Zwanzig Jahre Mauerfall« – eigentlich doch ein Grund zum Feiern. Im neuen Erzählband Amateure von Angelika Klüssendorf allerdings ist die »deutsche Teilung« stabiler denn je. Wie im historischen Wiedervereinigungsgeschehen geht auch hier in diesen Beziehungsgeschichten alles viel zu schnell. Kaum haben sich »zwei völlig fremde Menschen … auf der Mauer geküsst«, sind sie auch schon verheiratet oder wenigstens schwanger. Und bei der ersten gemeinsamen Reise in die »Flitterwochen« geht ihnen dann, wie den beiden Ameisen von Ringelnatz – »schon in Altona auf der Chaussee taten ihnen die Füße weh« –, schon die Luft aus.

Edna und Moritz zum Beispiel. Anfangs imponiert der weltläufige Fernsehredakteur der scheuen ostdeutschen »Museologin«. Er kann so gut reden, wirkt so begeisterungsfähig. Aber bei der ersten gemeinsamen Fahrradtour durch Mecklenburg geht ihr dieses übertriebene Schwärmen von der tollen »desolaten Aura« der Landschaft ziemlich auf die Nerven. Und als der Herr Westredakteur dann einen Ostkellner anherrscht (»Sie wissen wohl nicht, wer ich bin«), ist die Geschichte schon wieder zu Ende.

Katharina, der Studentin aus Dresden, ergeht es ähnlich. Sie muss sich von Steffen, Zahnarzt mit eigener Praxis, anhören: »Easy going… du musst lernen, easy going zu sein.« Und auch die Malerin Wiebke, die dem Redakteur Moritz als Nächste ins Netz geht, bekommt auf Englisch beigebracht, dass sie eine ziemliche Trantüte ist: »The early bird catches the worm.« Ihre Bilder sind nicht besonders, und deshalb dachte sie ja auch, »dass es richtig wäre, sich auf Moritz einzulassen, auf eine Familie«. Was sie nicht »dachte«, war, dass sie gleich Zwillinge bekommen würde, mit denen sie nun allein fertig werden muss, weil Moritz, was sie auch nicht für möglich hielt, ihre Schwangerschaft »wie ein Scherz« vorkam.

Das Schema dieser »asymmetrischen« Beziehungen ist immer das Gleiche. Der Westen pirscht sich in Gestalt eines zwielichtigen Erfolgsmenschen mit Kreidestimme an das arglose Ost-Rotkäppchen heran. Und wenn er seine Siegergene weitergegeben hat, ist sein Interesse erloschen. Jeder Kaiserpinguin in der Antarktis (zwei traute Exemplare sind auf dem Buchumschlag abgebildet) sorgt sich mehr um seinen Nachwuchs als diese gefühlsverarmten Westväter. In den beziehungsgeschädigten Kindern wiederholt sich dann das Übel. Der halbwüchsige Sohn von Steffen, dem Zahnarzt, bekommt seinen Vater, der seine Zeit lieber mit Computerspielen verbringt, so gut wie nie zu Gesicht. Seinen Frust reagiert der Knabe einer alleinerziehenden neurotischen Mutter ebenfalls mit Ballerspielen ab, wobei er seinen kindischen Vater dann wenigstens virtuell totschießt.

Gewaltfantasien ziehen sich durch fast alle elf kurzen Short-Cut-Texte wie eine Reihe anderer Leitmotive – etwa die schlagertextartigen Liebeskitschformeln und Entfremdungsvokabeln, die Familienbande zwischen den Figuren knüpfen, die ansonsten (obgleich teilweise verwandt) einzig durch ihre Beziehungslosigkeit miteinander verbunden sind.

Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in der DDR und 1985 in den Westen ausgewandert, hat sich schon in ihren früheren Geschichten (Anfall von Glück, Alle leben so) im Genre des menschlichen Extremscheiterns versucht. Schlimme Kindheit, verheerende Familienverhältnisse sind ihre Spezialität. Im neuen Erzählband gibt es sogar die Variante des extremen Extremscheiterns: das vom Scheitern bedrohte Scheitern. Georg, einer aus der Moritz-Sippe, ist lebensmüde und will sich erschießen. Aber der Revolver spielt nicht mit. Aus Verzweiflung beschließt der übergewichtige Mann weiterzuleben und versucht sein Unglück mit einem Bankeinbruch, der ihm mühelos gelingt. Auf Teneriffa, wo er das erbeutete Geld verprasst, bringen ihn weder Sonnenstich noch Langeweile um. Erst ein Flugzeugabsturz kann dieses Werk des Scheiterns vollenden.