Als Eminem vor fünf Jahren – direkt nach seinem Album Encore (Zugabe) – von der Bildfläche verschwand, blieben seinen zahlreichen Fans lediglich Gerüchte. Er habe eine Schreibblockade, hieß es in den Klatschspalten, er kämpfe mit Übergewicht. Demnächst werde er endgültig das Handtuch werfen. Bis vergangenen Herbst auf seinem Satellitenradiosender ein neues Album angekündigt wurde. Relapse: Rückfall. Eine Selbstdiagnose, die nicht nur für die Musik gilt, sondern auch für die Video-Gags der ersten Single. In We Made You parodiert Eminem im gewohnten Schnellfeuerrhythmus die Scheinwelt der Pop-Prominenten. Pin-up-Girl Jessica Simpson mit dickem Bauch! Eine lippenstiftverschmierte Amy Winehouse hinter Gittern! Elvis auf dem elektrischen Stuhl! Natürlich fehlt auch die obligatorische Polit-Pointe nicht, diesmal auf Kosten von Sarah Palin. Das Porno-Sternchen, das die Vizepräsidentschaftskandidatin schon vergangenen Herbst für ein Skandalvideo namens Nailin’ Palin verkörperte, darf nun mit einem perückentragenden Eminem ins Bett steigen und einen Eisbären unter der Decke hervorscheuchen, dazu kotzt ein Eskimo. Eine Menge Geschmacklosigkeiten für ein einziges Video.

Doch Geschmacklosigkeiten, zumal auf Kosten der politischen Korrektheit, sind nun einmal Eminems Erfolgsrezept. Dreimal kurz gelacht und weitergeklickt – das Video zu We Made You wäre wohl auf den Pausenhöfen dieser Welt versickert, hätte er nicht erneut sehr geschickt die Reaktion des Establishments einkalkuliert. Diesmal tat Bill O’Reilly, Amerikas erzkonservativer Talkshow-Moderator, ihm den Gefallen: Er schimpfte über die respektlose Sexszene mit Sarah Palins Double und nannte Eminem die »niederste Form der Unterhaltung in unserem Land«. Eine bessere Werbung hätte sich keine PR-Agentur ausdenken können, schließlich spannt Eminem seine Verächter am liebsten vor den eigenen Karren. Er lässt vor ausverkauften Arenen gerne Mitschnitte von Kongressanhörungen und Nachrichtensendungen ertönen, die ihn als vulgär, degeneriert, asozial, misogyn und geistesbeschmutzend beschreiben – zum freudigen Gejohle und Applaus seiner Fans.

Das Gütesiegel »geistesbeschmutzend« ist die Bestätigung ihrer Rebellionsträume. Und es ist der erbrachte Beweis, wie sehr Eminem und sein Land einander immer noch brauchen. Seine Raps treffen das Amerika-Idyll der Konservativen – in ihrer eigenen Sprache. So wie Elvis einst den von Schwarzen geprägten Rock’n’Roll als Vehikel der weißen Teenager-Angst usurpierte, hat der in einer schwarzen Nachbarschaft sozialisierte Marshall Mathers den Rap für seine Zwecke kanalisiert. Wer könnte auch glaubwürdiger die Wut und Sehnsucht des Außenseiters verkörpern als dieser Sohn einer alleinerziehenden Mutter aus dem Trailerpark? Eminem ließ den weißen Loser zum erstenmal sexy aussehen. Das war die Formel, nach der Produzent Dr. Dre 1999 – nachdem er zuvor mit seiner eigenen Truppe NWA (Niggers With Attitude) der weißen Vorstadtjugend schwarze Gangster-Coolness und Ghetto-Nihilismus verkauft hatte – den pickeligen, bleichen Jungen aus Detroit zum Superstar aufbaute.