Papstbesuch Auf dem heiklen StuhlSeite 5/5

In den ersten Monaten nach Joseph Ratzingers Wahl zum Papst war immer wieder überrascht von seiner »Menschwerdung« die Rede. Aber Menschwerdung bedeutet mehr als die neu entdeckte Fähigkeit, Babys zu küssen; es heißt auch, sich der Wirklichkeit intensiver, schmerzhafter auszusetzen, als es der wohlbehütete Musterkleriker und feinsinnige Denker Joseph Ratzinger gewohnt war. Die blütenweiße Soutane des Papstes täuscht: Dies ist ein Amt der Mühen, Fehlschläge, Überforderungen und Wunden. Am alten und kranken Johannes Paul II. hat es jeder gesehen; Benedikt XVI. muss es auf seine Weise erleben. Der fehlbare Papst zu sein, darin steckt auch die Chance auf eine neue, andere, nicht mehr monarchenhafte Autorität. So ganz aus der Luft gegriffen ist das Wort vom Karfreitag nicht.

Mittwoch, halb zwölf Uhr mittags vor dem Petersdom. Der Wind weht deutsche Worte des bayerischen Papstes über den Petersplatz, in dieser eigentümlich hohen Stimme mit ihrer unverkennbar landsmannschaftlichen Färbung: »Der auferstandene Herr Jesus Christus macht uns zu Mitarbeitern seines Heils. Der Herr segne Euch alle.«

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Mag sein, dass die Generalaudienz ihren Ursprung hat in der quasifeudalen Pflicht zur Huldigung früherer Jahrhunderte. Heute hingegen wirkt sie viel eher wie eine Geste pastoraler Zuneigung für die angereisten Gläubigen. Da steht unter freiem Himmel ein zartgliedriger Mann von über 80 Jahren, der absoluter herrschen kann als jeder andere Staatschef in Europa außer Alexander Lukaschenko, und unterzieht sich doch einem Ritual von fast demokratischer Demut: Er stellt sich allwöchentlich den Sehnsüchten seiner Gefolgschaft zur Verfügung. Die Pilger und Besucher, Tausende an der Zahl, wollen ihn sehen, von ihm gesehen werden und mit ihm Andacht halten. Er wendet sich dem Strom in einer fast meditativen Litanei einzelner Willkommensgrüße in verschiedenen Sprachen zu. Und auch das lässt sich erleben, mittwochmittags auf dem Petersplatz: wie wenig dieser 82-Jährige ein Politiker ist, wie wenig er kalkulierend um die Zuneigung von Menschen buhlt. Nachdem er geduldig sogar Kleingruppen von 30 Gläubigen durch persönliche Ansprache willkommen geheißen hat, überlässt er ausgerechnet die Begrüßung auf Italienisch einem anderen Geistlichen. Der Platz, der sicher zu zwei Dritteln von Italienern beherrscht wird, bricht in frenetischen Jubel aus. Benedikt XVI. schaut unter dem luftigen weißen Baldachin von seinen Notizen auf. Erfreut, aber eben auch etwas überrascht, lächelt er in die Sonne.

 
Leser-Kommentare
    • colca
    • 08.05.2009 um 8:12 Uhr

    Hier wird viel Wind um wenig gemacht. Was passiert denn wirklich?
    Ein alter Mann in Frauenkleidern und merkwürdigen Ansichten besucht einen asiatischen Kleinstaat, der ein problematisches Verhältnis zur Gewalt hat.
    Gähn.
    Für den nichtkatholischen und nichtjüdischen Teil der Menschheit, also etwa 85% allenfalls eine Randnotiz.

  1. Vielleicht wird man es aus späterer Sicht Benedikt als Verdienst anrechnen, dass er sich nicht allzu sehr um die kurzlebigen medialen Aufgeregtheiten geschert hat. Zumal das diesjährige Papst-Schmähen ja eher die Funktion von Schweinegrippenhysterie hat: Ablenken von den echten Problemen.

  2. So, der Papst kämpft um sein Pontifikat? Ja, wie kommen Sie denn auf das schmale Brett?
    Dieser Papst kämpft einen ganz anderen Kampf. Den kämpft er ruhig, mutig und umsichtig und was die Medien darüber berichten ist zweifellos zweitrangig. Auf das Endergebnis kommt es an und ob er es gut gemacht hat, dass wird er am Ende seiner Tage erfahren-aber nicht von der ZEIT!!!

    • Anonym
    • 08.05.2009 um 8:59 Uhr

    am Heiligen Stuhl kratzen zu wollen.
    Bei seiner bevorstehenden Reise ins Heilige Land wird die Gläubigkeit auf beiden Seiten immer im Vordergrund stehen und diese schafft erst einmal den gegenseitigen Respekt.
    Hier hat garantiert niemand Sorge um sein Amt, auch nicht der Papst.
    Insoweit ist obiger Artikel eigentlich nichts, aber auch gar nichts und hat für mich gar keine Wertigkeit.

    Herzlichst
    Orpheus

  3. es ist vielleicht ein unwichtiges detail im bezug zu diesem artikel, aber durchaus wert begriffen zu werden: der staat israel wurde zwar als antwort auf die schoah gegruendet, jedoch nur, weil die zionistische siedlungsbewegung dadurch erstmals mit einem schwer wiegenden (und ueberaus effizient vermarkteten) pfund wuchern konnte. es mag durchaus zynisch klingen, aber die juedischen nationalisten, die sich die region seit der jahrhundertwende im stile der amerikanischen pioniere stueck fuer stueck angeeignet und sich im zweifelsfalle der ansaessigen christlichen oder muslimischen urbevoelkerung entledigt hatten, mussten vor 1946 lange auf ein solch durchschlagendes argument zur legitimierung ihrer okkupationsansprueche warten.

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    • Anonym
    • 08.05.2009 um 11:38 Uhr

    Die Gründung des Staates Israel hat mit der Schoah vordergründig gar nichts zu tun.
    Der Holocaust hat allerdings den Vorgang sicherlich beschleunigt.

    Orpheus

    • Liman
    • 08.05.2009 um 18:22 Uhr

    Bitte lesen sie die Reden in der UN-Vollversammlung 1947 durch. Nur der sowjetische Vertreter Gromyko erwähnt den Holocaust am Rande.
    Großbritannien steht auf Seite seiner illegalen Staatsgründung Transjordanien.
    Nur die Sowjetunion und die CSSR unterstützen real Israel--nicht wegen des Holocaust, sondern weil sie glauben, dass hier der erste sozialistische Staat in Asien entsteht!

    Holocaust als Begriff kommt erst durch die US-Fernsehserie 1979!

    • Anonym
    • 08.05.2009 um 11:38 Uhr

    Die Gründung des Staates Israel hat mit der Schoah vordergründig gar nichts zu tun.
    Der Holocaust hat allerdings den Vorgang sicherlich beschleunigt.

    Orpheus

    • Liman
    • 08.05.2009 um 18:22 Uhr

    Bitte lesen sie die Reden in der UN-Vollversammlung 1947 durch. Nur der sowjetische Vertreter Gromyko erwähnt den Holocaust am Rande.
    Großbritannien steht auf Seite seiner illegalen Staatsgründung Transjordanien.
    Nur die Sowjetunion und die CSSR unterstützen real Israel--nicht wegen des Holocaust, sondern weil sie glauben, dass hier der erste sozialistische Staat in Asien entsteht!

    Holocaust als Begriff kommt erst durch die US-Fernsehserie 1979!

  4. Er kämpft um sein Pontifikat? Der Papst bleibt Papst und die katholische Kirche sieht nicht die Möglichkeit vor, ihre Päpste nach Belieben abzuwählen. Und aus dem Fenster zu springen ist auch keine Option für ihn - Selbstmord ist für einen Katholiken nicht drin.

    "Wie ein Fluch, wie ein böser Zauber hat sich das Missgeschick an die Fersen dieses Mannes geheftet" - Dieser Satz im Artikel ist verklärender Unsinn. Da hat sich kein kein Missgeschick an seine Fersen geheftet. Zum einen hat der Zufall im christlichen Weltbild nicht so viel zu sagen, man sagt eben lieber, es sei Gottes Wille. Und zum anderen hat Ratzinger ganz bewusst seine Äußerungen getätigt. Er sagt eben was er denkt. Das muss man ihm wirklich zugute halten. Das einzige, was er unterschätzt hat, ist die öffentliche Wahrnehmung - dass nicht mehr alle Menschen seinem Kurs folgen und die Einheit der katholischen Kirche über die Ächtung von Holocaustleugnern stellen oder lieber pragmatische Lösungen für das AIDS-Problem in Afrika wünschen.

    "[Der Papst] Der mit dem Christentum einen dritten Weg zwischen Fundamentalismus und Relativismus sucht – also ungefähr das, wonach jeder denkende Zeitgenosse sich sehnt."

    Das muss ein grober Schnitzer der Autoren sein. Der Relativismus ist ein Phänomen, das durch den Papst geradezu beschworen wurde. Ein Begriff, den er gerne verwendet. Er meint damit Freiheit und die Errungenschaften der Aufklärung. Wenn Geschiedene, Abtreibende und Homosexuelle nicht mehr geächtet werden, sondern ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten, bezeichnet der Papst das als Relativismus. Ich würde nicht soweit wie die Autoren gehen und sagen, jeder denkende Zeitgenosse müsse sich unbedingt nach diesem oder jenem Weg sehnen.

    Und solange die katholische Kirche in Form des Papstes zwar oberflächliche Versöhnungsgesten gegenüber bspw. Juden macht, aber immer wieder durchschimmern lässt, dass dieses nur "halberleuchtete" Volk doch bekehrt werden muss, solange braucht sie sich über scharfen Gegenwind nicht wundern. Das gleiche gilt gegenüber Moslems und auch Atheisten. Die Hetze gegen letztere übernimmt aber lieber Bischoff Mixa.

    • Anonym
    • 08.05.2009 um 11:38 Uhr

    Die Gründung des Staates Israel hat mit der Schoah vordergründig gar nichts zu tun.
    Der Holocaust hat allerdings den Vorgang sicherlich beschleunigt.

    Orpheus

    Antwort auf "staatsgruendung"
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    • colca
    • 08.05.2009 um 14:34 Uhr

    Das sehe ich anders.
    Ohne den Völkermord an den europäischen Juden wäre die zionistische Landnahme niemals bis zur Staatsgründung gelangt. Erst der berechtigte Opferbonus der meisten jüdischen Neu-Israelis hat viele europäische und auch die US-Regierung dazu bewogen, die Gründung des jüdischen Staates und die damit verbundenen Vertreibungen der autochthonen Bevölkerung zu tolerieren und schließlich auch zu unterstützen.
    Letztlich hat sich der Westen aus schlechtem Gewissen in einen Dauerkonflikt mit der arabischen Welt begeben.
    Auch wenn dieser dialektische Zusammenhang vielen nicht gefällt - ohne Adolf Hitler kein Israel.

    • colca
    • 08.05.2009 um 14:34 Uhr

    Das sehe ich anders.
    Ohne den Völkermord an den europäischen Juden wäre die zionistische Landnahme niemals bis zur Staatsgründung gelangt. Erst der berechtigte Opferbonus der meisten jüdischen Neu-Israelis hat viele europäische und auch die US-Regierung dazu bewogen, die Gründung des jüdischen Staates und die damit verbundenen Vertreibungen der autochthonen Bevölkerung zu tolerieren und schließlich auch zu unterstützen.
    Letztlich hat sich der Westen aus schlechtem Gewissen in einen Dauerkonflikt mit der arabischen Welt begeben.
    Auch wenn dieser dialektische Zusammenhang vielen nicht gefällt - ohne Adolf Hitler kein Israel.

  5. Wenn weißer Rauch aufsteigt, haben einige Kurfürsten (Kardinäle) den nächsten König (Papst) gewählt. Zur Zeit qualmt es. Diesem Papst sind Dogmen wichtiger als Menschenleben. Benedikt lebt nicht in dieser Welt.
    Sein Kondomverbot zum Beispiel bei den Besuchen in Kamerun und Uganda, dafür Keuschheit als Mittel gegen Aids, ist aberwitzig und buchstäblich tödlich.
    Warum wird nicht der Bischof in Brasilien sofort in den Ruhestand geschickt,
    weil er die Ärzte exkomunizierte, die das Leben eines vergewaltigten Mädchens durch Abtreibung retteten, warum darf ein Bischof Mixa Frauen als Gebärmaschinen bezeichnen, wenn sie ihren Beruf weiter ausüben und Kinderbetreuung in Anspruch nehmen jetzt auch noch behaupten, hauptsächlich Christen wären vor allem von den Nazis verfolgt worden. "Kauft nicht bei Christen", oder "Kauft nicht bei Juden". Wie war das noch ?
    Der Antisemitismus hat seine Wurzeln in der katholischen Kirche. Nach dem Krieg hieß es zum Holocaust bei vielen Katholiken "Das war die Strafe Gottes, dass sie Jesus ans Kreuz genagelt haben". Das falsche Geschichtsbild über die Vorgänge vor fast 2000 Jahren wurde seitens der Kirche bisher nicht korrigiert.
    Warum wird die Exkomunikation der reaktionären Piusbrüder zurückgenommen, nicht aber die der Tausenden von geschiedenen Katholiken ? Und wenn Mixa in einer Talkshow sagt, er trage ein so teures Ornat aus Liebe zu Jesus, weil dieser am Kreuz auch edel gekleidet gewesen wäre, die Soldaten hätten ja darum gewürfelt, ist das satirereif.
    Ernst zu nehmen ist allerdings der Verfall eines Glaubens der Bergpredigt.
    Nötig ist eine neue Reformation der katholischen Kirche, nicht aber die von Martin Luther, denn der hat auch gegen die Juden gehetzt.

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