Es ist der Montagmorgen nach den Krawallen des 1. Mai, der Morgen der zersplitterten Bierflaschen, als die Drogenbeauftragte der Bundesregierung ihr routiniertes Lächeln aufsetzt. Sabine Bätzing steht im Saal der Bundespressekonferenz vor einer Phalanx aus Fotografen, sie trägt einen beigefarbenen Hosenanzug, in der Hand hält sie ihren aktuellen Drogen- und Suchtbericht, 152 eng bedruckte Seiten. »Heute«, raunt einer von Bätzings Leuten, der sich ins Publikum gemischt hat, »heute geht es darum, ein wenig auf die Kacke zu hauen.«

Bätzing sagt den Reportern, dass sie »sehr viel erreicht« habe im vergangenen Jahr, dass in Deutschland weniger geraucht werde, weniger getrunken, weniger gekifft. Das sind Dinge, die sie lernen musste in sieben Jahren Bundestag: das Eigenlob, die Selbstkontrolle, das öffentliche Lächeln, die leicht lesbaren Parabeln auf den politischen Sieg.

Es hat etwas Unwirkliches, wie sie da so steht, in der Hand diesen Bericht, über den in wenigen Tagen niemand mehr sprechen wird. Bätzing könnte an diesem Morgen auch über ihr spannendstes Thema reden, ihren Kampf gegen den Alkohol. Sie könnte die Geschichte eines Streits erzählen, bei dem die Republik der Moralisten gegen die Republik der Trinker angetreten ist. Könnte erzählen, wie die Wirtschaft ihre Truppen gesammelt und in Stellung gebracht hat. Ideologische Schulen prallen da aufeinander, Marktliberale treffen auf Marktregulierer, Anhänger eines großzügigen Staates auf Anhänger eines strengen Staates. Sie könnte von einer politischen Schlacht berichten, die noch nicht zu Ende ist, die aber schon eine Spezialistin für Heckenschützen hervorgebracht hat: Sabine Bätzing, 34 Jahre alt, Nichtraucherin, Abgeordnete der SPD und seit dreieinhalb Jahren Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Und sie könnte davon erzählen, dass ihr Kampf begann, als sie von Lukas hörte, einem 16-jährigen Jungen, der sich in einer Berliner Kneipe ins Koma gesoffen hatte und nicht mehr aufwachte. Es sah so aus, als sollte ein persönliches Schicksal die Politik beeinflussen. Das war im März 2007. Jetzt, im Mai 2009, lässt sich erkennen, was sonst noch Einfluss hat auf politische Prozesse.

Im Jahr von Lukas’ Tod führt das Land erschrocken Debatten um den Alkoholmissbrauch Jugendlicher, schnell ist ein neues Wort dafür gefunden: Komasaufen. Bätzing beauftragt den Drogen- und Suchtrat der Bundesregierung, ein »Nationales Aktionsprogramm zur Alkoholprävention« zu erarbeiten. Daraus macht sie im Herbst 2008 ihr Programm, 42 Seiten, auf dem Deckblatt der Bundesadler. Drei Ziele formuliert Bätzing in ihrem Vorwort: Sie will den durchschnittlichen Alkoholkonsum der Deutschen von zehn auf acht Liter reinen Alkohol pro Jahr senken. Kinder sollen schwerer an Alkohol gelangen. Und das Komatrinken soll unbedingt verhindert werden. Dann folgen, Kapitel für Kapitel, Vorschläge, wie das zu erreichen wäre: Alkoholwerbung im Fernsehen und im Kino erst nach 20 Uhr. Verkaufsverbote an Tankstellen und Bahnhöfen ab 22 Uhr. Keine Bierwerbung mehr bei Sportvereinen, weder auf Trikots noch am Spielfeldrand. Absenken der Promillegrenze auf zunächst 0,3 und langfristig auf 0,0. Sabine Bätzing hat einen Aktionsplan voller Forderungen und Wünsche verfasst. Manches davon, wie Kampagnen und Präventionsmaßnahmen, könnte sie als Drogenbeauftragte allein durchsetzen. Aber wenn sie Gesetze ändern will, braucht sie die Zustimmung der Mehrheit der Minister im Kabinett.

Anfang 2008, lange bevor die Empfehlungen des Suchtrates bekannt werden sollen, landet eine Fassung in München. Im Büro von Lothar Ebbertz, dem Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Brauerbundes. Ebbertz traut seinen Augen kaum. Er liest, Ziel müsse es sein, »eine nachweisbare Änderung im Trinkverhalten der bundesdeutschen Bevölkerung einzuleiten und in einen langfristigen Trend zur Senkung des Alkoholkonsums zu überführen«. Ebbertz hat schon viel erlebt, aber das Papier hier von dieser jungen Frau in Berlin ist der Gipfel.

Auf der Straße vor seinem Büro steht ein Bierbrunnen, eine Art Zapfsäule für Bier, umrahmt von einem Bassin. Ein solcher Brunnen, schwärmt Ebbertz, sei nicht nur in der Lage, mehrere Biersorten gleichzeitig auszustoßen, er eigne sich auch hervorragend für öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen. Erst kürzlich konnte sich Ebbertz wieder freuen, als der bayerische Landwirtschaftsminister seine Bierzapfsäule besuchte. Ein Haus mit so einem Brunnen ist ein idealer Ort, um den Widerstand gegen Bätzings Plan zu organisieren – und Ebbertz ist dafür der richtige Mann.

Sein Bayerischer Brauerbund vertritt vom kleinen Familienbetrieb Weißbräu im niederbayerischen Dörfchen Kößlarn bis zum national vertriebenen Paulaner in München mehr als 600 Brauereien. »Frau Bätzing und ihre Guttempler«, sagt Lothar Ebbertz, wollten diese einzigartige Braukesseldichte zerstören.

Ebbertz ist Betriebswirt, ein großer und schlanker Mann, dem alles Folkloristische abgeht. Kein Bauch, kein bayerischer Dialekt. Ebbertz stammt aus Aachen, wo er über das deutsche Brauereiwesen zwischen Zweitem Weltkrieg und Wiedervereinigung promovierte. Seit 15 Jahren arbeitet er in München für die Brauer. Dort, sagt er, habe er gelernt, dass »Lobbyarbeit ihre Wirkung am besten im Stillen entfaltet«.

Tagelang vertieft sich Ebbertz nun in die Details des Berliner Papiers und fügt mit blauer Farbe Absätze ein. Ärgert ihn etwas besonders, setzt er Ausrufezeichen hinter seine Erwiderungen.

Was für Trugschlüsse zieht diese Bätzing da? Jugendliche landen immer öfter mit Alkoholvergiftungen in der Notaufnahme? 9500 Jugendliche im Jahr 2000, inzwischen fast 20.000? Wenn der Missbrauch alkoholischer Getränke stark gestiegen ist, schreibt Ebbertz ins Dokument, zugleich aber der Pro-Kopf-Verbrauch seit Jahren sinkt – wie soll dann eine weitere Senkung des Pro-Kopf-Verbrauchs das Missbrauchsproblem lösen?

Was sind das nur für Studien, die diese Frau da anführt? Werbung, heißt es in Bätzings Papier, habe eindeutig einen Einfluss auf das Trinkverhalten Jugendlicher. Die Brauwirtschaft spreche mit ihren Werbespots gezielt Jugendliche an. Was für ein Unsinn, denkt Ebbertz. Deutschland verfüge mit dem Werberat über ein Kontrollorgan, das Reklame, die sich an Jugendliche richtet, verhindere. Er habe eine Statistik, schreibt Ebbertz, die jeden Zusammenhang zwischen Werbung und Pro-Kopf-Konsum widerlege – wobei natürlich nicht zu leugnen sei, dass die Brauer jedes Jahr rund 500 Millionen Euro in die Werbung investieren. Geld, das Zeitungen und Fernsehsendern fehlen könnte.