Es hat gar keinen Sinn, mit der durchgeknallten Pointe dieses durchgeknallten Films hinter dem Berg zu halten. Ricky von dem französischen Regisseur François Ozon handelt von einem Kleinkind, dem Flügel wachsen. Sie sehen weder wie angeklebte Engelsflügel noch wie billige Computereffekte aus, wirken überraschenderweise vollkommen echt und irgendwie auch ganz normal. Von kleinen Beulen unter der Rückenhaut entwickeln sie sich über eine hähnchenflügelhafte Zwischenphase bis zu ausgewachsenen Vogelschwingen.

Dabei bleibt offen, ob Rickys Flügel der Wirklichkeit des gesamten Films oder vielleicht nur der Fantasie seiner Mutter entspringen. Genauso offen wie die Frage, was die Flügel letztlich sind: amüsantes Bild, Sehnsuchtsvorstellung, religiöses Zeichen? Oder eine Metapher für die Tatsache, dass Kinder nun mal flügge werden? Weil er all diese Fragen aufwirft, ohne die eine, richtige Antwort zu suchen, handelt Ozons Film natürlich von viel mehr als einem Kleinkind, dem Flügel wachsen.

Ricky beginnt als genau gezeichnete und überzeugend gespielte Sozialstudie. Man folgt dem Alltag einer alleinerziehenden Arbeiterin. Katie (Alexandra Lamy) lebt mit ihrer Tochter in einer kleinen Wohnung. Kurze Szenen in grauen Grundfarben ergeben einen Takt: Frühstück mit der Tochter, Mopedfahrt zur Schule, Maloche am Fließband, Zigarettenpause, wieder Fließband, Rückkehr zur Schule, gemeinsames Abendessen, einsames Einschlafen. Es ist ein Leben im Rhythmus der Arbeit. Bis sich Katie in einen Kollegen (Sergi Lopez) verliebt. Sie heiratet, bekommt ein zweites Kind. Als die Mutter eines Tages blaue Flecken am Rücken des Kleinen entdeckt, entsteht in ihrem bangen Blick eine Frage, die sich weder für sie noch für den Zuschauer beantworten wird: Sind die blauen Verletzungen Spuren eines Unfalls oder einer Misshandlung? Und wenn ja, durch wen?

Doch die Wendung vom Sozialrealismus zum Sozialdrama macht Ricky nicht mit. Stattdessen überhöht Ozon seinen Film mit der aberwitzigen Geschichte des Kleinkindes, das sich auf ganz eigene Weise von der Schwerkraft der Verhältnisse löst. Dass Ricky dabei nicht auseinanderbricht, liegt an Alexandra Lamys Spiel. Ruhigen Auges blickt sie auf alle Absurditäten und hält den abhebenden Film am Boden. Einmal, als Katie hektischen Schrittes die Wohnung verlässt, glaubt man, dass sie nun endlich Hilfe suchen oder Alarm schlagen wird. Doch die nächste Szene zeigt sie im Supermarkt, beim Einkauf von Utensilien für das wundersame Baby. Katie tut das, was eine Mutter nun mal tut: Sie stellt sich auf ihr Kind ein.

Vielleicht liegt hier die eigentliche Sensation von Ozons Film. Ihm gelingt ein erzählerischer Tonfall, in dem die Grenzen zwischen dem Allerunwahrscheinlichsten und dem Allernormalsten verschwimmen. Ergebnis ist eine Erzählung des fantastischen Alltags oder der alltäglichen Fantastik. Eine Geschichte, in der die Überforderung einer Mutter zwischen Arbeit, Ehemann und Kindern in eine Flucht mündet, die sich als solche ausstellt, zelebriert und stilisiert.

Welches Genre sich François Ozon auch vorknöpft, welchen Ton er auch anschlägt – Flucht, Verdrängung, Überhöhung waren schon immer Thema dieses französischen Regisseurs. In dem Psychogramm Unter dem Sand (2000) spielt Charlotte Rampling eine Frau, die den Tod und wahrscheinlichen Selbstmord ihres Mannes nicht wahrhaben will und seine Anwesenheit einfach weiterfantasiert. Die Musical-Komödie Acht Frauen (2002) feiert die Diven des französischen Kinos als reine Kinotraumgestalten. Der Film ist eine Inszenierung der Selbstinszenierung. Catherine Deneuve, Fanny Ardant, Isabelle Huppert und Danielle Darrieux dürfen sich in musikalischen Nummern in ihr tiefstes Wesen hinein und darüber hinaus imaginieren. In der Kriminalkomödie Swimming Pool (2003) wiederum spielt Charlotte Rampling eine Thriller-Autorin, die die Wirklichkeit eines Landhauses bereits als Plot wahrnimmt und in ihrer Vorstellung zurechtschreibt.

Natürlich erzählen alle diese Filme auch vom Kino selbst, als gebauter und fabrizierter Wirklichkeit. Bei Ozon ist das Kino eine Traum- und Wunschmaschine, die immer auch zum Blick auf ihre Mechanik einlädt. Am konsequentesten wohl in 5x2 , (2004) der rückwärts erzählten Geschichte einer gescheiterten Ehe. Der Film wird immer lichter, beginnt am Tag der Scheidung und endet mit dem ersten Flirt am Meer. Nach und nach vergisst man tatsächlich den bösen Ausgang.