Vitamin C Das goldene Pulver

Wie das medizinisch nutzlose Vitamin C mit etwas Hokuspokus zum Mittel für und gegen (fast) alles wurde

Der Mythos ist ungebrochen: Über 110.000 Tonnen Vitamin C werden jährlich weltweit hergestellt. Zu den größten Produzenten gehören die österreichische Firma Jungbunzlauer, das niederländische Unternehmen Koninklijke DSM, Merck und etliche fernöstliche Chemiefirmen. Ascorbinsäure begegnet uns auf Schritt und Tritt – als Medikament in bunter Verpackung, als Konservierungsmittel, im Shampoo, in Cremes, im Katzenfutter. Nach wie vor ist das Vitamin ein Milliardengeschäft.

Wie aber ist dieser unglaubliche Erfolg zu erklären? Denn aus medizinischer Sicht ist die Einnahme von künstlich produziertem Vitamin C gar nicht notwendig, das haben Ernährungswissenschaftler immer wieder erklärt. Eine halbwegs gesunde Ernährung deckt den Bedarf des Körpers völlig; alles zusätzlich eingenommene Vitamin C scheidet der Körper ungenutzt auf natürlichem Weg wieder aus. Freilich hilft das Vitamin in einem Extremfall: gegen Skorbut nämlich, eine in früheren Zeiten von Seefahrern gefürchtete Mangelkrankheit. Doch wie Skorbut vermieden werden kann – zum Beispiel mit ein paar Fässern Sauerkraut an Bord –, ist seit dem 18. Jahrhundert bekannt. Und dass Vitamin C gegen andere Krankheiten tatsächlich etwas nützt, konnte nie bewiesen werden.

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Einer der wortmächtigsten Propheten des Stoffs war der amerikanische Chemie-Nobelpreisträger Linus Pauling (1901 bis 1994). In seinem Buch Vitamin C and the Common Cold propagierte er 1970 die Einnahme von Megadosen Vitamin C, insbesondere zur Vorbeugung der Grippe. Dabei ist die Indikation »Grippeprophylaxe« bereits in den dreißiger Jahren von den Chemikern des großen Schweizer Pharmakonzerns und Ascorbinsäureproduzenten Hoffmann-La Roche in Basel geprüft worden. Jedoch ohne Erfolg, wie ein interner Rapport in den Roche-Archiven zeigt: »Ironischerweise« seien die »Prophylaxe-Fälle« noch häufiger an Grippe erkrankt als diejenigen, die ein Placebo erhalten hätten.

Nein, nicht Medizin und Arzneikunst haben Vitamin C zu dem Weltwundermittel gemacht, das es heute ist. Es waren kulturelle und ökonomische Mechanismen, die diesen ungeheuren Erfolg erst ermöglichten.

Hoffmann-La Roche durfte sich jahrzehntelang der weltweit führende Hersteller nennen, erst vor sieben Jahren verkauften die Schweizer ihre gesamte Vitaminsparte an die Koninklijke DSM. Dass der Konzern ausgerechnet um 1933 die Produktion von Vitamin C aufnimmt, hängt mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 zusammen, deren Auswirkungen die Schweizer Pharmaindustrie bald zu spüren bekommt. Das Gefühl einer drohenden Krise verstärkt sich bei Roche durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland. Exakt in dieser Zeit werden dem Unternehmen mehrere Verfahren zur Vitaminherstellung angeboten. Darunter eines, das Vitamin C nicht mehr aus natürlichen Rohstoffen isoliert, sondern auf synthetischem Weg herstellt.

Die Ausdehnung des Zweiten Weltkriegs eröffnet neue Absatzperspektiven

Dieses Verfahren dient noch heute als Grundlage der Produktion. Es stammt von Tadeus Reichstein (1897 bis 1996) und seinen Mitarbeitern. Geboren in Włocławek an der Weichsel, das in jener Zeit zu Russisch-Polen gehörte, war er nach den Pogromen im Zarenreich 1905 vom Vater mit der gesamten Familie in die Schweiz gebracht worden. Hier wuchs er auf und arbeitete nach dem Studium als Privatdozent für Chemie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich.

Als Reichstein und sein Freund und Geschäftspartner Gottlieb Lüscher im Mai 1933 mit dem Basler Unternehmen in Verhandlungen treten, reagiert dieses zunächst äußerst zurückhaltend. Roche sieht keinen Bedarf für die Vitamin-C-Herstellung: »Erwachsenen dürfte in der Norm genügend Vitamin C mit frischem Gemüse, Obst und dergleichen zukommen.« Im Übrigen bestehe auch keinerlei medizinische Notwendigkeit für das Vitamin, das höchstens gegen Skorbut helfe. Ein anderes Indikationsgebiet sei nicht bekannt.

Dennoch will Roche die beiden mit ihrer Ascorbinsäure nicht einfach wieder ziehen lassen und bietet ihnen eine mögliche Zusammenarbeit an. Aber das Ziel könne vorläufig nur darin bestehen, »die interessante Substanz für physiologische und biochemische Untersuchungen zu einem erschwinglichen Preise zugänglich zu machen. Sollte sich dann später eine therapeutische Indikation herausstellen, umso besser.«

Leser-Kommentare
  1. Udo Pollmer (Das Eule) berichtet von Skorbutfällen bei Säuglingen in USA, nachdem die schwangeren Mütter hohe Dosen Vitamin C geschluckt hatten. Der mütterliche Körper schaltete auf Ausscheidung um. Als die Kinder zur Welt kamen, tat ihr Stoffwechsel das, was er im Mutterleib gelernt hatte: Vitamin C umgehend wieder auszuscheiden. Quelle Buch Prost Mahlzeit

    In den USA werden Kleinkinder mit Vitaminen überhäuft. Bereits über 50 Prozent bekommen regelmäßig Vitamintabletten, zusätzlich zu angereicherten Lebensmitteln, Getränken und Flaschennahrung. Welche Probleme das mit sich bringt, haben Pädiater in Washington an über 8000 Kleinkindern aufgezeigt: Ihren Ergebnissen zufolge korrelierte die Einnahme von Multivitaminpräparaten mit der Häufigkeit von Lebensmittelallergien, wobei es unerheblich war, ob die Kinder Brust- oder Flaschennahrung bekommen hatten. Je früher die Vitamingabe erfolgte, desto größer fiel das Risiko aus: In den ersten sechs Monaten erhöhten Vitaminsupplemente bei schwarzen Kindern die Asthmarate und bei den Flaschenkindern zusätzlich die Allergiehäufigkeit. Die Autoren vermuten einen ursächlichen Zusammenhang und verweisen auf In-vitro-Versuche, wonach Vitamine die Differenzierung von Immunzellen beeinflussen können.

    Quelle: Milner JD et al: Early infant multivitamin supplementation is associated with increased risk for food allergy and asthma. Pediatrics 2004/114/S.27-32

    Axel Ebert

  2. So ein Schmarren!

    Ich bin keineswegs leichtgläubig, aber ich nehme Vitamin C-Brausetabletten in der kälteren Jahreszeit seit Jahrzehnten sowohl vorbeugend, wie auch dann, falls mich jemand doch einmal mit Viren(Schnupfen etc.) angesteckt hat.
    a) Ich kann dem Vitamin C durchaus bestätigen, dass es mir erstens hilft, das Immunsystem zu stärken, um nicht so sehr anfällig für Erkältungen und Infektionen zu sei, zweitens, dass es mir im Falle einer doch erfolgten Infektion hilft, besser und effizienter mit der Infektion fertig zu werden!
    b) ein sehr guter Freund von mir, der jahrelang immer im November/Dezember infektionsanfällig und erkältet war, hat seit etwa 5 Jahren auf meinen Rat hin in diesen Monaten regelmäßig vorbeugend Vitamin-C-Brausetabletten genommen - seither war er in diesen Monaten kein einziges Mal mehr krank!
    Mag es auch kein Wundermittel sein: mir - und auch meinem Freund - hat es IMMER geholfen!!!
    HV, Wien!

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    *lach* so bekommt der begriff eine neue bedeutung.
    aber wenns hilft ist es letzten endes ja egal woher die hilfe kommt.

    ich, um beim betrachten von einzelfällen zu bleiben, bekomme auf extra vitamin C dosen immer nur verdauungsprobleme und magenschmerzen.

    *lach* so bekommt der begriff eine neue bedeutung.
    aber wenns hilft ist es letzten endes ja egal woher die hilfe kommt.

    ich, um beim betrachten von einzelfällen zu bleiben, bekomme auf extra vitamin C dosen immer nur verdauungsprobleme und magenschmerzen.

  3. *lach* so bekommt der begriff eine neue bedeutung.
    aber wenns hilft ist es letzten endes ja egal woher die hilfe kommt.

    ich, um beim betrachten von einzelfällen zu bleiben, bekomme auf extra vitamin C dosen immer nur verdauungsprobleme und magenschmerzen.

    Antwort auf "Vitamin C"
  4. 1) Unsere aktuelle Nahrung ist mittlerweile so denaturiert, dass es praktisch gar nicht mehr möglich ist, die wirklich erforderlichen Mengen von Vitamin C zu sich zu nehmen. Eine zusätzliche Einnahme von Vitamin C wird neben einer ausgewogenen Ernährung deswegen immer bedeutender.

    2) Unser Darm ist mittlerweile durch schlechte Ernährung so verschlackt, dass es dem Körper bei Vitaminen und Nährstoffen gar nicht mehr möglich ist, diese über die Darmzotten in ausreichender Menge aufzunehmen. Werden sehr grosse Mengen an Vitamin C bei geschädigtem Darm oral aufgenommen (und welcher Darm ist heutzutage nicht geschädigt?) verpufft hier natürlich ein Anteil. Ich spreche hier aus eigener Erfahrung mit einer chronisch entzündlichen Darmproblematik, die ich aber definitiv und ohne Umschweife mit einer intravenösen Hochdosis Vitamin C Therapie bestens und ohne Nebenwirkungen in den Griff bekommen habe. Was die Schulmedizin in Jahren nie leistete.

    3) Die allgemein propagierten empfohlenen Tagesmengen an Vitamin C sind viel zu niedrig! Es gilt als erwiesen, dass die vom Körper in Stress und Krankheitssituationen benötigte Menge ein vielfaches der empfohlenen Tagesmengen überschreitet. Die vielfältigen zunehmenden Belastungen in der heutigen Zeit sind Stress pur für unseren Körper

    4) Vitamin C dient mit als Hauptaktivator des Immunsystems, das ist unumstritten...

    Es ist sicher kein Wundermittel. Bedenklich finde ich es aber, wenn die wahre Bedeutung heruntergespielt wird...

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