Wirtschaftskrise Danke, Staat!
Allen Bedenken zum Trotz: Ohne massive Eingriffe wäre die Volkswirtschaft längst zusammengebrochen

© Ralph Orlowski/Getty Images
Auch dank staatlicher Hilfen sind die deutschen Banken noch nicht zusammengebrochen
Die dunkelste Stunde, so sagt man, ist die vor Sonnenaufgang. Auch auf die Konjunktur trifft der Satz zu. Am Freitag verkündeten die Statistiker für das erste Quartal den größten Wachstumseinbruch in der Geschichte der Bundesrepublik. Damit allerdings ist der Tiefpunkt voraussichtlich erst einmal erreicht. Es geht wieder aufwärts, in Deutschland und in der Welt. Die Regierungen haben die Katastrophe, den Absturz in eine Depression mit Massenarbeitslosigkeit und politischen Umwälzungen, verhindert.
Niemand sollte diese Leistung gering schätzen. Der Abgrund, an dem die Welt stand, war mindestens so tief wie in den dreißiger Jahren. Damals vertrauten die Regierungen darauf, dass die Sache von selbst wieder ins Lot kommen würde, wenn nur die Gesetze von Angebot und Nachfrage ungestört wirkten. Eine Bankenkrise ist jedoch keine reinigende Kraft, die nur das spekulative Rankenwerk entfernt und den produktiven Kern der Wirtschaft unangetastet lässt. Sie unterscheidet nicht zwischen gesunden und kranken Unternehmen. Sie zerstört Substanz.
Wenn es heute anders kommt als damals, dann weil die große Linie stimmt – bei aller berechtigter Kritik im Detail. Statt die Zinsen anzuheben, überschwemmen die Zentralbanken die Welt mit Liquidität. Statt Ausgaben zu kappen, stützen die Regierungen Konjunktur und Banken. Angela Merkel beruft sich zwar auf die Prinzipien der sparsamen schwäbischen Hausfrau. Sie handelt aber nicht danach. Sie gibt Geld aus, das sie nicht hat – und das zu Recht, denn nur so bleibt die Wirtschaft am Leben. Wenn alle sparen, herrscht Stillstand. Was für den Einzelnen richtig sein mag, wird zum Fluch, sobald es jeder tut.
Das bisher größte keynesianische Experiment scheint aufzugehen
Dass sich der Staat das Geld irgendwann zurückholen muss, macht die Sache nicht schlecht. Gerade weil er in den mageren Jahren gibt und in den fetten nimmt, glättet der Staat das Auf und Ab des Wirtschaftszyklus. Die viel gescholtene Abwrackprämie leistet genau das: Mit zweistelligen Raten ist die Automobilproduktion zuletzt gewachsen. Ja, die Deutschen werden dafür später weniger Autos kaufen. Aber dann läuft hoffentlich auch die Wirtschaft wieder von selbst.
Keine Frage, diese Politik nach den Lehren von John Maynard Keynes hat gewaltige Löcher in die öffentlichen Kassen gerissen. Man akzeptiert es, weil die Ökonomen gesagt haben, das Nichtstun wäre noch teurer geworden. Und es sieht so aus, als würden sie recht behalten. An den Börsen geht es aufwärts, die Banken leihen sich untereinander wieder Geld, die Auftragsbücher der Firmen füllen sich. Schon im zweiten Halbjahr könnte die Wirtschaft leicht wachsen. Das größte keynesianische Experiment aller Zeiten scheint aufzugehen.
Noch aber dauert dieses Experiment an. Bislang hat sich nur die Talfahrt verlangsamt, sind Rückschläge möglich, ist die Krise nicht endgültig besiegt. Im Leben vieler Menschen wird sie sich sogar demnächst erst bemerkbar machen. In der Kausalkette der Konjunktur ist der Arbeitsmarkt eines der letzten Glieder. Er reagiert mit erheblicher Verzögerung auf die wirtschaftliche Lage.
Das heißt aber auch: Wenn die Zahl der Arbeitslosen im Herbst steigt, dann ist das allein noch kein Grund für Panik. Sofern die Regierung dafür sorgt, dass aus der zarten Erholung ein echter Aufschwung wird, werden die Betriebe auf den großen Kahlschlag verzichten und irgendwann auch wieder neue Leute einstellen. Es ist für die Choreografie einer Rezession nicht untypisch, dass die Arbeitslosigkeit zunimmt, wenn rein konjunkturell das Schlimmste vorbei ist.
Jetzt schon aus den Konjunkturprogrammen auszusteigen wäre daher ein schwerer Fehler. Japan hat in den neunziger Jahren den frühen Absprung versucht – und eine gerade einsetzende Erholung abgewürgt. Noch braucht die Wirtschaft den Staat. Insbesondere die Sanierung des Finanzsystems darf nicht länger aufgeschoben werden. Nur wenn die Banken in der Lage sind, die Firmen mit Kredit zu versorgen, trägt sich der Aufschwung selbst.
Parallel dazu brauchen wir ein neues Wachstumsmodell. Die Welt nach der Krise wird nicht mehr die sein, die wir kennen. Die Deutschen lebten – wie viele andere – davon, den überschuldeten US-Verbrauchern noch mehr Autos und Spielzeug zu verkaufen. Nun stottern die Amerikaner ihre Schulden ab, und ein größerer Teil der Produktion muss hierzulande aufgebraucht werden. Das geht – soll der Mehrkonsum nicht wie in den USA auf Pump finanziert werden – nur, wenn sich die Menschen diesen auch leisten können. Jenseits moralischer Erwägungen ist eine angemessene Verteilung des erwirtschafteten Einkommens deshalb ein Gebot der ökonomischen Vernunft.
Endzeitstimmung wäre fehl am Platz. Das Ende des Kreditbooms und die hohe Schuldenlast bedeuten nicht, dass die Menschheit zu sieben mageren Jahren verdammt ist. Konjunktur ist kein Schicksal, und auch regulierte Märkte erlauben kräftiges Wachstum. Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als strenge Vorschriften für den Kapitalverkehr galten, waren goldene Jahre für die Weltwirtschaft. Die Politik jener Zeit zu studieren ist allemal lohnenswerter, als den Untergang des Kapitalismus herbeizureden.
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- Datum 16.05.2009 - 14:54 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.05.2009 Nr. 21
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Allen Bedenken zum Trotz: Ohne massive Eingriffe wäre die Volkswirtschaft längst zusammengebrochen
Aufgeschoben ist nicht aufgehoben......
Und wer bedankt sich bei den Staatsbürgern, die diese Leistung erbringen dürfen und dadurch auf Jahre/Jahrzehnte hinaus wirtschaftliche Einbußen hinnehmen müssen?
Wie kommt es nur, dass die Geier, die das ganze Unglück eingefädelt und sich daran dumm und dusslig verdient haben, von ihrem unrecht erworbenen Gut nichts werden hergeben müssen und es in der Zwischenzeit vermutlich krisenfest anlegen konnten?
Schade auch, dass das Wort "Enteignung" nur dann über die Lippen unserer Führungspersonen kommt, wenn es um die Übertragung von Schulden und Wertpapierschrott in Staatsbesitz geht.
Putzigerweise erhebt sich dagegen sogar pro forma obligatorisches Wehgeschrei von Seiten derer, welche die eingangs genannten "Geier" maßgeblich politisch repräsentieren – eine nette politische Blendgranate, um die Aufmerksamkeit von der Ungeheuerlichkeit des Ganzen abzulenken.
Und in der Tat: Niemand aus der Führungs"elite" braucht vor der Wahl im September irgend eine Angst zu haben. Die deutschen Gehirne sind inzwischen so vernebelt, dass man (der "Urnenpöbel", nach G.Schramm) brav wieder diejenigen Seilschaften in die passenden Ämter befördern wird, die auch in der Vergangenheit ihre Wirtschaftskompetenz dadurch nachgewiesen haben, dass sie die ganze "globale Finanzjauche" auf unsere Felder leiteten.
Ja sie haben recht, viele werden auf Jahre hinaus wirtschaftliche Einbussen zu verkraften haben.
Aber auch, wenn es diejenigen, die weniger haben, härter trifft, so sind relativ die Einbussen vieler Vermögender sogar noch höher und manche werden sich davon auch nicht erholen.
Das Desaster ist keines der Ausbeutung im klassischen Sinne, auch wenn ein paar Manager in ein paar Großkonzernen sich auf unverschämte Weise selbst bedient haben.
Die Fehlsteuerung und Ausbeutung ist die einer Privilegierung verschiedenster Gruppierungen, zu denen auch gewerkschaftlich organisierte und tarifvertragliche Arbeitnehmer gehören, deren Löhne längst nur noch durch massive Subvention ihrer Unternehmen finanziert werden konnten. Dort finden sich auch die höchsten Einkommen unter den Chefs.
Spekulation im großen Stil, unseriöses Geschäftsgebaren ist von Land zu Land unterschiedlich zu verorten. Während in den USA vor allem private Banken betroffen sind, sind es bei uns gerade die Bereiche die eng mit dem Staat verbunden sind, eben weil man Jobs schützen wollte oder Einrichtungen unterstützen wollte, die wir uns eigentlich auf Dauer nicht leisten können, oder schlicht weil bei der Verteilung von Geld eben immer was hängen bleibt.
Wenn Sie die Geier in Politik und Ihren Steigbügelhaltern, den Verbänden und staatlichen sowie subventionierten Unternehmen suchen, ja dann kann ich Ihnen für Deutschland zustimmen.
Bei uns war es in der Masse eben nicht irgendwelche Kapitalisten, nein, es waren diejenigen die sie beaufsichtigen sollten und zwar nicht als Helfershelfer, sondern als primäre Täter!
Berthold Grabe
sehr richtig. nun schütten sie schon wieder dividenden aus, denn investoren müssen gehalten werden, kurse stabilisiert - und das mit steuerzahlers "rettungsgeldern".
Ja sie haben recht, viele werden auf Jahre hinaus wirtschaftliche Einbussen zu verkraften haben.
Aber auch, wenn es diejenigen, die weniger haben, härter trifft, so sind relativ die Einbussen vieler Vermögender sogar noch höher und manche werden sich davon auch nicht erholen.
Das Desaster ist keines der Ausbeutung im klassischen Sinne, auch wenn ein paar Manager in ein paar Großkonzernen sich auf unverschämte Weise selbst bedient haben.
Die Fehlsteuerung und Ausbeutung ist die einer Privilegierung verschiedenster Gruppierungen, zu denen auch gewerkschaftlich organisierte und tarifvertragliche Arbeitnehmer gehören, deren Löhne längst nur noch durch massive Subvention ihrer Unternehmen finanziert werden konnten. Dort finden sich auch die höchsten Einkommen unter den Chefs.
Spekulation im großen Stil, unseriöses Geschäftsgebaren ist von Land zu Land unterschiedlich zu verorten. Während in den USA vor allem private Banken betroffen sind, sind es bei uns gerade die Bereiche die eng mit dem Staat verbunden sind, eben weil man Jobs schützen wollte oder Einrichtungen unterstützen wollte, die wir uns eigentlich auf Dauer nicht leisten können, oder schlicht weil bei der Verteilung von Geld eben immer was hängen bleibt.
Wenn Sie die Geier in Politik und Ihren Steigbügelhaltern, den Verbänden und staatlichen sowie subventionierten Unternehmen suchen, ja dann kann ich Ihnen für Deutschland zustimmen.
Bei uns war es in der Masse eben nicht irgendwelche Kapitalisten, nein, es waren diejenigen die sie beaufsichtigen sollten und zwar nicht als Helfershelfer, sondern als primäre Täter!
Berthold Grabe
sehr richtig. nun schütten sie schon wieder dividenden aus, denn investoren müssen gehalten werden, kurse stabilisiert - und das mit steuerzahlers "rettungsgeldern".
...aber, wie in jedem guten Casino werden die Regeln ohne Wiederspruch akzeptiert und wer dies nicht will oder kann fliegt raus...
...warum auch sollte man diese etablierten Regeln ändern wollen wenn doch die Bank und einzelne Gewinner nicht verlieren können... ? Die Casinos dieser Welt leben von den tausenden von Hoffnungsvollen die nie im Leben auch nur einmal mehr gewinnen als reingesteckt wurde...
Bewährte Regeln halt... Profitabel noch dazu.
;-)
“When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara
"Jenseits moralischer Erwägungen ist eine angemessene Verteilung des erwirtschafteten Einkommens deshalb ein Gebot der ökonomischen Vernunft."
Hier wird es doch spannend. Wer soll denn wie angemessen verteilen? Was ist angemessen und wie definiert sich erwirtschaftetes Einkommen?
Eine Analyse der Zeit Volkswirte würde mich sehr interessieren.
... am Anfang viel Blabla, dann durchaus zustimmungswürdige Sätze wie:
"Konjunktur ist kein Schicksal, und auch regulierte Märkte erlauben kräftiges Wachstum. Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als strenge Vorschriften für den Kapitalverkehr galten, waren goldene Jahre für die Weltwirtschaft. Die Politik jener Zeit zu studieren..."
Leider hört der Artikel da auf, wo es eigentlich interessant wird. Lieber Herr Schieritz, ihre Anregung in Ehren, aber wozu gibt es denn Journalisten, ist obige Forderung nicht genau deren Aufgabe?
Vielleicht wäre etwas Kritik auch ganz nett - zum Beispiel, dass die hiesigen Konjunkturpakete zu gering sind und stattdessen die Milliarden für die Spielschulden der Banken ausgegeben werden, dass die Abwrackprämie nur ein unökologisches Strohfeuer ist, vor dessen Ende jetzt schon die Autobauer zittern, dass an den Ursachen der Krise kaum etwas getan wurde, dass die Politik mit der Finanzindustrie stark verschränkt und sich daher auf absehbare Zeit nicht viel ändert.
Doch außer der richtigen, keynesianischen Grundthese, dass der Staat in der Krise durch mächtige Konjunkturprogramme die Wirtschaft stützen muss, finde ich in dem Artikel nichts - abgesehen von euphorisch-verklärter Sinnleere.
Journalist auf Drogen?
@Vielleicht wäre etwas Kritik auch ganz nett - zum Beispiel, dass die hiesigen Konjunkturpakete zu gering sind
Korrekt. Die offiziellen Prognosen für den BIP-Rückgang im Jahr 2009 lauten auf -6%. In Zahlen ausgedrückt ist das ein Betrag von ca. 150 Mrd. Euro. Die in diesem Jahr wirksam werdenden finanziellen Summe zur Stärkung der Kaufkraft der Bevölkerung beträgt dagegen 16 Mrd. Euro. Zudem kommen diese Maßnahmen zu spät, nämlich im 2. Halbjahr, wenn sich die deutsche Wirtschaft bereits tief in der Rezession befinden wird.
@und stattdessen die Milliarden für die Spielschulden der Banken ausgegeben werden,
Ebenfalls richtig. Anstatt in die Stärkung der Realwirtschaft über die Stärkung des Binnenmarktes zu investieren, wird das angeblich knappe Geld zu Unsummen in die Rettung der Banken gesteckt, damit dort zukünftig der Steuerzahler für die Aufrechterhaltung der Illusion von Werthaltigkeit der Vermögenswerte von Instituten sorgen kann, die in großen Teilen mit negativem Eigenkapital unterwegs sind. Das Casino soll also weitergehen, diesmal aber mit öffentlichem Geld als Sponsor.
@Vielleicht wäre etwas Kritik auch ganz nett - zum Beispiel, dass die hiesigen Konjunkturpakete zu gering sind
Korrekt. Die offiziellen Prognosen für den BIP-Rückgang im Jahr 2009 lauten auf -6%. In Zahlen ausgedrückt ist das ein Betrag von ca. 150 Mrd. Euro. Die in diesem Jahr wirksam werdenden finanziellen Summe zur Stärkung der Kaufkraft der Bevölkerung beträgt dagegen 16 Mrd. Euro. Zudem kommen diese Maßnahmen zu spät, nämlich im 2. Halbjahr, wenn sich die deutsche Wirtschaft bereits tief in der Rezession befinden wird.
@und stattdessen die Milliarden für die Spielschulden der Banken ausgegeben werden,
Ebenfalls richtig. Anstatt in die Stärkung der Realwirtschaft über die Stärkung des Binnenmarktes zu investieren, wird das angeblich knappe Geld zu Unsummen in die Rettung der Banken gesteckt, damit dort zukünftig der Steuerzahler für die Aufrechterhaltung der Illusion von Werthaltigkeit der Vermögenswerte von Instituten sorgen kann, die in großen Teilen mit negativem Eigenkapital unterwegs sind. Das Casino soll also weitergehen, diesmal aber mit öffentlichem Geld als Sponsor.
dass du uns so weiterleben lässt, wie wir vorher gelebt haben. Auch wenn diese Lebensweise überhaupt erst zum Zusammenbruch geführt hat. Der Staat beschützt die Ungleichheit, und das ist falsch so.
dass du uns aus dieser Krise befreist, die du durch eine falsche Politik selbst herbeigeführt hast.
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