Uhrenindustrie Der Uhren-Bauer
Jean-Claude Biver ist einer der erfolgreichsten Manager der Schweiz. So leidenschaftlich, wie er Uhren verkauft, macht er auch Käse. Beides ist für ihn ein Luxusprodukt
Jean-Claude Biver sitzt ganz vorne. Und es ist gerade nicht auszumachen, wer lauter ist: der Motor der Turboprop-Maschine, der sich abmüht, die Luft über dem Ärmelkanal zu zerhacken – oder der Passagier in Reihe eins, der sein Geschäft erklärt. Der Charterjet bringt Biver von Genf nach Birmingham. Ein paar Tausend Meter unter ihm liegt Europa, das gerade in der Wirtschaftskrise versumpft. "Die Krise", poltert er, "vor ein paar Monaten wusste ich noch nicht, wie sie sich anfühlt, so wie man sich vor einer Operation nicht vorstellen kann, was passiert." Nun ist die Operation in vollem Gange, und Biver lächelt: "Jetzt spüre ich es genau." Als sei es eine bewusstseinserweiternde Erfahrung.
Biver ist Chef der Uhrenmarke Hublot und einer der erfolgreichsten Manager der Branche. Manche sehen in ihm einen Wundermann: Er hat die vergessene Marke Blancpain wieder zum Leben erweckt, die Omega-Uhr legendär gemacht. Bei Hublot verzehnfachte er den Umsatz innerhalb von vier Jahren. Die Firma verkaufte er rechtzeitig vor der Krise an den Luxuskonzern LVMH. Für die 20 Prozent, die er selbst an Hublot gehalten hatte, kassierte Biver 100 Millionen Schweizer Franken – und blieb Geschäftsführer.
Mittlerweile drückt die Krise die Laune der Luxusindustrie. Aber Biver ist bester Stimmung. Der Abschwung scheint ihm geradezu eine Quelle besonderer Inspiration zu sein. "In der Krise gewinnen die Kreativen, in der Krise müssen neue Ideen her." In seinem Kopf ist die Rezession eigentlich schon überwunden. Er arbeitet an Uhren für den nächsten Aufschwung. Wenn es wieder aufwärtsgehe, würden die Menschen kein Grau mehr sehen wollen, sondern Farben, Farben, Farben. Also arbeitet er an Hublot-Uhren in Grün, Gelb, Blau.
Das Flugzeug bringt Biver zur englischen Automobilmanufaktur Morgan. Der Hersteller rustikaler Sportwagen feiert seinen hundertsten Geburtstag mit der Vorstellung eines Sondermodells – und einer Zusammenarbeit mit Hublot: Wer eines der teuren Autos erwirbt, erhält gleichzeitig das Privileg, eine teure Hublot-Uhr mit Morgan-Logo zu kaufen. Ein Angebot, zugeschnitten auf eine Kundschaft, die in der krisenfreien Zone wohnt.
Wenig später steht Jean-Claude Biver auf einer improvisierten Bühne in der Kantine des Fahrzeugherstellers. Scheinwerferlicht glitzert auf seiner Glatze. Mit einem Enthusiasmus, der so laut ist, dass man getrost die Lautsprecheranlage einsparen könnte, lobt er das Lebenswerk des Eigners Charles Morgan und die Liebe, die jeder Mechaniker in jedes einzelne Fahrzeug stecke. Und dann, als jeder darauf wartet, dass der Uhrenmann endlich von den eigenen Produkten redet, sagt er: "Wer Fragen zur Uhr hat, kann mich nachher ansprechen." Und verlässt die Bühne. Biver hat also Journalisten und Experten aus ganz Europa zu einer Präsentation eingeladen – um nichts zu präsentieren. Auf diese Art des Marketings muss man erst mal kommen.
Wo immer er auftritt, erweckt Biver den Eindruck, es ginge ihm nur um den Moment. Um die Geselligkeit und gar nicht um Geld. Und doch gibt es keinen gewiefteren Geschäftemacher als den in Luxemburg geborenen Manager. "Den Geschäftsmann, der einen Biver über den Tisch zieht, gibt es nicht", sagt Nicolas Hayek, Präsident der Swatch-Gruppe, in der Biver lange gearbeitet hat.
Biver hat verstanden, dass es nicht genügt, gute Uhren zu bauen. Man muss auch einen Mythos darum spinnen. Wer heute eine mechanische Uhr kauft, interessiert sich immer mehr dafür, welches Image er sich ans Handgelenk bindet. Nicht die Funktionen, das Handwerk und die verarbeiteten Edelmetalle machen eine Uhr für ihren Besitzer wertvoll, sondern die Geschichte, die das Stück erzählt.
Und Jean-Claude Biver ist der beste Erzähler der Branche. Nirgends hat er das so deutlich gezeigt wie als Chef von Hublot. Als er in die Firma einstieg, setzte er auf ein einziges Modell, auf eine einzige Geschichte: auf "Big Bang", den Urknall. Er wollte Elemente zusammenbringen, die sonst nicht zusammengehören. Zumindest nicht in einer Armbanduhr. In der großen, kantigen Uhr verband er Wolfram mit Karbon und Keramik. Kautschuk mit Gold. Eine mechanische Uhr, die nicht mit Tradition für sich warb, sondern mit Modernität. Fusion power nennt Biver das. Altes Handwerk kommt mit neuen Stoffen zusammen. Das 20. Jahrhundert mit dem 21. Jahrhundert, die Rückbesinnung mit dem Fortschritt. Und er, Biver, mittendrin. "Uhren sind heute ein Kommunikationsmittel", sagt er. Und Menschen wollen mehr sagen als: Ich bin reich. Also braucht man Modelle, die mehr aussagen.
Biver erzählt, wie er seine Uhrendesigner mit der Idee der Sonderedition "All Black" schockierte. Schwarze Zeiger auf schwarzem Ziffernblatt. "Sie hielten das für ein Missverständnis, schließlich könne man auf so einer Uhr gar nicht die Zeit ablesen", sagt er. "Ich habe geantwortet: Wer trägt schon eine Uhr, weil er die Zeit ablesen möchte? Wer heute noch eine teure Uhr kauft, um die Zeit abzulesen, ist ein Idiot!" Biver lacht jetzt noch schallend über die Szene. Und als ob es nicht genug wäre, haut er beim Erzählen immer wieder auf die Tischplatte: bumm – bumm – bumm. Als ob er seine Gedanken mit Faustschlägen taktet.
Sosehr sich der bullige Geschäftsmann auch als Unterhalter gibt, ihn treibt ein unglaublicher Ehrgeiz. Dieser Ehrgeiz befördert ihn morgens um drei Uhr aus dem Bett. So früh steht Biver auf, um schon ein paar Stunden gearbeitet und das Frühstück bereitet zu haben, bevor seine Familie aufwacht. Ein paar Stunden Vorsprung zur Konkurrenz, erklärt er. Das ergibt, aufs Jahr gerechnet, mindestens 300 Stunden. Sieben Arbeitswochen! Das sei fast so, als würden die anderen erst im März anfangen zu arbeiten.
Die Belastungen, denen er sich damit aussetzt, hat er lange übersehen. Eine Ehe mit zwei Kindern ist ihm darüber zerbrochen. Da habe er zum ersten Mal gespürt, dass er nicht alles kontrollieren könne, sagt er. Doch erst gesundheitliche Probleme zwangen ihn dazu, sich zu zügeln. In den neunziger Jahren erkrankte er an der Legionärskrankheit, einer besonders gefährlichen Lungeninfektion. Noch heute leidet er unter Atembeschwerden: "Nun weiß ich, dass Gesundheit Luxus ist."
Seit zehn Jahren ist er mit seiner jetzigen Frau zusammen. Mit ihr zeugte er einen Sohn – und dieser Kleine war es, der in Biver den Entschluss reifen ließ, bei Hublot einzusteigen. "Ich träumte von einer eigenen Firma, die ich an meinen Sohn weitergeben könnte." Damals war Biver Topmanager bei der Swatch-Gruppe. Das sehe auf der Visitenkarte zwar toll aus, sagt Biver, "für ein Kind aber bedeutet es wenig". Viel weniger, als wenn der Vater eine eigene Bäckerei habe. Wie will er ein Vorbild sein? "Neulich wollte mein Sohn ein Baumhaus haben. Ich rief Handwerker an, die ihm die Bude bauten – das ist eigentlich das Traurigste, was ein Vater tun kann." Aber besser, als hätte er selbst Bretter und Nägel in die Hand genommen, merkt er an. Das wäre noch trauriger geworden.
Die großen Geschichten haben für Jean-Claude Biver auch mit seiner eigenen Geschichte zu tun. Schon als kleiner Junge kam er mit Uhren in Berührung. Sein Großvater schenkte ihm eine Patek Philippe. Eine mechanische Uhr, in die sein Name eingraviert war. Was sie ihm bedeutete, spürte er erst als junger Mann. Beim Skifahren verlor er die Uhr.
Entscheidend jedoch war ein Zeitmesser, den er am Handgelenk eines Freundes entdeckte, der aus einer Uhrmacherdynastie stammt. Die Uhr hatte kein Ziffernblatt. "Man sah jedes Rädchen – ich dachte mir: Das ist eine Dampfmaschine." Als Kind hatte er selbst eine Spielzeug-Dampfmaschine gehabt. Man beheizte einen Wassertank – und konnte allerlei Rädchen und Riemen in Bewegung setzen. Biver erkannte in der Uhr ein Spielzeug für Männer. Und mit einem Männerspielzeug musste Geld zu verdienen sein. Er fing bei der Uhrenmanufaktur Audemars Piguet an, durchlief die Stufen des Betriebes. Er lernte die Uhrmacher kennen – und erfuhr, wie sie das Leben sehen, die Berge, den Wein, den Käse. Denn Uhrmacher, sagt Biver, stehen in der Tradition von Bauern. Uhrmacherei war für die Bergbauern eine Winterbeschäftigung. Den Bauern in sich erkannte auch Biver. Heute hat er neben seinem Haus bei Genf einen Bauernhof mit Kühen.
Jedes Jahr, wenn die Kühe von der Alm getrieben werden, ist er dabei. Auch wenn der vierstündige Fußmarsch ihm Probleme bereitet und seine Lunge rasselt. Biver will immer durchhalten, nie aufgeben. Er will vor den Bauern nicht als feiner Pinkel dastehen, der sich nichts zumutet. Biver hat sein Leben im harten Aufstieg verbracht. Er stammt aus der Mittelschicht, sein Vater hatte ein Schuhgeschäft in Luxemburg. Die 18.000 Franken, mit denen Biver einst die Marke Blancpain kaufte, musste er sich selbst zusammensparen. Biver lebt mit dem Gefühl, jede Leistung erbringen zu können.
In jüngeren Jahren lief er Marathon. Nicht nur um dabei zu sein – sondern um zu gewinnen. Wer mit Jean-Claude Biver einen Tag verbringt, stellt sich irgendwann die Frage, um welche Dampfmaschine es bei ihm eigentlich geht: die, die er am Handgelenk seines Freundes Piguet entdeckte – oder die, die in seiner eigenen Seele stampft. Und immer weiterwill und niemals stoppt. Selbst wenn sie ihn zu überfahren droht.
Glaubt man ihm, hat er gerade erst so richtig mit der Arbeit angefangen. Nicht Biver, der Uhrenmanager, sondern Biver, der Bauer. Aus der Milch seiner Kühe lässt er nämlich Käse machen, und darüber kann er genauso lange reden wie über Uhren. Der Schweizer Käse sei eine verkannte Delikatesse: Die Blumen, die eine Kuh mit dem Gras der Alm zu sich nehme, mache sich im Geschmack bemerkbar. Im Unterschied zum Käse aus Holland, wo die Kühe im Stall Kraftfutter kauten. Schweizer Käse habe einen feinen, blumigen Geschmack.
Leider ist der Käsemarkt am Boden. Weil Biver aber keine Lust hat, seinen Käse für wenige Euro pro Kilo zu verkaufen, verschenkt er ihn lieber – 6000 Kilo im Jahr. Die erstklassigen Restaurants, die er gerne damit bedenkt, fühlen sich geehrt und loben den Biver-Käse in den höchsten Tönen. In einem kulinarischen Führer sei er schon zum besten Käse der Schweiz erklärt worden, sagt Biver stolz. "Wenn mir irgendwann mal 20 Euro pro Kilo geboten werden, fange ich an, ihn zu verkaufen." Und wieder hätte er mit einer Geschichte ein Luxusprodukt geschaffen.
Die Biver-Maschine stoppt niemals, auch nicht am Abend. Nach einem langen Arbeitstag empfängt der Hublot-Chef noch Besuch aus dem Kanton Wallis. Es ist eine Abordnung von einem Dutzend Männern, die ihm eine junge Kuh schenken. Als Dank für einen Vortrag, den Biver vor einiger Zeit über eine bessere Vermarktung des Wallis gehalten hat.
Für seine Gäste organisiert Jean-Claude Biver ein Raclette-Essen. Er redet einen ganzen Abend über Käse, lobt das Wallis. Und die Kuh, die ihm an diesem Abend geschenkt wird. Es ist eine Sorte, die in großen Höhen lebt und sich von dürrem Gras ernähren kann. "Eine Kampfkuh", sagt Biver. Das gefalle ihm: Sie werde jetzt in seiner Herde die Führung übernehmen.
Am Ende des Abends spendiert der Hublot-Chef eine Flasche Wein. Es ist ein Château d’Yquem, mehr als hundert Jahre alt – und Tausende Euro wert. Biver sammelt französischen Süßwein wie diesen. Aber irgendwann müsse er ihn ja auch trinken, sagt er. Es ist alles für den Moment.
- Datum 16.05.2009 - 18:02 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle DIE ZEIT, 14.05.2009 Nr. 21
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren