Belletristik Lieber Gott, lies das malSeite 3/3
Daher macht Stadler oft auch das, was Verlage und Lektoren hassen. Er wiederholt sich. Er übt sich ein, wie in eine Litanei, und er schließt dadurch seine Bücher immer mehr zu einem Großen und Ganzen zusammen. Sein letztes Buch hieß Komm, gehen wir, mit diesen Worten finden sich da Liebende am Strand zusammen und gehen sich lieben. Nun ist es Jesus, der auf die Fischer trifft und genau dasselbe zu ihnen sagt. Kommt, gehen wir. Daraus werden dann Petrus und all die anderen (vorneweg Andreas). Vorher waren es noch Liebende.
Es wird bei Stadler auch gegen die Gesundheit geraucht. Es wird bei Stadler, wo es um Sehnsucht geht, in den Swingerclub gegangen und dort schon mal vorsorglich angewichst, wenn man aus der Umkleidekabine kommt. Und das alles ist dann nicht Sexualität oder Lustbefriedigung oder sonst etwas in unserer Sprache, sondern es ist schlicht Sehnsucht und Leben – und hat stets, wie alles, was die Wahrheit berührt, poetische Kraft. Mitten dahinein kommt nun bei Stadler Jesus und sagt: Komm, gehen wir.
Und nun wird bei Stadler auch noch in den Gottesdienst gegangen. Und mehr noch, nun wird bei Stadler sogar darauf beharrt, dass man so etwas, wie es Pasolini gemacht hat, auch selbst machen kann. Nämlich ein Evangelium, auch wenn es von der Wissenschaft durchforstet ist, auch wenn der Text erst einmal von Philologen hergestellt werden muss, auch wenn ganze Komitees die Übersetzungen durchsprechen und alles von höchster institutioneller Ebene abgesegnet ist … nämlich ein Evangelium nehmen und lesen und erschlagen, ergriffen und beseelt sein können. Früher hätte man gesagt, den Heiligen Geist zu sich lassen.
Die Amseln, sagt Stadler, sangen, als blühten sie. Stadlers Sprache ist auch so ein stetes Blühen, und nun hat er das Evangelium nach Matthäus in sein Blühen hineingenommen. Stadlers Buch blüht wie der Film von Pasolini. Und wie das Evangelium selbst, von dem Stadler vielleicht ja sein eigenes Blühen hat. Und das alles könnte man dann vielleicht die Anwesenheit des Heiligen Geistes nennen.
Andreas Maier, geboren 1967, lebt in Bad Nauheim. In diesem Jahr erschien sein Roman Sanssouci
- Datum 10.05.2009 - 13:47 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 07.05.2009 Nr. 20
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Schrieb da nicht ein Andreas Maier in volltext etwas davon, dass er "mein Kampf" in der berliner Strassenbahn lese und das Buch einpacken müsse, um nicht entdeckt zu werden? Vom Schnitzel ist er nun, nach neuem Volltext auf die Bratwurst gekommen (teilt diese Sehnsucht gewiß mit einer großen Anzahl der neuen Avantgarde der Wurstigkeit).
Wie kommt so jemand auf Pasolini, der doch einen kritischen Verstand hatte und vom lieben Gott so viel hielt wie von deutschen Bratwürsten? - Gott ist ein Anderes. Den sehe ich eher mit Janosch in den grünen Augen des Hundes von Guernavaca.
Plötzlich springt die Sehnsucht nach einem Stammtisch in der Wetterau in den lieben Gott. Die Wurstigkeit kann vor Begeisterung nicht lassen. Magische Wandlung. Er wird alt. Vielleicht findet er den Weg noch nach Tirol.
Twisting Love
Das Recht des Traumes,
aus dem Tag zu schöpfen
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