Martenstein
Sexsender für Senioren
Unser Kolumnist schaut sich Erotikfilme an, die in den Alpen spielen
Seit einiger Zeit besitze ich ein Sommerhaus auf dem Lande. Nun wollte ich in dem Sommerhaus Fernsehen haben, wegen der Bundesliga, deswegen. Da draußen gibt es nur Empfang, wenn man eine Satellitenschüssel hat.
Eigentlich bin ich ganz anders. Folglich durfte der Fernsehmann die Schüssel nicht an der Stelle montieren, wo der Empfang am besten ist, nein, er musste die viertbeste Stelle nehmen, dort, wo es nicht so auffällt. Während er die Schüssel anbrachte, dachte ich, dass ich bigott bin, aber dass ich es wenigstens noch merke. Trotzdem hat es für 800 Kanäle gereicht.
Etwa 400 meiner 800 neuen Sender befassen sich mit Telefonsex. Man sieht Frauen in Dessous. Sie stöhnen und räkeln sich und sagen: "Ruf mich an! Tu mir dies! Tu mir jenes! Tu es bald!" Man kann Telefonsex mit jungen, mittleren oder alten Frauen bekommen, mit dicken und dünnen, schüchternen und aufdringlichen, auffällig oft mit sogenannten Hausfrauen, vereinzelt auch mit jungen Männern. Nur ältere Männer sind im Telefonsexbusiness nicht vertreten. Wer mit einem älteren Mann Telefonsex haben will, muss sich in Deutschland immer noch privat auf die Suche machen.
400 Firmen, die in Deutschland von Telefonsex leben, da muss es einen gigantischen Markt geben. Wenn keine Kunden da sind, geht nämlich die Firma recht bald pleite, so viel verstehe auch ich von Ökonomie. Telefonsex beeinflusst das Denken und Tun der Deutschen offenbar mindestens so sehr wie Computerspiele, es schreibt bloß niemand darüber. Und "Hausfrauen" sind offenbar das Erotischste überhaupt, nun, es gibt ja auch nicht mehr viele.
Ungefähr 50 Kanäle haben sich auf "Parkplatzsex" spezialisiert, man bekommt den nächstgelegenen Sexparkplatz gebührenpflichtig zugesimst. Wieso Tausende Menschen Sex auf einem Parkplatz als reizvoll empfinden, kann ich nicht begreifen. Vermutlich geht es um Voyeurismus oder um Partnertausch. Aber die Fensterscheiben beschlagen doch sofort, das weiß ich genau. Das sind dann wohl Blind Dates, da draußen auf den Parkplätzen.
Dann landete ich auf Alpenglühn TV. Sie zeigten den Film Jagdrevier der scharfen Gemsen. Alpenglühn bringt Sexfilme, die meistens im Gebirge spielen. Im Hintergrund sieht man schneebedeckte Gipfel, im Vordergrund sieht man Mädels und Burschen, die es tun, umgeben sind sie von wiederkäuenden Kühen. Dazu hört man Jodelmusik. Die Filme sind fast alle aus den siebziger und achtziger Jahren, es sind oft Schauspieler zu sehen, die später bei ARD und ZDF angezogen Karriere gemacht haben. An manchen Abenden kann man hin und her zappen, und man sieht Sascha Hehn, Elisabeth Volkmann oder Jutta Speidel auf Alpenglühn ohne Kleider, bei ZDF und ARD sind sie dann älter und auch künstlerisch reifer geworden.
Alpenglühn TV gehört der in Bayern ansässigen Familie Zmeck. "Alpenglühn", sagt Gottfried Zmeck im Interview, sei für ein älteres Publikum gedacht, welches "bodenständige Erotik" bevorzuge. Im Durchschnitt, sagt Gottfried Zmeck, hätten seine Kanäle 1,7 Millionen Zuschauer. Da es etwa 8 Millionen männliche Rentner gibt, sieht offenbar jeder vierte deutsche Rentner regelmäßig den ersten deutschen Sexsender speziell für Senioren. Immer wenn ich einen rüstigen älteren Herrn wandern sehe, muss ich jetzt denken: Jagdrevier der scharfen Gemsen. Auch mein Blick auf Parkplätze ist, dank meiner Satellitenschüssel, ein völlig anderer geworden.
- Datum 12.5.2009 - 12:01 Uhr
- Serie Audio
- Quelle DIE ZEIT, 07.05.2009 Nr. 20
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die Nutzerzahlen der - gefühlt - 2000 online-Partnerbörsen hinzuaddiert, ergibt sich eine bundesrepublikanische Sexuelle Gesamtlage, die so nicht rezipierbar ist. Möglicherweis fallen ja die zuständigen Berufsgruppen in drei Unterkategorien: Die, die nix wissen, die, die was ahnen, aber nix wissen wollen und jene, mit denen aus gutem Grund niemand nirgendwo niemals redet. Deutschland vögelt auf Almen, Parkplätzen und mit Hausfrauen und wir sind alle ahnungslos.
Satellitenbeschüsseltes Ferienhaus scheint Abhilfe zu leisten, doch woher Ferienhaus nehmen? Ich glaub, ich überfall mal ne Bank. Doch halt! Am Ende lösen die keine Alarm aus, sondern drücken mir einen Haufen fauler Derivate in die Hand...
Also: Weiter Lotto spielen und Martenstein lesen.
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In diesem Wahljahr werde ich mich für keine Partei
aussprechen und zu keinem Parteiprogramm. Aber ich
werde nicht aufhören, zu sagen, dass diese Krise eine
ideologische Heimat hat: die FDP.…
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Was waren das noch für Zeiten, als Kinsey seine Meinungsbefragungen in Sachen Sex machte und Oswald Kolle im Stern das Volk aufklärte. Das muss so um 1965 gewesen sein. Ich hatte mal einen dicken Wälzer "Abschied vom Mythos Mann" gehabt. Das war eine empirische Erhebung gewesen. War recht spannend zu lesen und voll mit Statistiken und Meinungen zum Sexualverhalten der Deutschen. Wie das Sexualverhalten wirklich ist weiss kein Mensch. Immerhin ist das virtuelle Angebot ein immenser Fortschritt.
Sexualität ist Privatsache. Gott sei Dank.
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Unser Kolumnist schaut sich Erotikfilme an, die in den Alpen spielen.
Dafür wird er ja bezahlt.
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Schweiz=Ouagadougou
Mann-o-Mann ist das ein Job
schaffen es soweit, für die Zeit Erotikfilme, die in den Alpen spielen, anschauen zu dürfen.
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Schweiz=Ouagadougou
Kann man auf der Seite, auf der alle Martensteins aufgelistet sind, nicht sinnvollerweise kurz dazu anmerken, welcher Beitrag der jeweils aktuellste ist?
Jedesmal klick ich von der Eröffnungsseite auf "Martenstein"und bekomme dann immer diese lange Liste (mit immer dem gleichen Foto übrigends), und muss immer suchen, resp. alle Kurzbeschreibungen durchlesen: na wo isse denn nun, die neue Kolumne?
Es ist so lustig geschrieben, dass ich als Chinesin einen erfrischenden Einblick auf bayerischen Alpen, sexuelle Langlebigkeit der deutschen Opas erhalten. Zum Völkerverständnis trägt der Text zu! Chapeau!
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