DIE ZEIT: Herr General, als Sie im September 2008 den Irak nach 19 Monaten an der Spitze der Koalitionskräfte verließen, waren die Gewalttaten um 80 Prozent gesunken, jetzt um 90. Ist der Krieg gewonnen?

David Petraeus: Niemand würde das behaupten. Der Fortschritt, obwohl groß, bleibt fragil. Es gibt noch eine ganze Reihe kampffähiger extremistischer Elemente. Al-Qaida, Sunnis, Schiiten. Al-Qaida frischt die eigenen Reihen über Nachschubwege durch Syrien auf.

ZEIT: Der Abzugskalender besagt jedenfalls, dass der Krieg für Amerika vorbei ist. Ende Juni sollen alle Kampftruppen aus den Städten verschwinden, im August 2010 aus dem ganzen Land…

Petraeus: Der Krieg ist natürlich nicht vorbei. Das alles hängt davon ab, ob die 600000 irakischen Soldaten wie geplant das Heft in die Hand nehmen. Außerdem werden sie nach wie vor wichtige Hilfe von uns erhalten: nachrichtendienstliche, logistische, Luftunterstützung…

ZEIT: …auch US-Einsatzkräfte?

Petraeus: Selbstverständlich. Aber all das hängt von der irakischen Regierung ab. Schritt für Schritt geben wir alles an die Iraker zurück, Provinz um Provinz.

ZEIT: Also ein Erfolg?

Petraeus: So schrecklich die jüngsten Attacken auch waren, sie sind nichts im Vergleich zu den durchschnittlich 55 Toten, die Tag für Tag allein unter den Irakern anfielen. Im Juni 2006 täglich 160 Attacken.

ZEIT: Erklären Sie uns Ihren Erfolg.

Petraeus: Wir haben die Klassiker zum Thema der Aufstandsbekämpfung aus den Regalen geholt und dann die neuen Fakten aus dem Irak dazugestellt, zum Beispiel die Selbstmordattentäter. Dann haben wir die irakische Armee wiederaufgebaut und Nation-Building betrieben.

ZEIT: Es hieß doch unter der Bush-Administration: "We don’t do nation building", das sei nicht das Geschäft der Armee.

Petraeus: Wir haben es aber gemacht, mit meiner 101. Luftlandedivision zum Beispiel .

ZEIT: Ihre Hauptdevise lautete: clear, hold, build. Also: säubern, dann halten, dann aufbauen. Was ist der Unterschied zur Vietnam-Strategie "search and destroy", den Feind aufspüren und vernichten?

Petraeus: Ein enormer. "Search and destroy" zielte allein auf den Feind. Unser Fokus war das Volk. Das entscheidende Terrain ist sozusagen das menschliche. Die Hauptaufgabe ist Sicherheit für die Bevölkerung. Das schafft man nur, wenn man mit ihr lebt, und das war entscheidend.

ZEIT: Als ich 2003 im Irak war, galt genau das Gegenteil: Rückzug in die Stützpunkte, in die Festung der Grünen Zone von Bagdad.

Petraeus: Ja, so war es. Aber dann haben wir allein in Bagdad 77 neue Sicherheitsstationen eingerichtet…

ZEIT: …die welche Funktion haben?