Käme er heute, er fände sein Haus ohne viel Mühe. Leipzigs Hauptbahnhof steht genau da, wo die Züge schon zu Mendelssohns Zeiten hielten. Fünfzehn, zwanzig Minuten geht man von da bis zur Königsstraße. Sofern sich Felix Mendelssohn Bartholdy nicht davon beirren ließe, dass aus der Königsstraße eine Goldschmidtstraße wurde, wären ihm schon die hölzernen Treppen vertraut, und erst recht die wunderbare Wohnung im ersten Stock, Beletage, 23 Meter langer Korridor mit breiten Nadelholzdielen, acht Zimmer, Küche, Musiksalon, Alkoven. Schönstes Spätbiedermeier, gediegen, in schlichtem Klassizismus dekoriert. Mendelssohn könnte sich in seinem kleinen Arbeitszimmer sofort wieder an den Tisch am Südfenster setzen, an dem er das f-Moll-Streichquartett fertig schrieb, zwei Monate vor seinem Tod im November 1847.

Eine hochschwangere Frau tritt strahlend in den Flur. Es ist nicht Cécile Mendelssohn Bartholdy, deren fünftes Kind in dieser Wohnung zur Welt kam, es ist eine Leipzigerin im Frühjahr 2009, die soeben geheiratet hat, mitten im Museum. Man lässt sich gern trauen im lichten Salon. Die Leipziger haben einen ihrer Größten neu entdeckt in diesem Haus. Vor dreizehn Jahren war es noch eine Bruchbude, nun verfügt es über eines der bestrekonstruierten Künstlerzimmer der Welt – vom eigens neu gewobenen Teppich bis zu den Zierstreifen an der Decke. Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen die Vorlage – ein Aquarell von fotografischer Präzision, angefertigt kurz nach dem Tod des Musikers. Zum andern hatte Leipzig einiges wieder gutzumachen an dem Mann, der die Stadt zu einem internationalen Musikzentrum hochkatapultierte.

In der DDR war er seltsam ungeliebt. Nur im Gewandhaus setzte sich Kurt Masur massiv für den Komponisten ein, früh und vergeblich bemühte er sich auch um die Restaurierung der Wohnung. Die offiziell antifaschistische DDR wollte keine Auseinandersetzung mit dem unrühmlichsten Kapitel der Leipziger Musikgeschichte rund um jene Novembernacht 1936, in der die Nazis das Genie buchstäblich vom Sockel geholt hatten, um das »Denkmal des Vollblutjuden« einzuschmelzen. Während viele Mitläufer jener Jahre im Musikleben wieder ihren Platz fanden, wurde die Beziehung der Stadt zu Mendelssohn zugenagelt wie die Fenster des Hauses in der Goldschmidtstraße. Leipzig war Bach-Stadt, fertig, aus. »Dieser Komponist«, sagt Jürgen Ernst, Direktor des Mendelssohn-Hauses, »war hier vollständig unterbelichtet.«

Wer durch die helle Wohnung geht, in der Mendelssohn mit seiner Familie lebte, wer die Möbel, Aquarelle, Autografe sieht, dem rückt die kurze Glanzzeit wieder nahe, zwölf Jahre, die Musikgeschichte machten. Sie begannen nicht hier, sondern auf der anderen Seite des Stadtkerns, westlich vom Ring. Das Haus steht nicht mehr, in dem der Musiker 1835 erstmals Quartier nahm, ein europäischer Star von 26 Jahren. Als man für das künstlerisch stagnierende 40-Mann-Orchester, das seit 1781 Konzerte in einem eigenen Saal im Gewandhaus gab, einen neuen Chef suchte, fiel die Wahl auf diesen Universalisten, der auf Tourneen von Berlin bis London als Komponist und Pianist gefeiert wurde, Bachs Matthäuspassion aus der Versenkung geholt hatte und seinen unerquicklichen Job als Opernintendant in Düsseldorf gern aufgab.

Eigentlich wollten ihn die Leipziger als »Director«, als Intendanten, aber er handelte aus, dass er auch die Sinfonien leiten würde, nicht wie gewohnt der Konzertmeister – und dass er dazu einen Stab verwenden würde. Der Amtsantritt im 500-Plätze-Saal war ein Triumph. Mendelssohn dirigierte Beethovens Vierte und seine eigene Komposition Meeresstille und glückliche Fahrt . Die 16-jährige Pianistin Clara Wieck schrieb in ihr Tagebuch, er habe das »mit einer Präcision und Feinheit aufgeführt, wie wir es hier bisher nicht gewohnt waren«. Und Claras Anbeter Robert Schumann, 25, wurde nun auch Mendelssohns Verehrer, nicht nur als hymnenschreibender Rezensent. »Der erste Eindruck der eines unvergeßlichen Menschen«, schrieb er später über die früheste persönliche Begegnung. Die beiden gingen im Rosental spazieren.