Film Diese Sieben stürmen das KinoSeite 3/3
Auf dem Rückweg zum Büro erzählt Melissa, die wie alle festen Mitarbeiter von The Auteurs Unternehmensanteile besitzt, von den Erfolgsgeschichten und Palo-Alto-Mythen. Von den Sekretärinnen und Masseurinnen, die in der Frühzeit von Google mit winzigen Firmenanteilen bezahlt wurden und deren Vermögen heute in die Millionen gehe. Vielleicht ist Google, Megakonzern und Supergeschäftsidee, der Flucht- und Endpunkt vieler Palo-Alto-Sehnsüchte. Und wahrscheinlich ist die riesige Google-Trutzburg, nur wenige Autominuten entfernt, das Bild, das all diese jungen Selbstausbeuter befeuert, ihr Leben mit Applications, Algorithmen und Vernetzungsstrategien zu verbringen. Der Amerikanische Traum als dickes glänzendes Internet-Nugget. Nur: Wie lässt sich diese Goldsucherfantasie mit japanischen Autorenfilmen und britischen Arthouse-Entdeckungen verbinden?
Am Abend lädt Cakarel seine Mitarbeiter in ein Szenerestaurant ein. Aus den Preisen und der Überbuchung lässt sich schließen, dass die amerikanische Krise Palo Alto noch nicht wirklich erreicht hat. »Zumindest was die Lebensart betrifft, sind wir unseren milliardenschweren Nachbarn voraus«, sagt Cakarel und prostet in die Runde. Eine der schönsten Palo-Alto-Geschichten handelt davon, dass die Übernahme von YouTube durch Google in einer Filiale von Denny’s, der billigsten aller billigen Fast-Food-Ketten, besiegelt wurde. Fettige Burger zum 1,65-Milliarden-Dollar-Deal. Bei theauteurs wird die neueste Firmenstrategie bei Cabernet und Oktopus-Carpaccio diskutiert. Ihr Name ist: Twitter.
Eine Zusammenarbeit mit diesem Internet- und Handynetzwerk, das auf den sekundenschnellen Nachrichtenwellen sogenannter Followers beruht, soll die Klickraten auf The Auteurs weiter in die Höhe schnellen lassen. Durch eine Verlinkung der Nutzerprofile beider Websites könnte ein Filmliebhaber binnen Sekunden Tausenden von Followern mitteilen, dass ihm ein Film auf The Auteurs gefallen hat. »Wir müssen mit unseren Freunden bei Twitter reden!«, sagt Cakarel.
Plötzlich schwebt über den abgegessenen Desserttellern die Frage, ob sich solche Kommunikationslawinen mit dem Grundgedanken von The Auteurs – ausgewählte Filme für interessiertes Publikum – verbinden lassen. Manchmal kann man mit Aktionismus auch an sich selbst vorbeistürmen. Cakarel lässt kurz die Idee einer zweiten, populäreren Website aufblitzen. Dann wird gezahlt. Es ist halb neun, in Palo Alto geht man früh zu Bett.
Am nächsten Tag, bevor sich unsere Wege trennen, erzählt Efe Cakarel von seinem Plan für eines der großen Filmfestivals: der gleichzeitigen Premiere eines Wettbewerbsfilms im Internet und auf der Leinwand. »Die Organisatoren von Cannes haben bereits zugestimmt, uns fehlt nur noch ein Produzent, der dazu bereit ist.« Zum Abschied sagt er: »Das Großartige an Palo Alto ist, dass man heute eine Idee hat und dass sie innerhalb zwei Wochen umgesetzt wird.« Am Mittag wird Cakarel nach New York fliegen, um mit Martin Scorseses World Cinema Foundation über eine mögliche Zusammenarbeit zu reden. Er will den von Scorseses Stiftung restaurierten Filmen ein eigenes Kinofenster auf The Auteurs anbieten.
Der grüne Link zu Twitter steht mittlerweile unter allen Filmen der Website. In der kommenden Woche wird die Firma in Cannes die Zusammenarbeit mit der World Cinema Foundation ankündigen. Nur die Weltpremiere eines Cannes-Films im Internet hat diesmal noch nicht geklappt. Aber Cakarel ist optimistisch. Vielleicht wird er einfach wieder ein paar Briefe schreiben.
The Auteurs im Internet:
http://www.theauteurs.com/
Blog: The Auteurs Studio
- Datum 14.05.2009 - 11:20 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 07.05.2009 Nr. 20
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