Musikfestival Auf dem Walrücken musizieren

Das Kammermusikfest im norwegischen Risør ist ein echter Geheimtipp

Malerisch ist's in Risør. Am traditionellen Freiluftabend fährt man im Boot zum Konzert

Malerisch ist's in Risør. Am traditionellen Freiluftabend fährt man im Boot zum Konzert

Wer ein Musikfestival dem Eventrummel entziehen will, muss es in Norwegen stattfinden lassen. Er muss es an der unscheinbaren Küste südöstlich von Oslo verstecken, wo die Felsen sanft wie Walrücken aus der Wasseroberfläche aufragen und die weiß getünchten Häuser darauf aus der Ferne wie Möwennester aussehen. Das 6000 Einwohner kleine Städtchen Risør ist nur auf einer Landstraße oder per Schiff zu erreichen und hat nichts, worauf Festspielorte normalerweise stolz sind. Es gibt rund um die Hafenbucht weder einen Konzertsaal noch das Geburtshaus eines berühmten Komponisten, keine Repräsentationsräume für Sponsorenempfänge und kaum Hotelbetten. Das einzig Glamouröse an Risør ist das Fjordwasser. Fast schwarz schimmert es, und an windstillen Tagen sieht die Oberfläche wie lackiert aus. Zentraler Aufführungsort des Kammermusikfestivals von Risør ist eine schmucke, historische Holzkirche von 1647, die von außen, denkt man sich den Kirchturm weg, einer Dorfschule gleicht. Die Musiker drängen sich vor dem Altar, die Holzbänke für die 300 Zuhörer sind eng, und als Pausenfoyer dient die Wiese des Kirchgartens.

Manche Konzerte finden im örtlichen Gemeindesaal statt oder im Ausstellungsraum einer winzigen Möbelfabrik. Die Festivalgäste müssen in angemieteten Häusern und Appartements untergebracht werden, und die Musiker wohnen auf einem Schiff, das während der Festspielzeit im Hafen ankert.

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Gibt es inzwischen nicht viel zu viele dieser kleinen Musikfestivals, die mit dem Charme des Improvisierten und Unzulänglichen kokettieren und das Fehlen des Allernotwendigsten als Standortvorteil preisen? Das nervt, wenn die Musik nicht ernst genommen wird. Aber in Risør sorgt der Pianist Leif Ove Andsnes dafür, dass das Niveau stimmt. Seit der Gründung des Festivals, 1991, ist der berühmteste lebende Musiker Norwegens dort der künstlerische Leiter. Da können die Stahlseile der Segelboote im Hafen noch so verträumt gegen die Masten klimpern, das Programm des Risør-Kammermusikfestivals ist straff durchorganisiert und hochkarätig besetzt.

Andsnes und sein Partner, der Bratscher Lars Anders Tomter, geben dramaturgische Leitlinien vor, setzen aufs Programm, was sie selbst schon immer einmal spielen oder hören wollten, und laden sich dazu ihre Freunde ein. Der Geiger Christian Tetzlaff und Streichquartettformationen von der Güte des Artemis Quartett kommen regelmäßig. Es gibt ein kleines Festivalorchester, dessen Kern aus Musikern des Norwegian Chamber Orchestra besteht. Im letzten Jahr hat Thomas Quasthoff Schubertlieder gesungen und der frankokanadische Superpianist Marc-André Hamelin das ehrwürdige Heilig-Geist-Kirchlein mit der monströs-anarchischen Concord-Sonate von Charles Ives erzittern lassen. In diesem Jahr sind Lisa Batiashvili und Heinrich Schiff zu Gast.

Natürlich ist Risør für die Musiker eine Sommerfrische. Sie holen sich hier den Spaß am spontanen Musizieren zurück, den ihnen die Tretmühle des Konzertbetriebs das Jahr über vorenthält. Der Frack und der Perfektionszwang bleiben im Schrank, auch im Publikum erscheint niemand in Anzug und Krawatte. Die Musiker formieren sich zu den ungewöhnlichsten Besetzungen und legen gerne auch randständiges Repertoire auf ihre Pulte. Schlecht geprobte Ad-hoc-Aufführungen sind in Risør trotzdem die Ausnahme.

Nur beim traditionellen Freiluftabend auf Stangholmen vor der Stadt geht es lockerer zu. In kleinen Motorbooten brausen Musiker und Festivalgäste zu dem Inselfelsen. Wie eine Seehundgruppe lagert das Publikum mit Decke, Windjacke und Picknickkorb auf den Steinen. Über den Köpfen krümmt sich der norwegische Sommerabendhimmel so weit und tief, dass man den Blick gar nicht mehr vom Horizont abwenden mag. Die letzten Sonnenstrahlen tauchen die Landschaft in ein kristallklares Licht. Und die Bühne, auf der die Musiker sitzen, wirkt plötzlich wie der Souffleurkasten vor einem viel größeren Schauspiel. Norwegische Musikfestivals sind spezialisiert auf solche Auftritte. Aber in Risør fallen sie besonders schön aus.

Das Risør Kammermusikkfest findet vom 23. bis 28. Juni statt. Das Generalthema der 19 Konzerte lautet in diesem Jahr »Revolution«

 
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