel wurde zwar als antwort auf die schoah gegruendet, jedoch nur, weil die zionistische siedlungsbewegung dadurch erstmals mit einem schwer wiegenden (und ueberaus effizient vermarkteten) pfund wuchern konnte. es mag durchaus zynisch klingen, aber die juedischen nationalisten, die sich die region seit der jahrhundertwende im stile der amerikanischen pioniere stueck fuer stueck angeeignet und sich im zweifelsfalle der ansaessigen christlichen oder muslimischen urbevoelkerung entledigt hatten, mussten vor 1946 lange auf ein solch durchschlagendes argument zur legitimierung ihrer okkupationsansprueche warten.

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    • Anonym
    • 08.05.2009 um 11:38 Uhr

    Die Gründung des Staates Israel hat mit der Schoah vordergründig gar nichts zu tun.
    Der Holocaust hat allerdings den Vorgang sicherlich beschleunigt.

    Orpheus

    • Liman
    • 08.05.2009 um 18:22 Uhr

    Bitte lesen sie die Reden in der UN-Vollversammlung 1947 durch. Nur der sowjetische Vertreter Gromyko erwähnt den Holocaust am Rande.
    Großbritannien steht auf Seite seiner illegalen Staatsgründung Transjordanien.
    Nur die Sowjetunion und die CSSR unterstützen real Israel--nicht wegen des Holocaust, sondern weil sie glauben, dass hier der erste sozialistische Staat in Asien entsteht!

    Holocaust als Begriff kommt erst durch die US-Fernsehserie 1979!

    • Anonym
    • 08.05.2009 um 11:38 Uhr

    Die Gründung des Staates Israel hat mit der Schoah vordergründig gar nichts zu tun.
    Der Holocaust hat allerdings den Vorgang sicherlich beschleunigt.

    Orpheus

    • Liman
    • 08.05.2009 um 18:22 Uhr

    Bitte lesen sie die Reden in der UN-Vollversammlung 1947 durch. Nur der sowjetische Vertreter Gromyko erwähnt den Holocaust am Rande.
    Großbritannien steht auf Seite seiner illegalen Staatsgründung Transjordanien.
    Nur die Sowjetunion und die CSSR unterstützen real Israel--nicht wegen des Holocaust, sondern weil sie glauben, dass hier der erste sozialistische Staat in Asien entsteht!

    Holocaust als Begriff kommt erst durch die US-Fernsehserie 1979!

  4. Er kämpft um sein Pontifikat? Der Papst bleibt Papst und die katholische Kirche sieht nicht die Möglichkeit vor, ihre Päpste nach Belieben abzuwählen. Und aus dem Fenster zu springen ist auch keine Option für ihn - Selbstmord ist für einen Katholiken nicht drin.

    "Wie ein Fluch, wie ein böser Zauber hat sich das Missgeschick an die Fersen dieses Mannes geheftet" - Dieser Satz im Artikel ist verklärender Unsinn. Da hat sich kein kein Missgeschick an seine Fersen geheftet. Zum einen hat der Zufall im christlichen Weltbild nicht so viel zu sagen, man sagt eben lieber, es sei Gottes Wille. Und zum anderen hat Ratzinger ganz bewusst seine Äußerungen getätigt. Er sagt eben was er denkt. Das muss man ihm wirklich zugute halten. Das einzige, was er unterschätzt hat, ist die öffentliche Wahrnehmung - dass nicht mehr alle Menschen seinem Kurs folgen und die Einheit der katholischen Kirche über die Ächtung von Holocaustleugnern stellen oder lieber pragmatische Lösungen für das AIDS-Problem in Afrika wünschen.

    "[Der Papst] Der mit dem Christentum einen dritten Weg zwischen Fundamentalismus und Relativismus sucht – also ungefähr das, wonach jeder denkende Zeitgenosse sich sehnt."

    Das muss ein grober Schnitzer der Autoren sein. Der Relativismus ist ein Phänomen, das durch den Papst geradezu beschworen wurde. Ein Begriff, den er gerne verwendet. Er meint damit Freiheit und die Errungenschaften der Aufklärung. Wenn Geschiedene, Abtreibende und Homosexuelle nicht mehr geächtet werden, sondern ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten, bezeichnet der Papst das als Relativismus. Ich würde nicht soweit wie die Autoren gehen und sagen, jeder denkende Zeitgenosse müsse sich unbedingt nach diesem oder jenem Weg sehnen.

    Und solange die katholische Kirche in Form des Papstes zwar oberflächliche Versöhnungsgesten gegenüber bspw. Juden macht, aber immer wieder durchschimmern lässt, dass dieses nur "halberleuchtete" Volk doch bekehrt werden muss, solange braucht sie sich über scharfen Gegenwind nicht wundern. Das gleiche gilt gegenüber Moslems und auch Atheisten. Die Hetze gegen letztere übernimmt aber lieber Bischoff Mixa.

    • Anonym
    • 08.05.2009 um 11:38 Uhr

    Die Gründung des Staates Israel hat mit der Schoah vordergründig gar nichts zu tun.
    Der Holocaust hat allerdings den Vorgang sicherlich beschleunigt.

    Orpheus

    Antwort auf "staatsgruendung"
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    • colca
    • 08.05.2009 um 14:34 Uhr

    Das sehe ich anders.
    Ohne den Völkermord an den europäischen Juden wäre die zionistische Landnahme niemals bis zur Staatsgründung gelangt. Erst der berechtigte Opferbonus der meisten jüdischen Neu-Israelis hat viele europäische und auch die US-Regierung dazu bewogen, die Gründung des jüdischen Staates und die damit verbundenen Vertreibungen der autochthonen Bevölkerung zu tolerieren und schließlich auch zu unterstützen.
    Letztlich hat sich der Westen aus schlechtem Gewissen in einen Dauerkonflikt mit der arabischen Welt begeben.
    Auch wenn dieser dialektische Zusammenhang vielen nicht gefällt - ohne Adolf Hitler kein Israel.

    • colca
    • 08.05.2009 um 14:34 Uhr

    Das sehe ich anders.
    Ohne den Völkermord an den europäischen Juden wäre die zionistische Landnahme niemals bis zur Staatsgründung gelangt. Erst der berechtigte Opferbonus der meisten jüdischen Neu-Israelis hat viele europäische und auch die US-Regierung dazu bewogen, die Gründung des jüdischen Staates und die damit verbundenen Vertreibungen der autochthonen Bevölkerung zu tolerieren und schließlich auch zu unterstützen.
    Letztlich hat sich der Westen aus schlechtem Gewissen in einen Dauerkonflikt mit der arabischen Welt begeben.
    Auch wenn dieser dialektische Zusammenhang vielen nicht gefällt - ohne Adolf Hitler kein Israel.

  5. Wenn weißer Rauch aufsteigt, haben einige Kurfürsten (Kardinäle) den nächsten König (Papst) gewählt. Zur Zeit qualmt es. Diesem Papst sind Dogmen wichtiger als Menschenleben. Benedikt lebt nicht in dieser Welt.
    Sein Kondomverbot zum Beispiel bei den Besuchen in Kamerun und Uganda, dafür Keuschheit als Mittel gegen Aids, ist aberwitzig und buchstäblich tödlich.
    Warum wird nicht der Bischof in Brasilien sofort in den Ruhestand geschickt,
    weil er die Ärzte exkomunizierte, die das Leben eines vergewaltigten Mädchens durch Abtreibung retteten, warum darf ein Bischof Mixa Frauen als Gebärmaschinen bezeichnen, wenn sie ihren Beruf weiter ausüben und Kinderbetreuung in Anspruch nehmen jetzt auch noch behaupten, hauptsächlich Christen wären vor allem von den Nazis verfolgt worden. "Kauft nicht bei Christen", oder "Kauft nicht bei Juden". Wie war das noch ?
    Der Antisemitismus hat seine Wurzeln in der katholischen Kirche. Nach dem Krieg hieß es zum Holocaust bei vielen Katholiken "Das war die Strafe Gottes, dass sie Jesus ans Kreuz genagelt haben". Das falsche Geschichtsbild über die Vorgänge vor fast 2000 Jahren wurde seitens der Kirche bisher nicht korrigiert.
    Warum wird die Exkomunikation der reaktionären Piusbrüder zurückgenommen, nicht aber die der Tausenden von geschiedenen Katholiken ? Und wenn Mixa in einer Talkshow sagt, er trage ein so teures Ornat aus Liebe zu Jesus, weil dieser am Kreuz auch edel gekleidet gewesen wäre, die Soldaten hätten ja darum gewürfelt, ist das satirereif.
    Ernst zu nehmen ist allerdings der Verfall eines Glaubens der Bergpredigt.
    Nötig ist eine neue Reformation der katholischen Kirche, nicht aber die von Martin Luther, denn der hat auch gegen die Juden gehetzt.

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