Mondlandung Die da oben

Als die ersten Menschen 1969 den Mond betraten, saß unser Autor im Kontrollzentrum der Nasa in Houston. Jetzt hat er noch einmal die Eroberer des Weltraums getroffen, die fast katastrophal gescheitert wären

Das berühmte Bild mit der US-Flagge: Astronaut Edwin Buzz Aldrin am 20. Juli 1969

Das berühmte Bild mit der US-Flagge: Astronaut Edwin Buzz Aldrin am 20. Juli 1969

Viele gibt es nicht mehr, die so nah dabei gewesen sind, dass sie erzählen können. Von der Zeit, als der Mond noch weiter weg war von der Erde als heute der Mars. Und von jenem denkwürdigen Tag im Mai 1961, als Robert Gilruth und ein paar andere ins Weiße Haus gerufen worden waren, wo es ihnen den Atem genommen haben muss, als sie hörten, was der Präsident von ihnen wollte. John F. Kennedy war erst ein paar Monate im Amt. Und schon sollten sie für ihn einen Menschheitstraum erfüllen helfen, wenn auch nur als Abfallprodukt.

Denn um Politik ging es, nur darum. Den ideologischen Feind galt es zu bekämpfen; mit einem Know-how, das es noch nicht gab, genauer: mit einer Rakete, deren Kraft das Begriffsvermögen von Laien sprengte. Gilruth war alles andere als ein Laie. Keiner war mit dem Stand der Technik besser vertraut als er. Drei Jahre vorher war er damit beauftragt worden, eine Space Task Group zusammenzustellen, eine Spezialistentruppe, die im Schock nach den ersten russischen Weltraumerfolgen den eigenen, amerikanischen Vorstoß über die Grenzen der Erdatmosphäre hinaus vorantreiben sollte, und er selbst hatte dabei den Mond als lohnendes Ziel ins Spiel gebracht. Gleichwohl: Hätte er den Präsidenten nicht wissen lassen müssen, dass das, was dieser verlange, so nicht machbar sei, noch nicht? Er tat es nicht. Er und die anderen baten um Bedenkzeit. Um dann zu sagen: Mr. President, was Sie vorschlagen – wir sollten es versuchen.

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"Als ich es hörte", sagt fast ein halbes Jahrhundert später Christopher Columbus Kraft, "da dachte ich, jetzt sind sie alle verrückt geworden." Kraft hatte selbst der Space Task Group angehört, und Gilruth war sein großer Förderer. Heute ist Kraft 85 Jahre alt und lebt im texanischen Bay Oaks, 20 Minuten entfernt von der Skyline Houstons, zurückgezogen in einem stillen Haus am Rande eines Golfplatzes, auf dem er seinen schmalen Körper gelenkig hält. Auf dem Fensterbord sind Memorabilien aus weißem Plastik aufgestellt, Düsenflugzeuge, Raketen und ein spinnenbeiniges Ding namens LM. Hier, vor dem Altar seines Arbeitslebens, leistet Chris Kraft Abbitte. Mit der Hand schlägt er sich an die Brust und ruft noch einmal aus: "Dieser Mann hier hat gedacht, sie seien alle übergeschnappt." So als ob es Blasphemie gewesen sei, an einer nationalen Mission zu zweifeln. An der Eroberung eines fremden Gestirns.

In Chris Krafts Haus bin ich auf einer Reise zurück in die eigenen Erinnerungen angekommen. Vor 40 Jahren hatte ich zu den Reportern gehört, die davon berichteten, wie Amerikaner auf dem Mond einen Fußabdruck für die Ewigkeit hinterließen, in einem Moment, der mit jenem vor 350 Millionen Jahren verglichen wurde, als auf der Erde das Leben dem Wasser entstieg. Die Analogie bot sich an. Zum ersten Mal schickten sich irdische Lebewesen an, außerirdischen Boden zu betreten. Und wir durften im Manned Spacecraft Center in Nassau Bay unweit von Krafts heutigem Wohnort dabei sein.

Niemand hatte mich dorthin zu schicken brauchen. Ich hatte einfach alles liegen und stehen gelassen, um nur ja nicht den großen Augenblick zu verpassen. Als Nobody gesellte ich mich den erfahrenen Reportern zu, die, aufgereiht an langen Tischen, ihre Berichte in Reiseschreibmaschinen hackten und danach zum Stand des Telegrafenbüros Reuters rannten, das die Manuskripte in alle Welt sandte. Ziemlich umständlich war das seinerzeit noch. Einmal, als ich mich eines konkurrierenden Büros bediente, kam mein Artikel in Form von 150 Einzeltelegrammen in Deutschland an. Gedränge gab es kaum in Nassau Bay. Kaum mehr vorstellbar heute, dass allenfalls ein paar Hundert der 6000 bei der Nasa akkreditierten Medienvertreter das Raumfahrtzentrum zum ständigen Arbeitsplatz gemacht hatten, unter ihnen Norman Mailer als Star.

Ebenfalls kaum mehr vorstellbar heute, dass die zubetonierte und mit einer halben Million Menschen bevölkerte Landschaft um das ehemalige Manned Spacecraft Center, das heute Johnson Space Center heißt, Weideland für texanische Longhorn-Rinder war. Dann aber trafen hier immer mehr junge Männer ein, an denen Mailer auffiel, dass sie scharf blickende Augen, kurz geschnittenes Haar und das beherrschte Auftreten derjenigen hatten, die gelernt haben, plötzlich ausbrechende Gefühle an die Leine zu legen. Sie waren Bodentruppen im Kampf der Supermächte um die Vorherrschaft im All und auf der Erde, und Gilruth war ihr Chef. Man hatte ihn zum Direktor des Raumfahrtzentrums ernannt, des Basislagers für Weltraumexpeditionen.

Chris Kraft zählte zu den bekanntesten seiner Leute. Sein Kopf hatte es schon 1965 auf den Time- Titel gebracht. Die Astronauten vertrauten ihm ihr Leben an. Er war der Flight Director, der Fluglotse aus den Anfangstagen der Raumfahrt, bekannt auch als Mr. Mission Control. Später sollte er Gilruths Nachfolger an der Spitze des Raumfahrtzentrums werden. Aber was Kraft zur Legende machte, war diese aufregende Zeit vorher, als er die ersten Astronauten auf die Himmelsbahn dirigiert hatte, die Hände an einem Seilzug, mit dem er die Raumkapsel von der Rakete absprengen konnte, wenn beim Start etwas schiefgegangen war.

Das Herantasten an den Weltraum war, irgendwie, noch Handarbeit. Und auch noch danach waren Computer mächtige Schränke, die ganze Etagen füllten und trotzdem weniger Leistung erbrachten als heute ein Laptop. Kraft musste damit auskommen, als er, nun schon das Ziel Mond im Auge, im dritten Stock eines fensterlosen Betonwürfels das Herzstück des Manned Spacecraft Center schuf, den Mission Operations Control Room, die Steuerungszentrale, die heute unter Denkmalschutz steht, damit sie für immer Zeugnis gebe vom menschlichen Bewegungsdrang – höher, weiter, zu den Sternen. Ausladende Leuchttafeln an der Stirnfront, aufgefaltet wie ein mehrflügliger Altar, und vier Reihen olivgrüner Konsolen mit drei Dutzend Monitoren und unzähligen Knöpfen, Schaltern und Tasten sind das Inventar. Solange Chris Kraft hier der Flight Director war, saß er in der dritten Reihe und starrte auf die Zahlenkolonnen, die wie Börsenkurse lautlos über den Screen liefen, und auf die Leuchttafeln, auf denen die Raumschiffe elegante Linien hinterließen, Kurven, Kringel, wie von Eistänzern gezogen.

Es war Norman Mailer, der über die Unbestechlichkeit elektrischer Schaltkreise und die Autorität des menschlichen Geistes und das Zusammenwirken von beidem nachdachte. Einer Wirklichkeit sah er sich gegenüber, die sich virtuell darbot, in Lichtpunkten, Chiffren, nicht mehr richtig greif- und begreifbar, was später alle Verschwörungstheoretiker dieser Welt auf den Plan rufen sollte mit ihrer Behauptung, der Flug zum Mond sei in Wahrheit Lüge gewesen.

Leser-Kommentare
    • Darlis
    • 08.05.2009 um 20:02 Uhr

    Die Mondlandung von Apollo 11 ist für viele Menschen mindestens gleichrangig mit der Entdeckung des amerikanischen Kontinents fast 500 Jahre zuvor. Der große Unterschied besteht jedoch darin, dass die Geldgeber des genuesischen Seefahrers sechs Monate warten mussten, bevor sie von der Entdeckung erfuhren. Im Falle von Apollo 11 sahen die Steuerzahler mit einer Verzögerung von lediglich 1,3 Sekunden, wofür Ihre Milliarden ausgegeben wurden. Von daher ist es ein fast schon beängstigender Zufall, dass der Ingenieur, dem die Leitung des Mondlandeprojekts oblag, mit Vornamen Christopher Columbus hiess. Ich darf in diesem Zusammenhang auch auf ein aktuelles Buch zu diesem Thema verweisen: Grinsted, Daniel (2009): Die Reise zum Mond - Zur Faszinationsgeschichte eines medienkulturellen Phänomens zwischen Realität und Fiktion (Berlin: Logos Verlag). Hierin wird die Mondlandung von Apollo 11 vor ihrem kulturhistorischen Hintergrund betrachtet und als Medienereignis par excellence untersucht.

  1. als es Nixon gelang den Vietnamkrieg zu beenden, den Kennedy angezettelt hatte und die Space-Cowboys aus den 60gern 100 Milllliarden USD für eine bemannte Landung auf einem um die Erde kreisenden Gesteinsbrocken locker machen konnten, sicher spannend, aber einfach verfrüht, heute haben da kleine Sonden ihre Fingerchen in den Mondboden gegraben und man weiss mehr.

    • Crest
    • 09.05.2009 um 17:22 Uhr

    vorbehaltlos.

    Nicht nur, dass sie in den richtigen Situationen "ihre Emotionen ausschalten" konnten. Auch, weil sie in den richtigen Situationen ihre Emotionen "einschalten" konnten: Doch Aldrins Hand war zu keiner Bibel gegangen, sondern in Sibrels Gesicht gefahren. Es war, im Internet auf Video zu besichtigen, eine rechte Gerade ans Kinn. (Treffend in jeder Hinsicht: Jedes andere Argument wäre ins "Leere" gegangen.)

    Herzlichst Crest

  2. Als ich 20 war wäre ich jederzeit bereit gewesen, mich in eine Blechschachtel zu setzen und mich mit etwas über 40.000 km/h mit einer v.Braunschen Rakete zum Mond schiessen zu lassen. Später denkt man dann, das es nicht unbedingt sein muss, aber OK wars eigentlich.

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