DIE ZEIT: Mit dem schlichten Textfenster für die Abfrage sieht Wolfram Alpha aus wie eine Suchmaschine. Wollen Sie Google Konkurrenz machen?

Stephen Wolfram: Es ist keine Suchmaschine. Wir nennen Alpha eine Maschine zur Berechnung menschlichen Wissens (computational knowledge engine). Das ist ein grundlegender Unterschied zur Suchmaschine, die Textfragmente zusammenstellt und auflistet, die andere Menschen vorher aufgeschrieben haben. Alpha berechnet neue Daten und Fakten, um Fragen zu beantworten, die Nutzer stellen. Wir benutzen als Ausgangsmaterial das gesamte Wissen der menschlichen Zivilisation, mit dem sich Berechnungen anstellen lassen.

ZEIT: Das klingt reichlich kompliziert – kann man damit die surfenden Massen begeistern?

Wolfram: Eigentlich ist das ein vertrautes Konzept, denn die Science-Fiction zeigt uns seit 50 Jahren Beispiele, in denen wir einem Computer einfach Fragen stellen und er in Archiven und Datenbanken die Antworten aufspürt. Alpha bietet den Menschen endlich das, wovon sie seit der Geburt des Computers träumen, und nicht das, was sie seit Jahren von Computern gewohnt sind. Ich glaube die Menschen werden schnell bemerken, dass sie mit dem simplen Eingabefeld so viel mehr tun können, als nach bereits existierenden Text-Fetzen zu suchen.

ZEIT: Welches sind gute Fragen, um den Umgang mit Wolfram Alpha zu lernen?

Wolfram: Sicherlich nicht albernes Zeug wie: Was ist der Sinn des Lebens? Wir haben keine künstliche Intelligenz gebaut, mit der man sich unterhalten kann. Aber wenn ich konkret etwas wissen will, was früher nur Experten beantworten konnten, dann kann ich drauflosfragen. Das kann etwas Simples wie mein Geburtsdatum, ein Ort oder eine Kombination von solchen Fakten sein. Anhand dieser Antworten merkt man schnell, was sich alles berechnen und in einem Graphen darstellen lässt. Das ist der Beginn einer Entdeckungsreise.

ZEIT: Bei welchen Fragen muss Alpha passen?

Wolfram: Wir konzentrieren uns auf systematische Fakten, Zahlen, nachgewiesene Daten, aber nicht auf Meinungen oder Ratschläge. Ich kann durchaus Fragen eingeben, die von der Software ein erhebliches Maß an Interpretation erfordern, etwa »Temperatur Washington als Kennedy starb«, und sie wird verstehen, dass es um Wetter, einen Ort und den Todestag eines Präsidenten geht. Alpha kann auch anhand des Kontextes den Geldbetrag von 50 Cent von dem Rapper 50 Cent zu unterscheiden. Insgesamt haben wir bislang zwischen 10 und 20 Milliarden Datenpunkte in Alpha eingepflegt, an denen sich Berechnungen anstellen lassen.

ZEIT: Besteht nicht die Gefahr, dass Sie bei diesen Datenbergen auch Fehler ausspucken? Mit dem Unterschied, dass Sie, im Gegensatz zu Google, Anspruch auf die Wahrheit erheben?

Wolfram: Wir haben ein ausgeklügeltes System aus automatischer Software und menschlicher Qualitätskontrolle geschaffen. Momentan arbeiten rund 200 Leute an Wolfram Alpha. Das reicht von Experten für einzelne Fachgebiete über Gruppen für Linguistik oder die beste Visualisierung von Antworten bis zu Spezialisten für die Rückmeldungen der Nutzer, die eine Anmerkung haben oder auf einen Fehler aufmerksam machen wollen. Wir versuchen, die besten Datensätze zu verwenden, und scannen historische Zahlenreihen, die es nur auf Papier gibt. Andere Daten holen wir uns mehrfach am Tag oder in Echtzeit – etwa Angaben zu Wetter, Erdbeben oder den Finanzmärkten. Im Zweifelsfall sieht sich ein menschlicher Experte Fehler an.

ZEIT: Wie wollen Sie mit Alpha Geld verdienen?

Wolfram: Die Basisversion wird kostenlos sein, denn wir wollen, dass es so viele Menschen wie möglich ausprobieren. Wir haben uns mit 10.000 Servern hoffentlich gut darauf vorbereitet. Dann wird es Premium-Versionen geben, bei denen Unternehmen Ergebnisse direkt in ihre Tabellen und Dokumente herunterladen können. Außerdem können Firmen ihre eigenen Daten in Alpha hochladen und daraus Antworten berechnen lassen. Ob sie das aus der Ferne tun werden oder ob wir ihnen einen Rechner vor Ort installieren, wissen wir noch nicht. Im Moment testen wir das für mein eigenes Unternehmen. Und früher oder später werden auch andere Programme und Maschinen Anfragen direkt an Alpha stellen, ohne dass Menschen eingreifen.

Die Fragen stellte führte Steffan Heuer