Die Inszenierung ist missraten. Gegeben wird das Stück "Einführung einer Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs". Auf der Bühne stehen echte Schauspieler, die Werbebotschaften von Pharmaherstellern vorsprechen: "Ich sag’s weiter, du auch?" Zwischen den Kulissen streiten sich lautstark weißhäuptige Expertendarsteller, was man denn nun genau weitersagen soll und darf. Im Publikum verfolgen Hunderttausende verwirrter junger Mädchen und ihre ratlosen Eltern die Kakofonie. Es ist ein Trauerspiel.

Dabei wäre hier eigentlich ein großer Erfolg der Wissenschaft zu inszenieren, ein Triumph der deutschen Forschung: die Erkenntnis, dass Erreger aus der Familie der Humanen Papillomaviren (HPV) Gebärmutterhalskrebs hervorrufen können. Seit drei Jahren gibt es Impfstoffe gegen die wichtigsten dieser sexuell übertragbaren Viren.

In den meisten Industrienationen haben bereits erfolgreiche Kampagnen zur HPV-Impfung begonnen. Da sie nachweislich einen Großteil von Krebsvorstufen verhindern hilft, dürfte sie künftig vielen Frauen angstbesetzte Diagnosen ersparen. Allein in Deutschland könnte sie zusätzlich die meisten der jährlich über 140.000 Operationen unnötig machen, mit denen Chirurgen verdächtige Wucherungen am Gebärmutterhals entfernen. Und erst in dieser Woche zeigten neue Studien: Der Impfschutz wird den Erwartungen nicht nur gerecht; er verhütet sogar weit mehr Erkrankungen als bisher angenommen.

Risikobewertung: Eine Impfung kann das Risiko senken, Jahre später an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken - bitte klicken Sie auf die Grafik, um sie vollständig zu öffnen © ZEIT Grafik

Doch in Deutschland ist die Impfkampagne zur Tragödie missraten. Hierzulande stehen rund 400.000 junge Mädchen pro Jahrgang vor der Frage, ob sie den von den Krankenkassen angebotenen Impfschutz nutzen sollen. Doch anstelle organisierter Aufklärung beherrscht eine emotional aufgeladene Kontroverse die Bühne. Angeheizt wurde der Streit im November 2008 durch ein medienwirksames "Manifest" von 13 deutschen Gesundheitswissenschaftlern. Dessen Kernthese: Es müsse ein Ende haben mit "irreführenden Informationen" zur Wirksamkeit der HPV-Impfung. Das seien nur Werbebotschaften der Impfstoffhersteller. Den wahren Nutzen der Vakzination gegen Krebs kenne niemand. Die Impfung, seit 2007 Kassenleistung, müsse dringend unabhängig überprüft werden.

Vor wenigen Tagen lancierte Günther Jonitz, Präsident der Berliner Ärztekammer , zusammen mit neun Gesundheitsorganisationen in der Hauptstadt eine "Allianz gegen Fehlinformation und Manipulation". Mehr als 70.000 Berliner Mädchen bekommen ein Faltblatt in die Hand gedrückt. Darin erfahren sie auf Deutsch, Türkisch und Russisch, was die Impfung angeblich nicht kann: Sie biete "keinen generellen Schutz vor Gebärmutterhalskrebs". Jonitz selbst sagt vor der Presse: "Wer sein Kind nicht impfen lässt, tut ihm nichts Schlimmes an."

Fachleute kommentieren solche Aufklärungsversuche verstimmt. Sie habe "schon stimmigere Aufklärungsbroschüren gesehen", bemüht sich die Schweizer Impfexpertin Claire-Anne Siegrist von der Universität Genf um ein höfliches Urteil. Auch das Manifest zeige: "Einige Experten wissen offenkundig nicht viel über die komplexe Biologie von HPV-Infektionen." Wer den Nutzen der Impfung bewerten wolle, müsse die Studien richtig lesen, statt einzelne Zahlen aus ihren Zusammenhängen zu reißen. Was empfiehlt die Impfärztin jungen Mädchen? "Ich sage ihnen, wenn ich in deinem Alter wäre, würde ich mich vor diesem Krebsrisiko schützen." Wählen müsse jedes Mädchen selbst. "Aber es ist eine sehr wichtige Wahl."

Fakt ist: 10 von 1000 Frauen erkranken einmal in ihrem Leben an gefährlichen Vorstufen des Karzinoms, drei von ihnen sterben an dem Krebs. Ingrid Mühlhauser von der Universität Hamburg hat hochgerechnet, wie stark das Risiko eines Mädchens, das vor dem ersten Sex geimpft wurde, im besten Fall sinkt: "Das Erkrankungsrisiko fällt von 10 auf 3 von jeweils 1000 Frauen, das Sterberisiko von 3 auf 1."

Einigen Kritikern erscheint dieser Nutzen zu klein, andere finden die Impfung schlicht zu teuer. Das Publikum ist nachhaltig verunsichert. In den sechs Monaten seit dem "Manifest" sank die Zahl der wöchentlichen Vakzinierungen um 50 Prozent. Viele Mädchen verweigern die Impfung ganz, manche versäumen die für einen Langzeitschutz entscheidende dritte Spritze. Ärzte wiederum zögern inzwischen, die Impfung zu empfehlen, weil sie verunsicherte Mädchen und deren Eltern nicht ständig ausführlich aufklären wollen, ohne dafür einen Cent abrechnen zu können.

Im Vergleich zur effizienten und wirtschaftlichen Einführung der HPV-Impfung etwa in der Schweiz , den Niederlanden oder Großbritannien steht Deutschland geradezu blamiert da. Und der längst überfällige nächste Schritt wird hierzulande nicht einmal diskutiert: Wie die neue Impfung zum Wohl der Patientinnen in die bestehende Krebsvorsorge integriert werden soll. Stattdessen verunsichert eine Flut sich widersprechender Aufklärungsversuche pubertierende Mädchen samt Eltern. Es lohnt daher, an den Anfang des Schauspiels zurückzukehren, um die für Frauen wichtigen Fakten zu betrachten.