Portugal Ohne Gras kein Spaß

Irgendwann erwischt es jeden. Gestern noch gespottet, heute schon selbst Golfer: Zur Platzreife in fünf Tagen an der portugiesischen Südküste

Golfer sind Leute, die Spazierengehen Sport nennen. Elitäre Schnösel in karierten Hosen und Karo-Pullundern. Das habe ich immer gedacht. Und wenn meine Freundin N. mal wieder vom Golfen schwärmte und mich mitnehmen wollte, hatte ich dringend noch etwas zu erledigen. Neulich fragte sie wieder, und da mir auf die Schnelle keine Ausrede einfiel, begleitete ich sie zur Golfanlage. Auf dem Parkplatz neben uns hielt ein uralter, heruntergekommener Chevrolet. Drei Typen stiegen aus, schulterlanges Haar, tiefer hängende Hosen. Ich nahm an, es seien die Gärtner oder Platzwärter, doch dann sah ich die Jungs Bälle abfeuern: Sie flogen schnurgeradeaus und bis weit hinter die 200-Meter-Marke. Auch N. war beeindruckt, und als irgendwann außer den vieren und ein paar balzenden Fasanen weit und breit niemand zu sehen war, griff ich zum Eisen. Die ersten Bälle hoppelten wie Karnickel über den Boden. Nach wenigen Minuten allerdings gab es diesen kurzen Klick, das Zeichen dafür, dass der Schläger den Ball richtig getroffen hat. Fünfzig Meter schoss er in Richtung Fahne. Es war der Augenblick, in dem ich beschloss, mit dem Golfen zu beginnen. Einer der drei Typen hat meine Freude wohl gespürt, er sagte: »Beim Golfen ist es wie beim Sex, man muss kein Profi sein, um Spaß zu haben.«

Es ist neun Uhr. Wir stehen auf einer Rasenfläche, an die ein Orangenhain grenzt. Vor uns schimmert der Atlantik in der Morgensonne, silbrig fast, und kleine Schaumkronen spülen an Land. Wir, das sind Andrea, 39, Berlinerin, Lilian, ihre 13-jährige Tochter, und Daniel, 26, ein Student aus Wien. Im Robinson Club Quinta da Ria an Portugals Südküste haben wir einen Golfkurs für Anfänger gebucht. Unser Trainer heißt Florian Zunker, 32, smart, Golfspieler seit 27 Jahren. Er verspricht Platzreife in fünf Tagen. Was er gleich zu Beginn dieses ersten Tages sagt, ist jedoch nicht gerade motivierend: »Der Golfschwung ist neben Stabhochsprung der komplexeste Bewegungsablauf aller Sportarten. Über 100 Muskeln werden dabei beansprucht.« Ich merke, wie sich allein vom Zuhören mindestens 35 Gesichtsmuskeln zu einem skeptischen Blick zusammenziehen. Und weitere 15, als er erklärt, wie man den Schläger zu halten hat. Eins ist gewiss: So hat man noch nie etwas gehalten, weder einen Kochlöffel, einen Spaten noch die Zahnbürste. Unsere vierköpfige Schlägertruppe steht nun in einer Reihe und gibt ein ziemlich jämmerliches Bild ab. Meine Bälle zischen wie Querschläger nach rechts, Lili schlägt in die Luft, Daniel in den Boden, und Andrea schießt eine Grasnarbe zum Himmel hoch. Florian sagt: »Ohne Gras kein Spaß!«

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Am späten Nachmittag sitzen wir auf der Terrasse des Clubs. Florian erklärt die Theorie. Beim Golfen geht es darum, mit möglichst wenig Schlägen den Ball in 18 verschiedene Löcher zu bringen. Profis benötigen dafür im Schnitt 72 Schläge. »Wenn ihr 54 Schläge mehr braucht, also insgesamt 126, habt ihr die Platzreife«, sagt Florian. Sind es 42 Schläge mehr, beträgt das Handicap 42, sind es nur 36 mehr, ist das Handicap 36 und so weiter. Während Florian ganz bei den Spielregeln ist, springt hinter ihm ein nackter Mann ins Wasser. Von der Terrasse blickt man direkt auf den Pool und auf einen der beiden Golfplätze, auch das Meer ist zu sehen. Rechts stehen flache weiße Bauten, Gästezimmer mit Holzterrassen und Balkonen. Überall duftet es nach Rosmarin oder Thymian oder sonst was, der Club liegt mitten in einem Naturschutzgebiet. Man hört hier Enten schnattern und sieht Reiher über die Tümpel schwingen, und manchmal, ja manchmal stibitzt eine Möwe einem Spieler den Ball und lässt ihn einige Meter weiter wieder fallen. Legt man den Ball dann zurück? Nein, sagt Florian, man spielt ihn von dort weiter. Als Florian dann von seitlichen Wasserhindernissen, von Strafpunkten und gelben und weißen und roten Pflöcken spricht, entdecke ich mein Handicap: Ich bin hundemüde vom Training an der frischen Luft.

Der nächste Tag beginnt an Loch 10. Zwischen dem Platz zum Abschlagen (Tee) und der Fahne auf dem Grün, die das Loch markiert, sind es 380 Meter. Fairway nennt man diese Spielfläche. Florian zeigt uns auf dem Platz, was wir gestern in der Theorie gelernt haben: gelbe und rote Pflöcke, die den Spieler von Weitem auf Wasserhindernisse (Bäche und Teiche) aufmerksam machen, und was zu tun ist, wenn der Ball in einem Bunker landet. Bunker sind Sandkuhlen. Es würde sie heute wohl nicht auf einem Golfplatz geben, wenn die alten Schotten nicht schon im 16. Jahrhundert in Dünennähe Golf gespielt hätten. Moderne Mäher gab es nicht, Schafe hielten das Gras kurz. Die Viecher blökten und machten zwischendurch mal kleine Schafe, und wenn’s ihnen zu kalt und zu nass wurde, suchten sie Schutz in den Dünen, wo sie im Laufe der Zeit den Strandhafer abtraten. Sand rieselte nach, die Schafe traten noch mehr ab, weiterer Sand rieselte nach. So entstanden Kuhlen, die für die Golfer natürlich ein Hindernis darstellten. Heute sieht man die Bunker auf jedem Platz der Welt.

Ich hatte immer gedacht, dass Golfen in Schottland erfunden wurde. Wer einmal von St Andrews gehört hat, dem legendärsten aller legendären Plätze, wird daran auch keinen Zweifel haben. Doch die Wahrheit liegt näher: Ausgerechnet in den wenig romantischen und für den heutigen Golfsport fast bedeutungslosen Niederlanden wurde im 13. Jahrhundert erstmals gespielt. Fragmente vieler Utensilien, die man dafür benötigte, wurden bei Ausschachtungsarbeiten in Amsterdam gefunden. Damals nannte man es noch Colf statt Golf: Da trieb man den Ball über mehrere Kilometer in ein Loch oder zu einer Fahne. Auf alten Gemälden wird das Spiel meistens im Winter gezeigt – auf abgeernteten Feldern oder im laublosen Gebüsch verlor man nicht so viele Bälle.

»Liegt ein Ball im Bunker, darf der Schläger vor dem Abschlag nicht auf dem Boden abgesetzt werden«, sagt Florian und bringt uns auf ein kleines Übungsgelände am Rande des Platzes. Wir nehmen ein Sandwedge (sprich Sändwädsch), einen Schläger mit flachem Neigungswinkel, um den Ball von unten rauszuhebeln. Daniel holt zum Schwung aus und schlägt. Der Ball bleibt liegen, stattdessen fliegt so viel Sand, dass wir im Nu wie paniert danebenstehen. Nach zahlreichen Schwüngen verlassen die Bälle den Bunker wie flügge gewordene Vögel, und auch bei den langen Abschlägen an der Driving Range ist ein kleiner Fortschritt auszumachen. Um ein Gefühl für den richtigen Schwung zu bekommen, führt Florian meinen Arm bei der Ausholbewegung, auch meinen Griff korrigiert er. Gleich mehrere Schläge gelingen nun recht ordentlich, die Bälle starten jedenfalls geradeaus in Richtung Fahne. Dass sie im Flug dann nach rechts abdriften, liegt auch am Wind – Platzreife am Atlantik zu machen ist in etwa so, wie wenn man den Führerschein in Rom macht.

Leser-Kommentare
  1. hallo Herr Niederberghaus

    kommen zwei Blondinen zum Pro auf der Range
    sagt die Eine: "Ich möchte gerne Golf lernen"
    sagt der Pro: "Kein Poblem - und was ist mit Ihrer Freundin?"
    sagt die Andere: "Ich habs gestern schon gelernt"

    viel Spaß
    GoldPub

    • Buker
    • 28.06.2010 um 13:22 Uhr

    Golfen? und das ausgerechnet in Potugal? Auch Marokko oder Agerien würden sich da anbieten. Oder wie wär's mit Spanien oder Griechenland? Die Liste der Länder, in denen man mit seinem Golftourismus die Wasserknappheit der Staaten weiter beschleunigen könnte ist beliebig erweiterbar und bestätigt am Ende doch wieder die Vorurteile gegen Golf als dekadenten Pseudosport.

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