Wirtschaftskrise Kurz und platt
Auch die Panikmache ist ein Fundament der Demokratie

© Sean Gallup/Getty Images
Unruhen brechen in Deutschland nicht aus, die Demonstrationen der Gewerkschaften sind gesittet. In der Bildmitte DGB-Chef Sommer
Wer aus dem Ausland nach Deutschland zurückkehrt, trifft auf eine Art latenter, genauer: ritualisierter Hysterie, die so gar nicht zu einem Land passen will, das in seiner Geschichte nie glücklicher und normaler gewesen ist als heute. Da trifft man auf eine Präsidentschaftskandidatin, die die »Wut der Menschen« und eine »explosive Stimmung« an die Wand malt. Der DGB-Chef warnt vor »sozialen Unruhen«. Für den Bundestagsvize Thierse sind das auch keine »überzogenen Dramatisierungen«.
In Frau Illners Talkshow doziert ein Professor der Wirtschaftsgeschichte über die Parallelen zwischen 1929 und 2009. Umringt von Konditionalen und Konjunktiven, wie es sich für einen Professor gehört, kündet er von den Schrecken der Dreißiger, wie sie auch heute dräuten, wenn die »Gerechtigkeitslücke« nicht geschlossen werde. »Natürlich muss noch viel passieren, bevor Dax-Vorstände um ihr Leben fürchten müssten«, beruhigt der Professor, aber die Suggestion sitzt nun fest mit uns auf der Couch: Wut, Aufruhr, rote und braune Fahnen.
Der Zuschauer, der gerade vom Mars eingeflogen ist, also aus Amerika, wo die Leute zu Tausenden zwangsgeräumt werden, wo die Arbeitslosigkeit schon über acht Prozent liegt, den schaudert’s, aber nur kurz. Denn er weiß, dass die Linke jetzt nur noch einstellig in den Umfragen steht; seltsam, wo doch diese Partei den Weimarer Beelzebub seit Schröders Zeiten zum Stimmenfang nutzt. Die NPD? Sie bleibt bei ihrem kläglichen Bodensatz.
Daraus lässt sich schließen: Die ritualisierte Hysterie (sie röhrt nicht, sie raunt nur) ist ein Phänomen der politischen oder schwatzenden Klasse. Dazu gehören übrigens auch die Beschwichtigungsappelle von der anderen Seite. Also warnt der Bundespräsident vor »Panikmache«, die Krise sei »beherrschbar«.
Die Wirklichkeit imitiert inzwischen die Talkshow: Jeder, der sich dazu aufgerufen fühlt, sagt das Erwartbare, und das muss, dem Gesetz des Soundbite gehorchend, kurz und platt sein. Erhellender wäre es zum Beispiel, die tausend Aspekte zu nennen, die Weimar überhaupt nicht vergleichbar machen mit der Berliner Republik.
Wir wollen gar nicht davon reden, dass heute kein Arbeitsloser ins Bodenlose fällt, dass die Rattenfänger keine Resonanz finden, dass am Anfang dieser Zweiten Republik nicht Niederlage und Niedergang standen, sondern Wirtschaftswunder und westliche Gemeinschaft, dass die Langeweile unserer Parteien eigentlich ihr höchstes Gut ist, stehen sie doch alle zur drögen, aber vitalen Normalität des demokratischen Rechtsstaates. Weimar wurde zum Schluss nur von der SPD verteidigt.
Diese ultrastabile Demokratie ist das Neue im Leben der Deutschen. Anders als die von 1929 ff. blicken die von 2009 auf sechzig gesegnete Jahre zurück, die für Gelassenheit und Identifikation mit diesem Staat sorgen. Solche Fundamente spült eine Rezession nicht weg, und sei sie auch tiefer und länger als je zuvor. Vielleicht gehört auch die ritualisierte Hysterie zu diesen Fundamenten. Sie lässt erschauern, aber wohlig – wie die Grimmschen Horrorgeschichten, die die Kids selig einschlafen lassen.
Josef Joffe ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung.Weitere Texte von ihm finden Sie hier (Archiv)
- Datum 14.05.2009 - 13:15 Uhr
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- Serie opi
- Quelle DIE ZEIT, 07.05.2009 Nr. 20
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Die Wirklichkeit imitiert inzwischen die Talkshow: Jeder, der sich dazu aufgerufen fühlt, sagt das Erwartbare, und das muss, dem Gesetz des Soundbite gehorchend, kurz und platt sein.
...ich glaube eher, dass sie den fehler machen, die wirklichkeit mit den talkshows zu verwechseln. in meinem umfeld gibt jedenfalls keiner irgendwelche erwartbaren soundbites ab...
Am 20.08.1932 hat noch Clara Zetkin das Parlament eröffnet und ihrer Hoffnung Audruck verliehen, auch noch den ersten Rätekongress Deutschlands eröffnen zu können - was vielen durchaus realistisch schien.
Am 4.01.1933 hielt es Herr von Papen von den Konservativen für eine klasse Idee, sich mal mit einem Herrn Hitler über eine Regierungsbeteiligung zu unterhalten.
Im Juni 1933 hatten die Nazis längst deutlich gemacht, dass sie das auch für eine klasse Idee hielten - und regierten inzwischen alleine.
Manche Veränderungen geschehen eben sehr schnell.
In Deutschland dürfte es allerdings (anders als z.B. in Frankreich) wieder mal in die übliche Richtung gehen: Mehr Staat, mehr Kontrolle, mehr "die da oben sollen es richten, dafür fragen wir auch nicht, wer den Mist verbockt hat".
Bis zu den Wahlen dürfte alles ruhig bleiben dank Abwrackprämie und Kurzarbeit.
Aber dann?
hineinreichen und soziale Unruhen sind nicht so unwahrscheinlich, wie Herr Joffe es vielleicht meint.
Ich spüre ein unterschwelliges Brodeln. Es brodelt.
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Schweiz=Ouagadougou
- daß das gesamte Bankensystem insolvent ist."
George Soros im Gespräch mit Sabine Adler vom DLF
Der sog. "Stresstest für die US-Banken" war ein großer Hokuspokus. Geprüft wurde faktisch nichts und der Test beruhte auf Angaben der Banken. Die Lockerung der Bilanzierungsregeln führten zu einer noch kreativeren Buchführung und angeblich ersten schwarzen Zahlen.
Neue Transparenz? Gar Reform des Finanzsystems? Schnee von gestern.
"Das gesamte Bankensystem ist insolvent"
Joffes Argumentation erinnert an die smarte Werbung der Tabakindustrie, die ebenso von "unbegründeter Panikmache" schrieb, obwohl sie die Wahrheit über die tödliche Wirkung ihrer Zigaretten längst kannte.
Was unsere Demokratie in Wahrheit bedroht ist, die Machtergreifung der Finanzindustrie in unseren politischen Institutionen.
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Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]
Wieder einmal Zustimmung, Berliner !
Herr Joffe bemüht sich um Beruhigung durch wortreiche Nebelkerzen,
die den Neustart verhindern:
Ein 8-Minuten-Video aus einem kompetenteren Munde fördert den Neustart:
Heiner Flassbeck, Chefvolkswirt UNCTAD, über Finanzmärkte, Marktwirtschaft und Konjunkturprogramme.
Nebelkerzen statt Neustart
http://www.wdr.de/tv/moni...
Wieder einmal Zustimmung, Berliner !
Herr Joffe bemüht sich um Beruhigung durch wortreiche Nebelkerzen,
die den Neustart verhindern:
Ein 8-Minuten-Video aus einem kompetenteren Munde fördert den Neustart:
Heiner Flassbeck, Chefvolkswirt UNCTAD, über Finanzmärkte, Marktwirtschaft und Konjunkturprogramme.
Nebelkerzen statt Neustart
http://www.wdr.de/tv/moni...
"Und also schließt er messerscharf,
Dass nicht sein kann, was nicht sein darf."
Aus der Welt eines Neokonservativen:
- Wird auf Probleme hingewiesen: dann ist das nichts als linke Panikmache.
- Führen diese Hinweise zur Lösung von Problemen: na bitte, es hat sie nie gegeben.
- Ansonsten: wird geleugnet und positiv gedacht.
PS. Was ist der Unterschied zwischen einem Neocon-Apologeten und einem Alien?
Das Alien kriecht am anderen Ende rein.
Hatte den Beitrag gelesen, ohne auf den Autoren zu achten. Mein erster Gedanke: Oh Gott, jetzt müssen bei der ZEIT schon die Praktikanten schreiben. Sieht wohl sehr schlecht aus dort.
Dann den Autoren gesehen. Mein zweiter Gedanke: Aha, fast richtig geraten.
ein echter Joffe – kurz und platt. Ein weiteres Mal lässt uns der große alte Mann der Neokonservativen an seiner schlichten Weltsicht teilhaben. Wie immer besten Dank dafür.
Ich möchte Herrn Joffe gern zu diesem Artikel gratulieren! Er ist zwar kurz, aber in seine Aussage klar und meiner Meinung nach auch sehr richtig.
Was ich absolut nicht verstehen kann, ist die Angst und Panik die anscheinend einige Foren-User und Deutsche haben. Die Vergleiche mit 1929 und Weimar sind völlig unverhältnismäßig. Jeder der dies bezweifelt, sollte richtig Geschichte lernen und wird dann sehen, dass das gewaltige Elend und Leid der 30er Jahre in keinem Verhältnis zu den Errungenschaften und Sicherheiten unserer Zeit stehen. Jedem Menschen, der den 2. Weltkrieg oder gar die Zeit davor noch erlebt hat, können solche Vergleiche wohl gerade ein müdes Lächeln abringen - sie sind einfach lächerlich.
Die deutsche Demokratie ist stark und sie wird es auch bleiben, egal wie lang diese Rezession andauert. Genau wie die Demokratien der anderen Staaten Europas die Krise auch gut überstehen werden.
Liebe Deutsche, habt etwas mehr Vertrauen in euch selbst und euren Staat, es ist wirklich gerechtfertigt!!!!!
Geschrieben von einem Österreicher, der ebenjenes Vertrauen in sein eigenes Land sowie in Europa hat.
Die Vergleiche mit Weimar sind tatsächlich unverhältnismässig, denn in Wirklichkeit haben wir noch ganz andere Probleme, als den Schnupfen, der Finanzkrise genannt wird. Wir brauchen keine Unruhen herbei zu reden, wir haben Unruhen, die schon länger vor sich hin gären, aber jetzt auch die vermeidlich sicheren Häfen in den Industrieländern erreicht haben. Die Unruhen bestehen darin, dass immer mehr Menschen ihrer sozialer Sicherheit beraubt werden und die Finanzkrise wird auch nur mal wieder dafür missbraucht wird Gelder der Finanzindustrie zu zuschanzen. Wen interessiert da schon, dass immer mehr Menschen dazu gezwungen sind sich in Billigjobs zu verdingen, von denen niemand überleben kann, und das mitten in Deutschland? Die Sozialsysteme sind doch eigentlich der letzte Anker, der den Laden noch zusammen hält und auch mit ihnen ist Arbeitslosigkeit inzwischen ein freier Fall in die Armut. Aber Hauptsache Deutschland wird mal wieder Exportweltmeister, was anderes zählt in diesem Land auch nicht mehr.
Die Vergleiche mit Weimar sind tatsächlich unverhältnismässig, denn in Wirklichkeit haben wir noch ganz andere Probleme, als den Schnupfen, der Finanzkrise genannt wird. Wir brauchen keine Unruhen herbei zu reden, wir haben Unruhen, die schon länger vor sich hin gären, aber jetzt auch die vermeidlich sicheren Häfen in den Industrieländern erreicht haben. Die Unruhen bestehen darin, dass immer mehr Menschen ihrer sozialer Sicherheit beraubt werden und die Finanzkrise wird auch nur mal wieder dafür missbraucht wird Gelder der Finanzindustrie zu zuschanzen. Wen interessiert da schon, dass immer mehr Menschen dazu gezwungen sind sich in Billigjobs zu verdingen, von denen niemand überleben kann, und das mitten in Deutschland? Die Sozialsysteme sind doch eigentlich der letzte Anker, der den Laden noch zusammen hält und auch mit ihnen ist Arbeitslosigkeit inzwischen ein freier Fall in die Armut. Aber Hauptsache Deutschland wird mal wieder Exportweltmeister, was anderes zählt in diesem Land auch nicht mehr.
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