Kunst Der Beweis
Sehr schön: "Westkunst" und Einheitsdenkmal sind gescheitert
Gerade die menschlichen Disziplinen, deren Grundlage die Fantasie ist, haben die größten logischen Probleme zu lösen. Darum suchen die Kriminologie, die Ästhetik, die Liebe und die Mathematik besonders fieberhaft nach dem schlagenden Beweis, nach dem »Quod erat demonstrandum«. Es ist deshalb ein besonderer Glücksfall für die Ästhetik, dass Anfang Mai in Berlin unter gleich zwei ihrer größten im 20. Jahrhundert ungelöst gebliebenen Problemstellungen ein erleichtertes q.e.d. gesetzt werden kann. Zunächst scheiterte im Gropius-Bau mit der Schau 60 Jahre – 60 Werke der letzte Versuch der linksrheinischen Betonfraktion, der Kunst aus Ostdeutschland ihre Existenzberechtigung abzusprechen. Das altbundesrepublikanische Sauberkeitsideal, wonach gute Kunst nur in einem Land der »Freiheit« entstehen könne, entlarvt sich hier selbst. 60 Jahre – 60 Werke oder: Wir haben die Absicht, eine Mauer zu errichten. Nicht die ostdeutsche Kunst in ihrer Vielfältigkeit zwischen Glöckner, Altenbourg und Tübke erscheint einem angesichts dieses verzweifelt anachronistischen Ausstellungskonzeptes unfrei, sondern die Staatskunst des Westens. Die Wahrheit ist unbequem: Neo Rauch war auch schon zu Zeiten der DDR ein exzellenter Maler und wurde es nicht erst seit der Nacht des 9. November 1989.
Und auch wenn es keines weiteren Beweises bedurft hätte, offenbarte sich noch einmal auf anderem Feld, dass Freiheit und Demokratie keineswegs per se bessere Kunst hervorbringen. In einem denkwürdigen Akt hat die Jury für ein Berliner Denkmal zur deutschen Einheit, zu dem jeder Bürger Entwürfe einreichen konnte, erklärt, dass die Qualität so schlecht war, dass keine Vorauswahl getroffen werden konnte.
Wir lernen: Es gibt keinen Gleichklang zwischen dem ästhetischen und dem moralischen Fortschritt. Es gibt auch in Staaten, die die Freiheit repressiv beschränken, avantgardistische, großartige Kunst. Und in Staaten, in denen die Künstler jede Freiheit der Welt genießen, entsteht deshalb noch lange kein einziges gutes Denkmal. Wie schön! Jetzt können wir endlich neu zu denken beginnen.
- Datum 08.05.2009 - 12:22 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.05.2009 Nr. 20
- Kommentare 6
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Erstens konnte nicht "jeder Bürger" Entwürfe einreichen (die internationale Ausschreibung bezog sich dezidiert auf professionelle KünstlerInnen und ArchitektInnen), und zweitens ist nicht die Freiheit bzw. Unfreiheit der KünstlerInnen Vorraussetzung für gute oder schlechte Kunst.
Im Fall des Berliner Denkmals für Freiheit und Einheit war die Überfrachtung der Ausschreibung die Quelle für die verwirrende Vielfalt an Entwurfsideen, denen die Jury nicht gewachsen war. Das Verfahren ist völlig aus dem Ruder gelaufen, weil man über Biegen und Brechen von 532 Projekten innerhalb von 2 Tagen eine Shortlist von 20 auswählen wollte. Keiner der JurorInnen hatte die Professionalität diese Unmöglichkeit zu diskutieren, um eine Verlängerung der Wertung der, teilweise sehr komplexen, Projekte zu erwirken. Die Jury hat, um ihre Unfähigkeit zu kaschieren, alle Projekte ausjuriert; 400 innerhalb von 4 Stunden, was alles über die Sorgfaltspflicht der Jury sagt. Die Medien haben brav die Meinung der Jury weitergeleitet und die Presseaussendung der Jury nahezu wortidentisch in ihre Glossen eingearbeitet.
Weder einen ästhetischen noch einen moralischen Fortschritt, da pflichte ich Ihnen bei, wird unter diesen Vorraussetzungen die weitere Diskussion um das Denkmal bringen.
Informationen zum Stand der Diskussion:
Link Wordpress: Freiheitsdenkmal
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die einschränkung von "deutsch" auf westdeutsch ist also eigenart "der linksrheinischen Betonfraktion" ... da fragt man sich doch, wie die westelbische ebensolche haltung zu betrachten ist?
lieber herr illies, vor dem hochgefühl des moralisch guten sollten sie womöglich mal dasd blatt lesen, indem sie ebenjenes publizieren.
ihr kommentar ist ja nicht der erste in der zeit zu der berliner ausstellung, und auch bei dem längeren etwa zwei wochen vorher wurden wieder vorwürfe gegen die beschränkung von deutsch auf westdeutsch erhoben.
insofern nicht überraschend -- interessant wurde es aber wenige seiten weiter.
im dossier nämlich wurde eine bildergalerie gezeigt, mit dem anspruch 60 jahre deutscher geschichte zu zeigen. mit dem makel, dass eben diese 60 jahre _west_deutsche geschichte zeigten. die ddr kam 49m 53, 61 vor mit den bekannten bildern der exotischen diktatur und dann erst wieder 89 mit dem bekannten bild der exotischen ossis an der mauer.
anderes? dazwischen? gleichberechtigte darstellung (kleine überraschung: die ddr hat zwischen den 4 jahreszahlen nicht im dornröschenschlaf gelegen und deutsche geschichte fand nicht nur westwärts statt)? fehlanzeige -- noch zum einigungsvertrag prangt ein schlechtes bild von waigel. deutlicher geht's nicht mehr.
wer im glashaus sitzt, sollte nicht mit steinen schmeissen -- gerade beim thema ost-west hat die zeit schon so oft geworfen, dass man sich wundert, dass immer scheiben zu zerschlagen sind ...
und noch was: die berliner ausstellung titelt "kunst aus der bundesrepublik deutschland", nicht "deutsche kunst" -- das macht nur die zeit.
In den Medien (Feuilleton, KULTUR-Seiten) liest man nichts von dieser negativen Entscheidung, die fatale Folgen hat: Der Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages hat sich mit den Stimmen der großen Koalition DAGEGEN ausgesprochen, die KULTUR als STAATSZIEL ins GRUNDGESETZ aufzunehmen. FDP und LINKE stimmten dafür, die GRÜNEN enthielten sich. Die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ hatte empfohlen, das Grundgesetz um einen Artikel 20b zu ergänzen, der folgenden Wortlaut haben sollte: „Der Staat schützt und fördert die Kultur.“ Früher unterstützten Politiker aller Fraktionen das Vorhaben lautstark. Nun hat der Bundestags-Rechtsausschuss das löbliche Vorhaben scheitern lassen. Gemeinsam hoffte man, die Klausel, die keinerlei direkte Vorteile für die Förderung der Künste brächte, könne wenigstens als Auslegungshilfe für Gerichte und Verwaltungen dienen und so gleichsam indirekt das Gewicht der Kultur in der Konkurrenz mit anderen Interessen stärken. Im WEB ist der Artikel „EVOLUTION der KULTUR-POLITIK am Ende? – KULTUR: kein Staatsziel“ zu lesen (ZEIT Online). KULTUR gehört als STAATSZIEL in die Verfassung! Die Berliner 60-Jahre/Werke-SKANDAL-Schau - ein Trauerspiel für unabhängige Kulturschaffende - macht dies deutlich.
Auch Kunst-Akademie-Präsident STAECK protestiert: Zur SKANDAL-Ausstellung „60 Jahre – 60 Werke“ ist er noch „dabei, einen Aufruf zu entwickeln". Dass die PRIVAT-Schau ein „nationaler Kanon" sein will, sei "eine Frechheit“: „Dazu werden wir nicht schweigen". Besonders ärgerlich sei die „Behauptung, Kunst könne nur unter dem Schutz des Artikel 5 unseres Grundgesetzes in Deutschland entstanden sein“. Es sei „einfach unmöglich, diese Behauptung aufrechtzuerhalten“. Und: „Erstaunlich ist, dass doch sehr seriöse Kuratoren auch offenbar diese These mit geprägt haben“, wundert sich der Akademiepräsident. Viele Kunst ist ja „gerade im Widerstand in Unfreiheit entstanden“ hebt STAECK hervor und beurteilte die Schau als „Geschichtsklitterung mit pseudostaatlichem Anstrich“ (dradio.de). Dass die KUNST auch im Westen „in Unfreiheit“ wegen des staatlich geförderten WEST-Kunstmarkt-Systems entstehen musste - bei Unabhängigen in Abhängigkeit von Galeristen, Kunsthandel, Sammlern; documenta-Druck -, erwähnt der Präsident nicht. Wird die „Kunst & Recht - Ost & West"-PODIUMS-Diskussion am 15.5. im Gropius-Bau (Kino) mit BEAUCAMP, BROCK, MÖSSINGER, TANNERT und IDEN Streit schlichten können? DIE ZEIT wird wohl kritisch über diesen EVENT berichten!?
Die „Kunst & Recht - Ost & West"-PODIUMS-Diskussion am 15.5. im Gropius-Bau (Kino) ist vorbei. Ich hoffte, kritische Medien („Berichterstatter“) würden kritisch über diesen EVENT berichten, der einen Tag nach der Sitzung des Deutschen Bundestags zu "60 Jahre Grundgesetz" (vgl. PHOENIX-Übertragung) in Berlin stattfand. „KULTUR" scheint heute für Politiker eher ein "Fremdwort" zu sein, wenn man sich die Reden bei PHOENIX zum GG anhörte. Demokratie in der BRD braucht aber kulturelle EVOLUTION und kein Sillstand. Seriöse Medien können durch kultur-kritische Berichte mithelfen, dass nicht nur (teils unfähige) Partei-Politiker in der BRD das Sagen haben. Ein Lob: Gregor GYSI sprach über die gescheiterte Skandalschau "60-Jahre/Werke" in seiner Rede, beklagte die Ausgrenzung der DDR-Künstler.
Als AUGENZEUGE schreibt Georg LENGERS in einem Bericht von der PODIUMSDISKUSSION:
Peter IDEN – FR-Kunstkritiker und Sprecher sowie Kurator der Berliner Schau - verteidigte am Abend des 15.05.09 im Martin-Gropius-Bau bei einer Diskussionsveranstaltung sein Ausstellungskonzept „mit rot angelaufenem Kopf fast schäumend“ Der Kommentator weiter:
Er insistierte, es täte ihm eher die Nichtaufnahme von mehr Westkünstlern in die Ausstellung leid als das Fehlen von ostdeutschen Künstlern in der Ausstellung. Grundsätzlich war das Credo seiner Bindungen zur Verteidigung seines Konzeptes die Erwähnung von Beuys und Adorno. Vom Letzteren referierte er knapp die Kunstmetaphysik der 50er und 60er Jahre. Philosophie aber ist für Adorno Solidarität mit der Metaphysik in ihrem Sturze. Iden fordert zwar Solidarität mit den Werken von Adorno und Beuys ein, er sieht dabei aber den Sturz nicht. Andere Kunsttheoretiker schrieben vom Verfranzen der Adorno´schen Ästhetik. Ebenso beim Werk von Beuys: Iden verklärte den in Filz eingekleideten Flügel, der in der Ausstellung zu sehen ist und der erklingen könnte, wenn man ihn des Filzes in Zukunft entledigte. Er verschwieg, das Beuys mit einer Axt Stockhausens Klavierflügel zum Einsturz brachte. Diese Erhabenheitsemphase und das Beharren auf die alten Bindungen lassen ihn so auch blind sein für neue Kunsterfahrungen, die nicht rheinisch westfaelisch oder westlicher daherkommen. Seine Sponsoren (u.a. RWE, Bundesinnenministerium) mögen das ihrige zu seinen Wahrnehmungs- und Hornhautverhärtungen beitragen. Aufschlußreich war wiederum das ein exponierter Kritiker der Ausstellung und Fürsprecher der ostdeutschen Kunst, der Kunstkritiker Eduard Beaucamp, während der Diskussionsveranstaltung den Satz verlauten ließ: "Kunst aus dem Ausland interessiere ihn nicht." (Quelle: http://www.art-magazin.de...)
Den vollstandigen Kommentar Kommentar finden sie unter: http://tinyurl.com/oxlgwb als 2. Kommentar vom 17.05.2009, geschrieben um 18:21
Das Art-magazin hatte im Ausgabeformular wohl zuwenig Platz für meinen
ganzen Kommentar. (Auch wurde er erst viel später sichtbar.)
Denn ich fahre fort:
>Während also z.B. das (Militär-) Museum in Karlhorst, das bekanntlich nicht gerade sehr kritisch zu dem russischen "großen Vaterländischen Krieg" Stellung bezieht, die Biographie Joseph Beuys immerhin mit in seine Ausstellung zu integrieren vermochte, so scheint eine Clique von westdeutschen Kuratoren sich gegenüber den Künstlern aus dem ostdeutschen Raum immer noch abschirmen zu wollen. Sie haben wohl weniger nach 20 Jahren Mauerfall nichts dazugelernt.<
[ Foto voon Peter Iden auf der Dikussionveranstaltung ]
Den vollstandigen Kommentar Kommentar finden sie unter: http://tinyurl.com/oxlgwb als 2. Kommentar vom 17.05.2009, geschrieben um 18:21
Das Art-magazin hatte im Ausgabeformular wohl zuwenig Platz für meinen
ganzen Kommentar. (Auch wurde er erst viel später sichtbar.)
Denn ich fahre fort:
>Während also z.B. das (Militär-) Museum in Karlhorst, das bekanntlich nicht gerade sehr kritisch zu dem russischen "großen Vaterländischen Krieg" Stellung bezieht, die Biographie Joseph Beuys immerhin mit in seine Ausstellung zu integrieren vermochte, so scheint eine Clique von westdeutschen Kuratoren sich gegenüber den Künstlern aus dem ostdeutschen Raum immer noch abschirmen zu wollen. Sie haben wohl weniger nach 20 Jahren Mauerfall nichts dazugelernt.<
[ Foto voon Peter Iden auf der Dikussionveranstaltung ]
Den vollstandigen Kommentar Kommentar finden sie unter: http://tinyurl.com/oxlgwb als 2. Kommentar vom 17.05.2009, geschrieben um 18:21
Das Art-magazin hatte im Ausgabeformular wohl zuwenig Platz für meinen
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Denn ich fahre fort:
>Während also z.B. das (Militär-) Museum in Karlhorst, das bekanntlich nicht gerade sehr kritisch zu dem russischen "großen Vaterländischen Krieg" Stellung bezieht, die Biographie Joseph Beuys immerhin mit in seine Ausstellung zu integrieren vermochte, so scheint eine Clique von westdeutschen Kuratoren sich gegenüber den Künstlern aus dem ostdeutschen Raum immer noch abschirmen zu wollen. Sie haben wohl weniger nach 20 Jahren Mauerfall nichts dazugelernt.<
[ Foto voon Peter Iden auf der Dikussionveranstaltung ]
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