Sonntagnachmittag, halb vier. Irgendwo in Deutschland isst »Pippi_lotta« »Schoki mit Karamell-Füllung« und ärgert sich darüber, dass »das Zeug in der Sonne ganz schön schmiert«. »Katti« wird währenddessen in Bochum »gleich Küche putzen«. Und »Klaus42« aus Österreich hat zum zweiten Mal »was über dem rechten Aug gestochen«.

Diese Small-Talk-Brocken teilen die drei Nutzer nicht nur ihren Partnern oder Freunden mit. Sie verbreiten sie im Internet – über Twitter. Der Kurznachrichtendienst, der binnen drei Jahren rund 25 Millionen Nutzer gefunden hat, basiert auf der schlichten Frage: »Was machst du gerade?« Die kann dann jeder für sich und andere beantworten. Die Antworten, die aus der ganzen Welt eintrudeln, dürfen nicht mehr als 140 Zeichen umfassen, das entspricht genau der Länge dieses Satzes.

Das meiste, was täglich in geschätzten sechs Millionen Mitteilungen verbreitet wird, ist Geplapper. Twitter ist ja auch das englische Wort für zwitschern oder schnattern. Doch seit das Internetangebot als nächste große Hoffnung des Silicon Valley gehandelt wird, nutzen auch viele Unternehmen den Dienst für ihre Zwecke: um Kunden direkt anzusprechen. Um herauszufinden, was sie interessiert, und ihnen dann passende Angebote zu empfehlen. Und Ähnliches mehr.

Marketingleute zum Beispiel glauben, dass sie beim Stöbern im Dickicht der Twitter-Wortmeldungen feststellen können, wie ihre Firma oder ihre Produkte gerade so ankommen. Die Twitter-Nutzer tauschen sich ja gelegentlich auch über Handyverträge aus, über Automarken oder Schokoriegel. »Das Feedback der Kunden ist direkt und unverfälscht«, sagt Mark Heising von der PR-Agentur Weber Shandwick, der im Auftrag von T-Mobile twittert. Und indem sich Firmen in die Konversation einklinken, versuchen sie die Kontrolle darüber zurückzugewinnen, was und wie über sie geredet wird. Das ist Imagebildung auf SMS-Länge.

Um Twitter zu nutzen, muss man sich auf der Website anmelden. Dann kann jeder zwitschern, was er will. Das geht per Internet, Instant Messenger oder vom Handy aus. Und er kann sich andere Mitglieder aussuchen, deren Selbstauskünfte er kontinuierlich mitlesen kann. So erschafft sich jedes Mitglied ein Mikrouniversum aus unzähligen Informationsfetzen, die von überall hereinströmen. »Die Menschen nutzen den Dienst, um herauszufinden, was gerade passiert«, sagt Twitter-Mitgründer Biz Stone. Für Trendspotter im Netz ist es das nächste große Ding.

Die einen nutzen Twitter, um mit Freunden Kontakt zu halten oder mit Kollegen zu plaudern. Andere auch für die professionelle Arbeit: Projektteams und Wissenschaftler tauschen sich inzwischen über die Plattform aus. Und seit sich auch viele Prominente dort zur Schau stellen, bietet Twitter für Millionen ein Guckloch ins Leben ihrer Stars. Die Statusmeldungen von Hollywood-Schauspieler Ashton Kutcher, der die Twitter-Promi-Liste anführt, verfolgen 1,6 Millionen Leser. Den meisten scheint es dabei egal zu sein, ob Popdiva Britney Spears, der Basketballer Shaquille O’Neal oder der Radprofi Lance Armstrong tatsächlich selber schreiben oder schreiben lassen.