Wie deutsch sind wir eigentlich noch? "Deutsch", das war doch immer das ungeliebte Wort für ungeliebte Eigenschaften, für Größenwahn und Krisenangst, für mörderisches Pathos und feige Sentimentalität. "Wenn der Deutsche beginnt, Angst zu haben, wenn sich ihm die geheimnisvolle deutsche Angst ins Gebein schleicht, dann erst erregt er Schrecken und Mitgefühl. Und gerade dann wird der Deutsche gefährlich." Das schrieb der italienische Schriftsteller Curzio Malaparte 1944 in seinem Roman Kaputt, und er wusste, wovon er redete, denn sein Vater war Deutscher.

So ist es ja immer gewesen, dass die Deutschen entweder andere das Fürchten lehrten oder sich vor sich selber fürchteten. Nun merken wir, dass etwas sich verändert hat; das heißt, die anderen merken es. Roger Cohen, der Berlin-Korrespondent der New York Times, schrieb kürzlich in der Süddeutschen: "Die Welt steht Kopf – die Lage ist fürchterlich, aber die Deutschen sind glücklich!"

Das ernsthaft zu behaupten wäre eine kleine Übertreibung, denn natürlich machen sich die Deutschen Sorgen wegen der Wirtschaftskrise, sie fürchten den Verlust ihres Arbeitsplatzes, sie erwarten eine Minderung ihrer Einkünfte. Aber internationale Umfragen zeigen, dass sie mit solchen Ängsten durchaus nicht an der Spitze der befragten Nationen stehen, sondern im Mittelfeld. Auf die Frage nach den dringlichsten öffentlichen Aufgaben nannten 57 Prozent der Deutschen im Jahr 2009 das Thema Arbeitslosigkeit, 2008 waren es 53 Prozent, 1998 aber 86 Prozent. Dass es mit der Wirtschaft insgesamt eher abwärts gehe, vermuteten im vergangenen April 61 Prozent, im März waren es noch 70 Prozent gewesen.

Man kann die Solidität einzelner Umfragen mit Fug bezweifeln, aber nicht bezweifeln lässt sich, dass sie nicht das geringste Indiz für Radikalisierungen, gleich welcher Art, enthalten. Es müssten sich ja, aller historischen Erfahrung nach, ökonomische Krisenerfahrungen in einem sichtbaren Zulauf zu radikalen Parteien äußern. Nichts davon ist zu sehen. Zwar gibt es, vor allem in den neuen Bundesländern, einen harten Kern neofaschistischer Antidemokraten, aber erstens ist der in Frankreich oder Italien nicht kleiner, zweitens gab es ihn schon vor der Krise, und dass er jetzt wachsen wird, ist keineswegs ausgemacht.

Es sieht so aus, als müssten die Deutschen ihr Bild von sich revidieren. Vielleicht sind wir gar nicht mehr so deutsch, wie wir glauben. Die netteste Form des deutschen Klischees findet sich im Märchen von der klugen Else, die in den Keller geht, um für ihren Verlobten Hans einen Krug Bier zu zapfen, und, als sie über dem Fass eine schwere Hacke hängen sieht, zu weinen und zu klagen anfängt: "Wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist groß, und wir schicken das Kind in den Keller, dass es hier soll Bier zapfen, so fällt ihm die Hacke auf den Kopf und schlägt’s tot." Ja, diese Zukunftsangst und Gegenwartsflucht, diese selbstquälerische Unfähigkeit zum Genuss, diese Lust an der Sorge: All das kommt uns bekannt vor, und es passt in dieses Land der dicken Sparbücher und Leitz-Ordner mit Versicherungspolicen.

Aber es stimmt nur zur Hälfte. Erinnern wir uns an die Fußballweltmeisterschaft 2006. Als die ersten schwarz-rot-goldenen Fahnen von den Balkonen und aus den Autofenstern flatterten, sank manch Älterem das Herz in die Hose, ihn ergriff die Furcht vor einem teutonischen "Wir sind wieder wer". Aber dazu ist es nicht gekommen, glücklicherweise, und die Welt erlebte die Deutschen als ein Volk freundlicher Hedonisten.