Twitter Das Geschäft mit der Geschwätzigkeit
Der Internetdienst Twitter startete als Jugendphänomen – nützt er auch Firmen?

© Dan Kitwood/Getty Images
Twittern im Job: Zeitverschwendung oder sinnvolles Kommunikationsmedium?
Sonntagnachmittag, halb vier. Irgendwo in Deutschland isst »Pippi_lotta« »Schoki mit Karamell-Füllung« und ärgert sich darüber, dass »das Zeug in der Sonne ganz schön schmiert«. »Katti« wird währenddessen in Bochum »gleich Küche putzen«. Und »Klaus42« aus Österreich hat zum zweiten Mal »was über dem rechten Aug gestochen«.
Diese Small-Talk-Brocken teilen die drei Nutzer nicht nur ihren Partnern oder Freunden mit. Sie verbreiten sie im Internet – über Twitter. Der Kurznachrichtendienst, der binnen drei Jahren rund 25 Millionen Nutzer gefunden hat, basiert auf der schlichten Frage: »Was machst du gerade?« Die kann dann jeder für sich und andere beantworten. Die Antworten, die aus der ganzen Welt eintrudeln, dürfen nicht mehr als 140 Zeichen umfassen, das entspricht genau der Länge dieses Satzes.
Das meiste, was täglich in geschätzten sechs Millionen Mitteilungen verbreitet wird, ist Geplapper. Twitter ist ja auch das englische Wort für zwitschern oder schnattern. Doch seit das Internetangebot als nächste große Hoffnung des Silicon Valley gehandelt wird, nutzen auch viele Unternehmen den Dienst für ihre Zwecke: um Kunden direkt anzusprechen. Um herauszufinden, was sie interessiert, und ihnen dann passende Angebote zu empfehlen. Und Ähnliches mehr.
Marketingleute zum Beispiel glauben, dass sie beim Stöbern im Dickicht der Twitter-Wortmeldungen feststellen können, wie ihre Firma oder ihre Produkte gerade so ankommen. Die Twitter-Nutzer tauschen sich ja gelegentlich auch über Handyverträge aus, über Automarken oder Schokoriegel. »Das Feedback der Kunden ist direkt und unverfälscht«, sagt Mark Heising von der PR-Agentur Weber Shandwick, der im Auftrag von T-Mobile twittert. Und indem sich Firmen in die Konversation einklinken, versuchen sie die Kontrolle darüber zurückzugewinnen, was und wie über sie geredet wird. Das ist Imagebildung auf SMS-Länge.
Um Twitter zu nutzen, muss man sich auf der Website anmelden. Dann kann jeder zwitschern, was er will. Das geht per Internet, Instant Messenger oder vom Handy aus. Und er kann sich andere Mitglieder aussuchen, deren Selbstauskünfte er kontinuierlich mitlesen kann. So erschafft sich jedes Mitglied ein Mikrouniversum aus unzähligen Informationsfetzen, die von überall hereinströmen. »Die Menschen nutzen den Dienst, um herauszufinden, was gerade passiert«, sagt Twitter-Mitgründer Biz Stone. Für Trendspotter im Netz ist es das nächste große Ding.
Die einen nutzen Twitter, um mit Freunden Kontakt zu halten oder mit Kollegen zu plaudern. Andere auch für die professionelle Arbeit: Projektteams und Wissenschaftler tauschen sich inzwischen über die Plattform aus. Und seit sich auch viele Prominente dort zur Schau stellen, bietet Twitter für Millionen ein Guckloch ins Leben ihrer Stars. Die Statusmeldungen von Hollywood-Schauspieler Ashton Kutcher, der die Twitter-Promi-Liste anführt, verfolgen 1,6 Millionen Leser. Den meisten scheint es dabei egal zu sein, ob Popdiva Britney Spears, der Basketballer Shaquille O’Neal oder der Radprofi Lance Armstrong tatsächlich selber schreiben oder schreiben lassen.
Aufseiten der Firmen dürfte das Interesse zumindest so lange anhalten, wie Twitter in Mode ist und noch nicht vom nächsten Trend abgelöst wurde. Keine andere Website wächst derzeit so schnell. Geschätzte 14 Millionen Menschen waren in den USA im März auf der Twitter-Seite – zwölfmal so viele wie vor einem Jahr. Genaue Zahlen gibt das Unternehmen nicht bekannt. Jeden Tag sollen 5000 bis 10000 neue Nutzer hinzukommen. In Deutschland besuchten im Februar 760000 Nutzer die Website – ein Zuwachs von 400 Prozent in nur drei Monaten.
Bei der Kaffeehauskette Starbucks jedenfalls können Kunden derzeit über Twitter Fragen stellen und Beschwerden loswerden. Der Computerhersteller Dell informiert per Twitter exklusiv über Sonderangebote im Onlineshop und hat nach eigenen Angaben in 18 Monaten eine Million US-Dollar über den neuen Absatzkanal eingenommen – bei 61 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz. Nachdem sich Kunden neulich auf der Twitter-Seite über die zu eng gestellte Tastatur bei Dells Netbook Mini 9 beschwert hatten, behob der PC-Anbieter das Problem beim Nachfolgermodell.
Die US-Fluggesellschaft JetBlue twittert Reisetipps, und der Onlinehändler Amazon nutzt den Dienst, um auf seinen Musikshop im Internet aufmerksam zu machen. Mit einiger Verzögerung entdecken nun auch deutsche Firmen den Kurzmitteilungsdienst. Die Deutsche Bahn etwa meldet Fahrplanänderungen und informiert über Gleisarbeiten. T-Mobile verloste zum Marktstart im Februar das Google-Handy G1 über Twitter. Und knapp 80 deutsche Medien verbreiten Schlagzeilen oder Neuigkeiten aus ihren Redaktionen und locken auf ihre Onlineportale.
Twitter selbst allerdings ist noch in der Phase, die man in Internetkreisen »Geldverbrennen« nennt: Das Unternehmen schreibt rote Zahlen. Ein Geschäftsmodell, das daran etwas ändern würde, ist bisher nicht in Sicht. Denn im Augenblick ist der Dienst für jedermann kostenlos und fast werbefrei. Ist Twitter also nur die nächste Heiße-Luft-Nummer, die sich einreiht hinter Facebook, YouTube oder MySpace? Sie alle haben Großes versprochen und finanziell nichts erreicht. Bei Twitter gibt man sich gelassen. Die Macher betonen stets, dass Umsatz derzeit weniger wichtig sei. Sie können da auch ganz entspannt sein, weil die Finanzierung bis auf Weiteres gesichert ist: Insgesamt 55 Millionen US-Dollar Risikokapital haben Geldgeber in den Dienst investiert.
»Zunächst konzentrieren wir uns darauf, das Netzwerk zu vergrößern und neue Funktionen zu entwickeln. Die Erlöse kommen später«, sagt Biz Stone. Redet er so, weil er selbst nicht weiß, wie sich mit der Website Geld verdienen lässt? Oder wartet er einfach nur ab, um den Preis hochzutreiben und Twitter dann mit hohem Gewinn zu verkaufen? Seit Monaten wird über eine Übernahme spekuliert. 500 Millionen US-Dollar soll die Netzwerkplattform Facebook im Herbst für den Kurzmitteilungsdienst geboten haben – und Twitter-Chef Evan Williams soll abgelehnt haben.
Auch Google hat Interesse bekundet: Für den Internetriesen ist Twitter vor allem wegen dessen Suchmaschine attraktiv, die Millionen Mitteilungen durchforstet und anzeigt, worüber im Augenblick geredet wird. Aber wird Twitter selbst jemals Geld einspielen?
Man könnte Werbung schalten. Unternehmen zur Kasse bitten, die sich auf Twitter präsentieren. Zusätzliche Funktionen für zahlende Nutzer bieten, die etwa Statistiken über Besucherzahlen ausspucken oder mehrere Twitter-Namen gleichzeitig verwalten. »In Premiummitgliedschaften für Firmen sehe ich das größte Potenzial«, sagt Nicole Simon, Buchautorin und Twitter-Expertin. Sie empfiehlt schon heute jedem Unternehmen, seinen Markennamen auf der Seite zu sichern, bevor ein anderer in seinem Namen zwitschert.
Es gibt aber auch Risiken für twitternde Unternehmen. Dann nämlich, wenn Marketingabteilungen Twitter als »Ablaichkanal für Pressemitteilungen« benutzen, wie es Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach von der PR-Agentur Edelman formuliert. »Das vergrätzt die Leute«, sagt er. Eine weitere Gefahr ist das Thema Sicherheit. »Wenn Mitarbeiter Interna aus ihrem beruflichen Umfeld verbreiten, können sie ihrem Arbeitgeber einen Bärendienst erweisen«, warnt Jeffrey Mann vom Marktforschungsinstitut Gartner.
Und dann ist da noch das Problem der unerwünschten Werbung. Schon jetzt beklagen sich Nutzer, denen Viagra oder nigerianische Gelddeals auf Twitter feilgeboten werden. »Das Spamming wird zunehmen«, glaubt Nicole Simon. Und das könnte dazu führen, dass die Akzeptanz auch gegenüber seriösen Unternehmen schwindet, die im Netzwerk das Gespräch mit ihren Kunden suchen.
- Datum 08.05.2009 - 09:52 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.05.2009 Nr. 20
- Kommentare 5
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Der letzte Schrecken des desillusionierten Abendländers, der bereits den Tod Gottes und die Relativitätstheorie verkraften musste: dass der Kosmos am Ende von Milliarden Zellklumpen bewohnt ist, die maximal Vierwortsätze bilden können.
Twitter ist genau der selbe Müll wie Second Life. Auch bei Twitter "twittert" nur ein Bruchteil der Nutzer mehr als einen Tag, danach sind die meisten Nutzer nämlich nie wieder eingeloggt.
Eigentlich bloggen da nur noch die zu spät gekommenen irgendwelche Belanglosigkeiten und Journalisten twittern über sich selber-mehr passiert da ja nicht.
In zwei Jahren spricht kein Mensch mehr von Twitter!
Ich wusste das ich alt geworden war als mir ein Schueler erklaerte wozu Twitter gut sei und ich kein Wort verstand.
So muessen sich meine Eltern gefuehlt haben als ich mit ihnen ueber email sprach, war alles was ich denken konnte :-)
Wenn über Twitter geschrieben wird, lese ich immer die gleichen negativen Beispiele. Dass ich aber heute über einen Twitterlink von @zeitonline gestolpert bin und mich deswegen jetzt auf Zeit.de befinde, zeigt jedoch wie wichtig dieses Gezwitscher ist. Wenn man seinen Twitteraccount so anlegt, dass wirklich nur die Tweets und Themen kommen, die für mich relevant sind, sieht die Sache ganz anders aus. Qualität statt Masse. Ich bin jedenfalls sehr dankbar welche verschiedensten Informationen ich täglich darüber erhalte. Und diejenigen die sagen, in zwei Jahren sei Twitter tot, sind am Ende auch nur "Late Adaptors". See u next on twitter ;)
Anne Grabs
twitter: annellchen
blog: http://annellchen.de
Den Unternehmen fehlt eine klare Strategie für das Web 2.0. Falsch! Ihnen fehlt sogar eine Strategie für das Web 1.0. Ich habe letztes Jahr in einer Presseabteilung gearbeitet, meint ihr, die hätten mal was von GoogleNews gehört? Meint ihr, die würden die mediale Berichterstattung im Web beobachten? Ich spreche von klassischen Medien im Web. Nee, machen sie nicht, haben sie was von gehört. Die Beobachtung des Web 2.0 bezüglich Kundenzufriedenheit, Produktkritik und so weiter wird dann konsequenterweise ebenso wenig beobachtet. Ich stelle mir gerade den Streit zwischen Marketing und PR vor, wer sich darum kümmern sollte: "Das ist eure Aufgabe", "Nein, das ist eure Aufgabe";-)
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren