Erst einmal gab es keine Forderung nach Rückgabe. Erst einmal war es nur ein Brief mit einer freundlichen Bitte um Auskunft, den der Marburger Rechtsanwalt Markus Stoetzel Anfang 2008 an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) richtete. Im Auftrag der Erben von vier in der NS-Zeit emigrierten jüdischen Kunsthändlern bat der Jurist um Informationen zum Erwerb des mittelalterlichen »Welfenschatzes«, der heute zu den Hauptattraktionen des Berliner Kunstgewerbemuseums zählt. Zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert entstanden als Stiftungen der Adelsgeschlechter der Brunonen und Welfen Goldschmiedearbeiten, Kreuze, Monstranzen, Reliquiare und andere kostbare Kultgegenstände. Zu den Hauptstücken zählen das perlenbesetzte goldene »Welfenkreuz« aus der Mitte des 11. Jahrhunderts, das 45 Zentimeter hohe Kuppelreliquiar, das einst jene heute verlorene Schädelreliquie des heiligen Gregor von Nazianz barg, die Heinrich der Löwe 1173 aus dem Heiligen Land mitgebracht hatte, und der blau-goldene Tragaltar, den der Kölner Goldschmied und Emailleur Eilbertus um 1150 fertigte. Der Welfenschatz ist, anders als sein Name nahelegt, kein Fürsten- sondern ein bedeutender Kirchenschatz.

Auskunft erbat Markus Stoetzel darüber, unter welchen Umständen die Berliner Museen 1935 die wesentlichen Teile dieses mittelalterlichen Konvolutes erworben haben. Die Antwort aus Berlin fiel knapp aus: »Für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz besteht nach den hier bekannten Erwerbsumständen unter keinem denkbaren Gesichtspunkt Anlass zu der Annahme, dass der Ankauf des ›Welfenschatzes‹ 1935 als NS-verfolgungsbedingter Entzug zu bewerten sein könnte.« Stoetzel gab sich mit dieser nicht näher begründeten Auskunft nicht zufrieden und forschte weiter. Was er herausfand, hat noch unabsehbare Konsequenzen für einen der wertvollsten kulturhistorischen Schätze, die in deutschen Museen gehütet werden.

Wie die Werke ins Kunstgewerbemuseum Berlin kamen, ist gut dokumentiert

Der Rechtsanwalt belegte mit Fotokopien historischer Dokumente, die er in einer 120 Seiten starken Dokumentation schon vor über einem Jahr auch der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zugänglich machte, dass historisch eigentlich nur ein Schluss möglich ist: Beim Berliner Welfenschatz handelt es sich um NS-Raubgut, von dem sich seine Besitzer nur unter dem Druck ihrer Verfolgung trennten und für den sie keinen angemessenen Kaufpreis erhielten, über den sie nachweislich frei hätten verfügen können. Damit wären jene drei maßgeblichen »Washingtoner Prinzipien« erfüllt, denen bei einer internationalen Konferenz 1998 auch die Bundesrepublik Deutschland zugestimmt hatte. Ein Jahr später bestätigte sie für die öffentlichen Museen in Deutschland noch einmal die vom damaligen SPK-Präsidenten Klaus Dieter Lehmann mitinitiierte »Berliner Erklärung«. Noch im April dieses Jahres hatte sich sein Nachfolger Hermann Parzinger darauf berufen und erklärt, erst wenn Museen, Bibliotheken und Archive die Herkunft ihrer Sammlungsobjekte kennten, seien sie »in der Lage, Fragen zur Restitution zu klären und im Sinne der Washingtoner Prinzipien zu fairen und gerechten Lösungen zu kommen«.

Die Herkunft des Welfenschatzes ist seit Langem gut dokumentiert. Er befand sich zunächst jahrhundertelang in der Braunschweiger Blasiuskirche und später im Dom. Als die protestantische Stadt im Juni 1671 ihre Unabhängigkeit verlor und nach der Eroberung durch die Welfen wieder in deren Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel eingegliedert wurde, übergaben die Domherren den Schatz an den 1651 zum Katholizismus übergetretenen Herzog Johann Friedrich – wohl auch aus Dankbarkeit, weil er das Stift Sankt Blasien vor den Protestanten geschützt hatte. Der Herrscher ließ ihn zunächst nach Hannover bringen. Um die Kostbarkeiten vor Napoleon zu retten, brachten die Welfen ihren Schatz 1803 kurzzeitig nach London in den Tower. Von 1862 an wurde er aber wieder im vom blinden König Georg V. gegründeten Königlichen Welfenmuseum in Hannover ausgestellt. Als sich vier Jahre später der preußische Staat das Königreich Hannover angliederte, überließ man Georg V. den Welfenschatz als privates Eigentum, den er ungehindert mit ins Exil nach Österreich nehmen konnte: erst nach Schloss Penzing bei Wien, dann nach Schloss Gmunden am Traunsee – und nach Ende des Krieges und der Monarchie dann in den Tresor einer Bank in Basel. Sein Enkel, Herzog Ernst-August von Braunschweig-Lüneburg, beschloss schließlich, als er im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1928 Geld benötigte, die verbliebenen 82 Stücke des Schatzes zu Geld zu machen, und bot ihn am Kunstmarkt für 24 Millionen Reichsmark an. Zu den Interessenten gehörte neben verschiedenen deutschen Museen auch die Stadt Hannover, die das gesamte Konvolut zum Vorzugspreis von 10 Millionen Reichsmark angeboten bekommen hatte, wegen der schlechten Finanzlage am 30. Dezember 1929 aber ablehnte.

Ernst-August von Braunschweig-Lüneburg verkaufte die 82 Einzelstücke des Welfenschatzes deshalb schließlich im Januar 1930 für acht Millionen Reichsmark an ein Konsortium aus vier namhaften jüdischen Frankfurter Kunsthändlern: an Zacharias Max Hackenbroch, Isaak Rosenbaum und Saemy Rosenberg in der Firma J. Rosenbaum und an Julius Falk Goldschmidt in der Firma I. & S. Goldschmidt. Das Quartett organisierte noch im selben Jahr Verkaufsausstellungen in Frankfurt und Berlin, später auch in New York, Cleveland, Chicago und Philadelphia. Die prachtvollen Kultgegenstände und die detailreichen Kataloge blieben nicht ohne Wirkung: 39 Stücke wurden von verschiedenen Museen und privaten Sammlern angekauft.

Wegen rassischer Verfolgung, die durch die von Markus Stoetzel zusammengetragenen Dokumente zweifelsfrei belegt wird, sahen sich die beteiligten Kunsthändler von 1933 an erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten ausgesetzt. Ihr Umsatz sank im Vergleich zu den Vorjahren auf durchschnittlich ein Zehntel, und die Repressalien nahmen zu, sodass Rosenbaum, Rosenberg und Goldschmidt schon nach wenigen Monaten zur Liquidation ihrer Geschäfte und zur Emigration nach Amsterdam und London gezwungen waren. Die 42 Welfen-Stücke, die sie noch besaßen, konnten sie nicht mehr auf einem freien Markt, sondern nur noch dem NS-Staat anbieten. Der erkannte seine Chance und legte es, wie ebenfalls zahlreiche Briefwechsel belegen, von Beginn der Verhandlungen an darauf an, den Preis für einen Ankauf durch die Notlage der Kunsthändler so weit wie möglich nach unten zu drücken.