Als das Kind dem Lager entkommen war und der Krieg fast vorbei, hat es sich zu Fuß auf den Weg nach Westen gemacht und traf unterwegs auf andere Kinder. Das Mädchen Ruth Klüger , 1931 in Wien geboren, als Jüdin nach Auschwitz verschleppt, hatte sich von dort Anfang 1945 mit der Mutter befreit. »Liebe Freunde«, heißt es fast 50 Jahre später in Klügers Erinnerungen Weiter leben, »manche von euch kennen diese Straßen, auch ihr als Kinder und auf der Flucht, und erinnert euch nicht gerade mit Freude daran. Wir wurden von eurem Flüchtlingsstrom mitgeschwemmt und folgten den Heimatlosen, denen ihr eigenes Elend im Hals saß… Wir waren glücklich, die Stätten unserer Gefangenschaft hinter uns gelassen und so viel gewonnen zu haben, nämlich das Recht zu entscheiden, wohin man den Fuß setzt.« Vernichtungslager, Elend der Flucht, Freiheit: Ruth Klüger hat für die deutschen Verbrechen und ihre Folgen eine Sprache gefunden. Die meisten Deutschen aber haben zu ihrer Geschichte wenig Klärendes zu sagen gewusst.

Mit dem Frühling kommen nun fortgesetzt all die Jahrestage der Befreiungen, Besetzungen, Siege und Niederlagen zurück, und mit ihnen – in leicht variierender Rahmung – werden Erinnerungen geweckt und durch neue Erfahrung, durch neue Deutungen umformatiert. Sie gehen längst in einer professionalisierten Erinnerungsgeschichte auf, bearbeitet von Traumaforschung und Geschichtswissenschaft, Gedächtnisexperten und Therapeuten.

Aber jetzt geschieht etwas Neues: Die letzten Zeitzeugen, damals Kinder, werden alt, sie erinnern sich nun, im Alter, an lange Verschüttetes, und in jedem kollektiven Datum verdichtet sich nun die Erfahrung von Einzelnen, die nicht mehr lange da sein werden. Für die Vierzigjährigen rückt der Abschied von den Eltern näher: von denen, deren Erziehung zumeist noch von der Härte des Nationalsozialismus geprägt war, deren Eltern zur Generation der Täter gehörten, die als Kinder den Krieg, die Kriegsfolgen am eigenen Leibe erfuhren, die dann oft, nur schlecht ausgebildet, unbefriedigende Existenzen führten. Die Erinnerung hat es nicht mehr sehr lange mit ihrer primären Erfahrung zu tun.

Aber die nimmt sich unter den Kindern Europas sehr verschieden aus. Etwa so: In den Wäldern bei Tilsit haben ein paar elternlos streunende »Wolfskinder« vom Kriegsende, vom 8. Mai, nichts gemerkt, der sechsjährige Dieter aus Mednicken wird nach dem Tod der Mutter, der Schwestern fast eineinhalb Jahre so in der Wildnis zu überleben versuchen. Das behinderte Mädchen Cäcilia in Duisburg, das sich einen Krieg lang unter einem Cape versteckt hatte, um nicht deportiert zu werden, hatte am 8. Mai schon die Gewalt schwer trunkener Befreier erlebt. Von Vergewaltigung handeln allzu viele der Mädchengeschichten im Osten, die sich im Frühling 1945 auf den Trecks gen Westen zutragen. Da hat Stephanie, ein polnisches Mädchen, längst glückselig gefeiert: Es war vor 1939 als Tagelöhnerkind ins französische Abbeville gelangt, wo die ersten deutschen Bomben vor seinen Augen die Mutter verbrannten, und als endlich ausgerechnet die 1. Polnische Panzerdivision zur Befreiung eintraf, September 1944, war der Krieg für die kleine Polin vorbei.

Von all solchen Kriegskindern, von Täterkindern und Opferkindern, berichten die Journalisten Yury und Sonya Winterberg, dicht, einfach, aufs Erzählbare konzentriert, sie haben die Geschichten der Nachbarskinder Europas zu einem Buch verwoben, das man kaum aus der Hand legen kann, weil erst im europäischen Rahmen sichtbar wird, was es heißt, ein Kind dieses Krieges zu sein. Alles liegt in diesem Netz aus Berichten dicht beieinander. Das Verhungern im eingekesselten Leningrad, das Entsetzen der Kinder des polnischen, russischen Widerstands, die erleben, wie die Deutschen ihre Eltern ermorden. Und das Elend in den Bomben, auf der Flucht.

An jedem Ort Europas, in jeder Biografie, jeder Familie ist dieser Krieg abermillionenmal etwas anders zu Ende gegangen. Aus den deutschen Verbrechen tritt durch die Recherchen der Winterbergs so etwas wie ein Panorama europäischer Kindheiten hervor. Mal hat in den kleinen Seelen die Erfahrung von Willkür, Ohnmacht, von Nichtigkeit gesiegt. Mal die des Schutzes und des eigenen Handelns, auch des Stolzes. Oft hat das Schweigen gesiegt, und das Verschwiegene hat Biografien gelähmt. Die der Kriegskinder. Auch vieler Kriegsenkel.