Vor genau zwei Jahren bekam der Leiter der Filmfestspiele von Cannes, Thierry Frémaux, einen flott geschriebenen Brief. Er lautete ungefähr so:

»Lieber Herr Frémaux, wenn Ihr Festival bei der Zukunft der Filmdistribution mitmischen will, dann sollte es meine Internetfirma mit offenen Armen empfangen. Daher bitte ich Sie, mich für die diesjährige Cannes-Ausgabe zu akkreditieren.«

Was in dem Brief nicht stand: dass die Firma The Auteurs, die sich hier viel zu spät um eine der schwer zu ergatternden Akkreditierungen bewarb, erst zwei Wochen alt war. Dass diese Firma außerdem kein Geld und keine Angestellten, kein Büro, ja nicht einmal einen Ort hatte und nur aus einer einzigen Person bestand: Efe Cakarel, einem in den USA lebenden Türken, der nach Jahren als Investmentbanker und Computerentwickler seine Kinoleidenschaft zum Beruf machen wollte. Die Idee zu seiner Firma kam Cakarel, als er eines Tages in einem Café in Tokyo Lust hatte, sich auf seinem Laptop Wong Kar-Wais Melodram In the Mood for Love anzuschauen. Er musste feststellen, dass es im Internet keinerlei Möglichkeiten gab, den Film legal herunterzuladen. Seitdem träumte er von einer Internetplattform, auf der man sich möglichst unkompliziert möglichst gute Filme anschauen kann.

Jetzt sitzt Efe Cakarel, ein schmächtiger Hansdampf mit Hippiefrisur und schwarzer Kunststoffbrille, in einem modernen Flachbau in Palo Alto, Kalifornien. Palo Alto in Silicon Valley sei für eine Internetfirma »the place to be«, sagt er. Hier, wo Facebook und YouTube um die Ecke sind, Google fünf Autominuten entfernt ist und Twitter drüben in San Francisco sitzt. Hier, wo es kaum Straßenverkehr, kurze Wege, fast keine Bars, aber jede Menge Cafés gibt, auf deren Tischen die Notebooks leuchten. Vor allem aber wird Palo Alto bevölkert von Tausenden jungen Menschen, die bereit sind, sieben Tage die Woche für fantastische Pragmatiker oder pragmatische Fantasten wie Efe Cakarel zu arbeiten.

In Cakarels Großraumbüro sitzen sechs Mitarbeiter vor riesigen Computerbildschirmen, an den Wänden hängen Filmplakate von Wong Kar–Wai, Gus Van Sant, François Truffaut, Alfred Hitchcock. In einer Ecke trauert eine gelbliche Palme den Zeiten hinterher, als die Menschen in ihrer Umgebung noch Zeit zum Gießen hatten. Einiges ist geschehen, seit Cakarel seine Cannes-Akkreditierung dann doch bekam. »Ich kam dort an und kannte niemanden«, sagt er. »Ich war der einsamste Mensch der Welt auf dem größten Festival der Welt.« Am zweiten Tag begegnete er der rumänischen Schauspielerin, die zufällig auch Hauptdarstellerin des Siegerfilms Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage war. Auf einem Empfang lernte er ihren Produzenten sowie Verleiher, Agenten und Filmhändler kennen und geriet in die Partymühle des Festivals. Zwischen Häppchen, Champagner und Kinovorführungen habe er sich alles Wissenswerte über das Filmbusiness erzählen lassen, sagt Cakarel. Danach war seine Cannes-Erkenntnis so einfach wie klar: »Durch die Digitalisierung wird sich die Verwertungsmöglichkeit von Filmen extrem erweitern. Alle arbeiten daran, vom kleinen Kinoverleih über die Fernsehsender bis zu Großanbietern wie Amazon. Das ist eine Riesenchance für ein Kinoportal im Internet. Eines mit eigener Handschrift und eigenem Anspruch.« Nach dem Festival schrieb Cakarel systematisch Briefe an alle großen internationalen Verleihe und lud sie, wieder mit enthusiastischen Briefen, ein, ihre Filme gegen eine finanzielle Beteiligung auf seinem Internetportal zu zeigen. Das Ergebnis? »Nichts, nichts, nichts.«

Cakarel gab nicht auf. Monate später gelang es ihm endlich, Kontakt zu Hengame Panahi auzunehmen, Chefin des großen französischen Kino-Weltvertriebs Celluloid Dreams. Panahi, bei der von François Ozon über Takeshi Kitano bis Jacques Rivette alle Regisseure unter Vertrag sind, die im internationalen Kino Rang und Namen haben, war auf Anhieb von einer Internetkooperation begeistert. »Der Deal war der Durchbruch«, sagt Cakarel. Auf der Basis von Panahis Filmen stellten Cakarel und seine Kuratoren eine ständig anwachsende Bibliothek mit derzeit 400 Filmen zusammen, die man einzeln für fünf Dollar oder innerhalb eines monatlichen Abonnements herunterladen kann. Sein zweiter großer Kooperationspartner, die New Yorker DVD- und Verleihfirma Criterion, präsentiert auf theauteurs.com regelmäßig Filmreihen, sogenannte Festivals – etwa zu großen Dokumentarfilmern –, die umsonst zu sehen sind. Werden Internetportale wie The Auteurs zum Todesstoß für den klassischen Kinobesuch? Cakarel widersprich vehement. The Auteurs verstehe sich als Ergänzung zur Leinwand, als Möglichkeit, Filmen, die etwa in den USA nie den Weg ins Kino schaffen, ein Publikum zu besorgen.

Wenn Efe Cakarel von seiner Verwertungsvision im Netz erzählt, verströmt er die gleiche Mischung aus Chuzpe, Größenwahn und Pioniergeist, die ihm schon die Türen in Cannes geöffnet hat. Das Problem von Kino im Netz sei das allgemeine Problem des Internets, sagt er: »Überangebot, Unüberschaubarkeit und zu viel Müll! Jeder mag Kino, jeder verbringt Stunden seines Lebens im Netz, aber kein Mensch schaut sich die Filme dort an. Die meisten Downloadseiten erinnern mich an billige Videoläden in den Achtzigern in Istanbul. Das sind Supermärkte ohne jeden Entdeckungsgeist. Außerdem muss man sich erst umständlich eine Software und dann den Film herunterladen, meistens in jämmerlicher Qualität.«

Theauteurs.com zeigt die Filme nicht nur in erstklassiger Auflösung. Die Website will auch eine Art Lotsenschiff im großen Kino-Ozean des World Wide Web sein. Ein von Kapitän und Offizieren gesteuertes Gefährt, an dem sich auch der Dokumentarfilmliebhaber in Sibirien oder der Godard-Verehrer in der Weite der amerikanischen Provinz orientieren kann. Konzept ist, dass sich die Organisatoren und Redakteure der Website selbst positionieren, mit Artikeln, Interviews, Kommentaren und Festivalberichten. »Es geht um Vertrauen in unsere kuratorische Kompetenz, um eine ästhetische Haltung in der Anonymität des Internets«, sagt Cakarel, »nur dann schauen sich die Leute unsere Filme an.« »Vertrauen«, »Bindung«, »«Heimatgefühle« – die Wörter sind sein Mantra. Aber dann erzählt er fröhlich, dass seine Website in dieser Form zunächst einmal gescheitert sei.

Als vor einigen Wochen die Daten von The Auteurs ausgewertet wurden, kam heraus: Bisher nutzen viel zu wenige Besucher die Downloads. Das mag auch an den territorialen Lizenzrechten liegen, die die Filme nur für bestimmte Länder zugänglich machen. Dennoch brummt der Laden über die Maßen – allerdings in den Diskussionsforen, in denen sich die Cinephilen aus aller Welt über Lieblingsfilme und legendäre Kameraschwenks austauschen, in den Blogs über den Blick von Marlon Brando oder die Farben bei Kurosawa. »Aus dieser Begeisterung müssen wir etwas machen!«, ruft Cakarel. »Wenn die Leute keine Lust haben, uns Geld für Downloads zu geben, dann muss das Geld eben woanders herkommen. So ist das nun mal bei einem Start-up-Unternehmen.«

Verbringt man einige Zeit im Auteurs-Büro in Palo Alto, hat man tatsächlich das Gefühl, dass sich die Website täglich, manchmal sogar stündlich neu erfindet: als eine Mischung aus Download- und Kommunikationsplattform. Während unserer Gespräche schreit Cakarel immer wieder in seinen Computer hinein. Über das Internettelefon entwickelt er mit einem Partner in London Sponsorenkonzepte, die ermöglichen sollen, auf theauteurs.com demnächst fast alles umsonst zu zeigen. Große Firmen sollen Kinoreihen oder einzelne Filme auf Vorschlag der theauteurs-Nutzer präsentieren. In einer Ecke basteln Danny, der Textredakteur, und Edward, der kürzlich von MySpace in London abgeworben wurde, an einem Kalender, der die Besucher der Website in den gesamten USA mit den Programmen der Arthouse-Kinos in ihrer Nähe verbinden soll. Am Tisch gegenüber arbeitet die gebürtige Peruanerin Melissa am Design der Diskussionsforen, während der indische Programmierer Jatinder unter Kopfhörern an der Beschleunigung der Downloads tüftelt. Im Nebenraum digitalisiert die junge Türkin Amber eine weitere Kiste mit Filmen von Celluloid Dreams aus Paris. Gerade ist Das Versprechen der Brüder Dardenne an der Reihe.

Ein Internetprojekt wie The Auteurs müsse sich sehr schnell weiterentwickeln, sagt Cakarel, der für die erste Etappe bis nächsten Herbst zwei Millionen Dollar an Investorengeldern eingesammelt hat: »In drei Jahren wollen wir rentabel sein. Und das geht nur, weil wir in Silicon Valley sitzen, wo wir uns mit Freunden in anderen Firmen austauschen und vernetzen können.« Tatsächlich wurde Palo Alto im letzten Jahrzehnt zu einer Art Kontaktbörse des World Wide Web, zu einem kleinstädtischen Versuchslabor, in dessen Cafés sich die Hipster der Internetzukunft Programmiererwitze erzählen. Viele Gründer und Mitarbeiter der Start-up-Unternehmen, die rund um das Stadtzentrum in Flachbauten und Garagen sitzen, kennen sich vom Studium an der örtlichen Stanford University. Es ist ein geschlossenes Ökosystem, eine Mischung aus Spielwiese und Klassentreffen der Internet-Avantgarde.

Vor ein paar Monaten etwa wandten sich die Entwickler des benachbarten Freundschaftsportals Facebook an The Auteurs mit der Bitte, dem Kinointeresse der Facebook-Nutzer entgegenzukommen. Cakarel und seine Mitarbeiter reagierten schnell. Sie entwickelten 25 Seiten mit Informationen über häufig auf den Facebook-Seiten auftauchende Filme und Regisseure – samt einem Link zu deren Filmen bei The Auteurs. In den darauffolgenden Wochen wurden diese Seiten von zwei Millionen Facebook-Nutzern angeklickt. Umgekehrt wiederum steht unter jedem Film von theauteurs ein kleines blaues F. Hier kann der Kinoliebhaber all seinen Facebook-Freunden mitteilen, dass ihm ein Film auf The Auteurs gefallen hat. Es ist ein großes Hin und Her, ein freundschaftlicher Vernetzungsirrsinn, mit dem Ziel, die Klicks, die magische Quote des Internets, in die Höhe zu treiben. Je mehr Klicks, desto mehr Anzeigen und Sponsoren. Und dann kommt irgendwann das Geld.

Was das Wort Ökosystem in Palo Alto genau bedeutet, wird an jenem Nachmittag deutlich, als Melissa, die Webdesignerin, vorschlägt, »unseren Freunden bei Facebook« einen Besuch abzustatten. Genau wie The Auteurs jetzt war Facebook vor wenigen Jahren noch eine Garagenklitsche mit ein paar Ideen und einer Handvoll Programmierern. Inzwischen hat sich das Unternehmen mit seinen 800 Mitarbeitern krakenartig über mehrere Gebäude und Straßenzüge in Palo Alto ausgedehnt. Am Eingangstresen muss man eine mehrseitige Erklärung unterzeichnen, in der man sich verpflichtet, auch nicht die kleinste Idee zu verraten, die einem innerhalb des Gebäudes entgegenschwirren könnte. Streng genommen müsste man solche Erklärungen in Palo Alto auch vor dem Betreten eines Supermarktes, Cafés oder Fitnessstudios unterzeichnen.

Hinter der Pforte nimmt uns Melissas Studienfreund Javier Olivan, zuständig für die internationale Ausweitung von Facebook, in Empfang. Als wir durch die Räume gehen, in denen Hunderte junge Programmierer vor ihren Bildschirmen hängen, zwischen Pizzaresten, leeren Kaffeebechern, Skateboards, Vitaminpillen und Basecaps, stellt sich ein seltsames Gefühl ein. Auf der einen Seite das längst Klischee gewordene Bild der übernächtigten Internetpioniere und Garagen-Glücksritter – und auf der anderen die globale Wucht eines Unternehmens, das 200 Millionen Nutzer und einen Milliardenmarktwert hat. Demnächst wird Facebook in eine neue, riesige Konzernzentrale außerhalb von Palo Alto ziehen.

Auf dem Rückweg zum Büro erzählt Melissa, die wie alle festen Mitarbeiter von The Auteurs Unternehmensanteile besitzt, von den Erfolgsgeschichten und Palo-Alto-Mythen. Von den Sekretärinnen und Masseurinnen, die in der Frühzeit von Google mit winzigen Firmenanteilen bezahlt wurden und deren Vermögen heute in die Millionen gehe. Vielleicht ist Google, Megakonzern und Supergeschäftsidee, der Flucht- und Endpunkt vieler Palo-Alto-Sehnsüchte. Und wahrscheinlich ist die riesige Google-Trutzburg, nur wenige Autominuten entfernt, das Bild, das all diese jungen Selbstausbeuter befeuert, ihr Leben mit Applications, Algorithmen und Vernetzungsstrategien zu verbringen. Der Amerikanische Traum als dickes glänzendes Internet-Nugget. Nur: Wie lässt sich diese Goldsucherfantasie mit japanischen Autorenfilmen und britischen Arthouse-Entdeckungen verbinden?

Am Abend lädt Cakarel seine Mitarbeiter in ein Szenerestaurant ein. Aus den Preisen und der Überbuchung lässt sich schließen, dass die amerikanische Krise Palo Alto noch nicht wirklich erreicht hat. »Zumindest was die Lebensart betrifft, sind wir unseren milliardenschweren Nachbarn voraus«, sagt Cakarel und prostet in die Runde. Eine der schönsten Palo-Alto-Geschichten handelt davon, dass die Übernahme von YouTube durch Google in einer Filiale von Denny’s, der billigsten aller billigen Fast-Food-Ketten, besiegelt wurde. Fettige Burger zum 1,65-Milliarden-Dollar-Deal. Bei theauteurs wird die neueste Firmenstrategie bei Cabernet und Oktopus-Carpaccio diskutiert. Ihr Name ist: Twitter.

Eine Zusammenarbeit mit diesem Internet- und Handynetzwerk, das auf den sekundenschnellen Nachrichtenwellen sogenannter Followers beruht, soll die Klickraten auf The Auteurs weiter in die Höhe schnellen lassen. Durch eine Verlinkung der Nutzerprofile beider Websites könnte ein Filmliebhaber binnen Sekunden Tausenden von Followern mitteilen, dass ihm ein Film auf The Auteurs gefallen hat. »Wir müssen mit unseren Freunden bei Twitter reden!«, sagt Cakarel.

Plötzlich schwebt über den abgegessenen Desserttellern die Frage, ob sich solche Kommunikationslawinen mit dem Grundgedanken von The Auteurs – ausgewählte Filme für interessiertes Publikum – verbinden lassen. Manchmal kann man mit Aktionismus auch an sich selbst vorbeistürmen. Cakarel lässt kurz die Idee einer zweiten, populäreren Website aufblitzen. Dann wird gezahlt. Es ist halb neun, in Palo Alto geht man früh zu Bett.

Am nächsten Tag, bevor sich unsere Wege trennen, erzählt Efe Cakarel von seinem Plan für eines der großen Filmfestivals: der gleichzeitigen Premiere eines Wettbewerbsfilms im Internet und auf der Leinwand. »Die Organisatoren von Cannes haben bereits zugestimmt, uns fehlt nur noch ein Produzent, der dazu bereit ist.« Zum Abschied sagt er: »Das Großartige an Palo Alto ist, dass man heute eine Idee hat und dass sie innerhalb zwei Wochen umgesetzt wird.« Am Mittag wird Cakarel nach New York fliegen, um mit Martin Scorseses World Cinema Foundation über eine mögliche Zusammenarbeit zu reden. Er will den von Scorseses Stiftung restaurierten Filmen ein eigenes Kinofenster auf The Auteurs anbieten.

Der grüne Link zu Twitter steht mittlerweile unter allen Filmen der Website. In der kommenden Woche wird die Firma in Cannes die Zusammenarbeit mit der World Cinema Foundation ankündigen. Nur die Weltpremiere eines Cannes-Films im Internet hat diesmal noch nicht geklappt. Aber Cakarel ist optimistisch. Vielleicht wird er einfach wieder ein paar Briefe schreiben.

The Auteurs im Internet:
http://www.theauteurs.com/
Blog: The Auteurs Studio