Bologna Nach dem Bachelor wird es spannend

Mit gut durchdachten Masterprogrammen poliert eine wachsende Zahl von Hochschulen ihr Image auf

Die Arbeit über den Einfluss Chinas auf Afrika hat sie vor Wochen abgegeben. Nur noch die mündliche Prüfung – dann hat Nadine Piefer ihren Master of Social Science in der Tasche. Die 24-Jährige, die ihren Bachelor in Politikwissenschaft in Darmstadt machte, hat ein Global Studies Programme durchlaufen. Ein viersemestriges, seit 2002 bestehendes, internationales Masterstudium, das sie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg absolviert hat, aber eben auch an der Uni KwaZulu Natal im südafrikanischen Durban und der Jawaharlal-Nehru-Uni in Neu-Delhi in Indien. Ein Programm, das auf drei verschiedenen Kontinenten ausbildet und das 25 Menschen aus aller Welt zu sozialwissenschaftlichen Globalisierungsexperten macht. Ein Studium, das bereits vor der großen Studienreform in Planung war, »aber erst durch Bologna in dieser intensiven Form realisierbar wurde«, sagt Boike Rehbein, Initiator des Studiengangs.

Wie in Freiburg zeichnet sich auch anderswo in Deutschland ein neuer Trend ab: Während die Bachelorprogramme für viele Hochschulen kaum mehr als ein Pflichtprogramm sind, entwickeln sie innovative Masterstudiengänge, die zu den Aushängeschildern ganzer Fachbereiche werden. »Als man die Uni noch mit einem Magister oder Diplom abschloss«, sagt Kolja Briedis vom Hochschul-Informations-System (HIS), »zeichnete sich das Hauptstudium oft durch Unübersichtlichkeit aus.« Zwar gab es eine Fülle von Seminaren in den verschiedensten Gebieten, »doch der rote Faden fehlte«. Briedis sagt: »Die Bologna-Reform differenziert aus. Auch im Master.« So sind es oft die Programme, die nicht eins zu eins aus einem Diplom- oder Magisterstudiengang hervorgegangen sind, die eine stimmige Lehre bieten. Ihre Schöpfer haben die Chance genutzt, die Studieninhalte neu zu erarbeiten.

Anzeige

Solch ein neues Programm ist der sehr anwendungsorientierte Master »Public History« an der Freien Universität Berlin, der Studenten nicht nur in der Auseinandersetzung mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts fordert, sondern auch in den Bereichen Präsentationstechniken, Buchführung und Öffentlichkeitsarbeit fit macht. Auf dem Gebiet »Erneuerbare Energien« kann man sich in vier Semestern an der TU Darmstadt im Masterprogramm »Elektro- und Informationstechnik« spezialisieren. Ein weiteres Beispiel ist der junge Studiengang »Master of Arts – Kultur und Wirtschaft« an der Universität Mannheim, entstanden am Philosophischen Seminar. Wer hier studiert, kombiniert ein kulturwissenschaftliches Kernfach mit einem betriebswirtschaftlichen Studium und erwirbt damit Kenntnisse im Bereich Marketing und Management – und das alles in vier Semestern.

Die Universitäten haben es nicht leicht mit dem Umbau ihrer Studiengänge. Bologna-Kritiker warnen hartnäckig vor einer großen Masse an Schmalspurabsolventen, nicht nur im viel kritisierten Bereich des Bachelorabschlusses.

Unterfordert war Nadine Piefer mit dem Global Studies Programme nie. An die Tatsache, dass sie im Studium englisch sprechen und schreiben musste, gewöhnte sie sich relativ schnell. Schwerer fiel es ihr, sich auf die Besonderheiten der einzelnen Universitäten und deren Wissenschaftskulturen einzustellen. In Südafrika studierte und lebte sie auf dem mit Stacheldraht umzäunten Campus. In den Seminaren hieß es permanent Leistungen erbringen. Jede Woche musste sie Essays und Klausuren zu aktuellen globalpolitischen Fragestellungen abgeben und sich in Präsentationen und Referaten mit den für Südafrika auf dem Lehrplan stehenden Themen Rasse und Klassenzugehörigkeit auseinandersetzen. Dagegen erschwerten an der Universität in Neu-Delhi Temperaturen von über 45 Grad die Auseinandersetzung mit dem indischen Nationalismus.

Gerade die internationalen Programme sehen Bologna als Chance. »Der Wettbewerb spornt an, zumal diese Studiengänge um Studierende buhlen. Sie müssen etwas bieten, um die klügsten Köpfe aus aller Welt zu gewinnen«, sagt Christiane Schmeken vom DAAD, die mit ihrem Team bereits zweimal die Top Ten der Internationalen Masterstudiengänge prämiert hat. So seien insbesondere im Bereich Sozialwissenschaften Programme entstanden, die auch miteinander konkurrieren.

Die Absolventen des Freiburger Global Studies Programme machen Karriere in internationalen Organisationen oder politischen Stiftungen. Viele finden einen Job im Ausland oder gehen zurück in ihre Heimatländer, nach Afrika oder China, und arbeiten dort für Unternehmen oder die Regierung. Einige, wie Nadine Piefer, wollen lieber ihren Doktor machen. Die Promotion in dem Fach sei, sagt Professor Rehbein, so wie der Master endlich international konkurrenzfähig. »Bologna hat es möglich gemacht.«

 
Leser-Kommentare
    • Rudi01
    • 01.06.2009 um 18:38 Uhr

    Ein interessanter Beitrag mit ein paar netten Einblicken in neue Studiengänge. Bloss: was hat das alles mit der Bologna-Reform zu tun? Man lese sich den Beitrag zwei-, drei- oder auch viermal durch -- man wird keinerlei Hinweise darauf finden, wieso es nicht spannende Studiengänge, Auslandssemester an anderen internationalen Universitäten usw. nicht auch schon früher geben konnte -- und gegeben hat.
    Also: mal bitte konkret werden: was geht durch Bologna, was vorher nicht ging?
    Was sich aber wirklich verändert hat, ist, dass nun alle Studiengänge bis aufs i-Tüpfelchen in Handbüchern und Modullisten festgeschrieben worden sind -- die Bürokratie hat sich vervielfacht, und die Studierenden sind in ein ganz enges Korsett von Studienplänen und Fristen eingebunden. Und natürlich ist es nun an jeder Uni anders. Flexibilität? Mobilität? Selten so gelacht!
    Man _kann_ das gut finden, wenn man ein Studium wie in der Schule organisieren will und den Studierenden grundsätzlich misstraut. Dies aber dann als die große Befreiung zu deklarieren, ist schon ein dreistes Stück.

  1. Von der Zeit sind mir nur positive Artikel zur Bolognareform aufgefallen, während von anderen Seiten auch kritische Stimmen zu hören sind. Als Erklärung dieses für ein unabhängiges Presseorgan ungewöhnlichen Verhaltens möchte ich folgende Theorie in den Raum stellen: Je geringer die Zufriedenheit der Studenten an öffentlichen Hochschulen ist, desto größeren Zulauf erhalten private Unis. Der Herausgeber der Zeit, Gerd Bucerius, hat die private Uni Gerd Bucerius Law-School gegründet. Er sieht es daher gerne, wenn in seiner Zeitung Artikel die neuen Studiengänge als Erfolg darstellen und von Veränderungen abraten. Wie gesagt, das ist nur eine Theorie.

    • dryeti
    • 28.10.2009 um 11:21 Uhr

    Hier sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Studierende zur Zeit Hörsäle in FAST ALLEN wichtigen Universitäten des Landes besetzt haben und sich teilweise bereits auf andere Länder überspringen.

    Ein konkreter Kritikpunkt ist der Bologna Prozess bzw. dessen Umsetzung.
    Mehr unter http://unsereuni.at/

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service