Belletristik Frauen in HalbtrauerSeite 2/2

All diese Figuren wirken wie verkorkt, innerlich taub und berührungsresistent, und klammern sich ebendeshalb hilflos aneinander. Eine unauflösbare Trostlosigkeit geht von ihnen aus.

Daran ist zunächst nichts auszusetzen. Die besten und schönsten Texte der Literatur handeln von trostlosen Dingen, ohne selbst trostlos zu sein. Die von Updike etwa oder Raymond Carver, den Klüssendorf mehrfach »zitiert«. Oder auch die neuen Erzählungen von Judith Hermann. Zwischen dem neuen Hermann-Buch Alice(ZEIT Nr. 19/09) und den Amateuren gibt es viele Schnittstellen, deren erstaunlichste darin besteht, dass beide Erzählerinnen im Jahr 2009 noch immer weibliche Ohnmacht und Orientierungslosigkeit ins Zentrum ihrer Arbeit stellen. Beide Bücher sind ein Zyklus von Erzählungen ohne inneren Zusammenhang, an den hier niemand mehr glaubt.

Und doch gibt es deutliche Unterschiede. Hermanns Erzählungen haben nicht nur – wie gute Weine – Körper. Sie haben ein melancholisches Bewusstsein, das sie mit jeder Silbe ausdünsten, das alle Sätze atmosphärisch umhüllt. Eine schmerzlich spürbare Differenz zur dargestellten Welt, die im ganzen Text vibriert und den Gefühlsraum des Lesers mit in Schwingung versetzt.

Von den Amateuren bleibt man beim Lesen jedoch unberührt, fast so anästhesiert wie der arme Georg, wie Edna, Moritz, Wiebke und all die anderen und der Text selber, der sich an der Lustlosigkeit und Fadheit der Figuren infiziert hat. Die Beziehungslosigkeit der Figuren wirkt inszeniert und ideologisch. Als Skandal, an dem sich die Sprache aufreibt, wird sie nie spürbar. Hier wird ein Scheitern behauptet, zu dem man nicht vordringt, weil man über das Scheitern von Sätzen nicht hinauskommt. Vielleicht sollen leblose Syntax, Klischeesprache, hohl tönende Sätze den Stupor der Figuren abbilden, ihre Gefühlsohnmacht durch Beschreibungsohnmacht simulieren. Aber solche Mimikry geht leicht schief. Keine Wirklichkeit ist so öde, so in ihrer Totalität trostlos, wie hier ertüftelt. Wo bleibt das Chaos, das in jedem Kopf ein Wörtchen mitzureden hat, das Vieldeutige, das sich in Literatur ereignen will, das Satz-für-Satz-auf-der-Kippe-Stehen?

Ein kleiner Text Über das Tragische von Ossip Mandelstam bringt die Sache auf den Punkt: »Wenn ein Schriftsteller es sich zur Pflicht macht, um jeden Preis ›tragisch vom Leben zu künden‹, jedoch auf seiner Palette keine tief kontrastierenden Farben besitzt; und das Wichtigste – wenn ihm das Feingefühl für jenes Gesetz abgeht, demzufolge das Tragische … sich in ein allgemeines Bild der Welt fügen muss, wird er ein ›Halbfabrikat‹ des Schreckens und der Erstarrung liefern, nur gerade deren Rohmaterial, das bei uns ein Gefühl des Widerwillens hervorruft und in der wohlmeinenden Kritik besser unter dem Kosenamen ›Alltags- und Milieustudie‹ bekannt ist.«

 
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