ZEIT-Museumsführer Heute mal Extremitäten

Wer seinen Besuch einer Ausstellung beschränkt und unter ein selbstgewähltes Motto stellt, wird sein eigener Kurator. In unserer neuen Reihe widmet sich der Autor Händen und Füßen im Kunstgewerbemuseum Berlin von 

Die wichtigste Regel für einen Museumsbesuch lautet: Nicht versuchen, alles auf einmal zu sehen. Wahrer Luxus ist, nur wenige Objekte oder gar nur ein einziges Kunstwerk zu betrachten. Der Betrachter kann dann jeden Besuch unter ein neues Thema stellen – und kuratiert sich so jeweils seine eigene Sonderausstellung.

Serie Museumsführer
Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild  |  © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Zum Beispiel im Kunstgewerbemuseum Berlin, das mit seiner architektonischen Missgestalt leider viel zu viele abschreckt. Dort kann man sich auf eine Epoche – etwa den späten Jugendstil – konzentrieren und beim nächsten Mal seine ganze Aufmerksamkeit nur einem Material widmen – Elfenbein. Oder aber man beschränkt sich auf ein Sujet: auf Hände und Füße etwa, auf die Darstellung der Extremitäten im Laufe der Jahrhunderte. Die Tour beginnt im Raum, der für das Mittelalter reserviert ist. Gleich in mehreren Vitrinen recken sich hier Arme und Hände, so als suchten Schüler die Aufmerksamkeit des Lehrers. Es sind die Armreliquien, die Teil jenes Welfenschatzes sind, der 1935 einer Gruppe jüdischer Kunsthändler unter Druck und zu einem zu niedrigen Preis abgekauft wurde und nun womöglich restituiert wird.

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Die prächtigste dieser Armreliquien ist ein Stück für den heiligen Sigismund, gefertigt aus Silber und Bronze. Von einem auf vier Löwenpfoten ruhenden Sockel erhebt sich ein Arm aus einem Silberärmel, dessen Falten zaghaft angedeutet sind. Zu dem Arm gehört eine elegante, schmale Hand, die mit drei Fingern eine Lilie auf einer Kugel hält. Einen weit voluminöseren Faltenwurf aus Lindenholz besitzt die Armreliquie der Maria Magdalena, die zwei Jahrhunderte später, nämlich Ende des 15. Jahrhunderts, in Braunschweig entstanden ist.

Das Kunstgewerbemuseum wurde 1867 gegründet, Kaiser Wilhelm I. überließ der Institution 1875 über 6500 Objekte aus der brandenburgisch-preußischen Kunstkammer, darunter Bernstein-, Gold- und Silberarbeiten, Uhren und Instrumente, Porzellan und Bildteppiche. 1881 errichtete der Architekt Martin Gropius dem Museum ein neues Gebäude – der heutige Martin-Gropius-Bau –, aus dem man aber vierzig Jahre später wegen Platznot auszog und ins Berliner Schloss wechselte. Nach dem Krieg gab es im Ost- wie im Westteil der Stadt jeweils ein eigenes Kunstgewerbemuseum, die nach der Wende wiedervereinigt wurden.

Lässt man im Mittelalterraum des düsteren Museumsbaus am Kulturforum die berückend schlichte Grabkrone der Königin Anna von 1281 rechts liegen und schreitet in den angrenzenden Renaissance-Saal, stößt man sogleich auf einen wunderschönen Fuß. Ein Schreibbehälter aus dunklem Leder, der mit einem zarten, rankenförmigen Ornament in Gold bemalt ist. Oberhalb des Knöchels ist dieser Fuß offen, wahrscheinlich stellte man hier die Schreibfedern hinein. In der Ferse verbirgt sich eine Klappe, deren Funktion für den Betrachter, der ja leider nichts anfassen darf, ein Rätsel bleibt. Überaus realistisch spreizt sich jedenfalls der große Zeh von den restlichen Zehen ab, hier ist der Lederfuß nicht dunkelbraun, und es fehlen die goldenen Ranken, zwischen den Zehen ist die Haut sanftrosa. Hat da ein Fetischist – der Fuß entstand in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Oberitalien – zu heftig gerubbelt?

Das Werk eines Fußfetischisten ist wohl auch ein Objekt aus Padua um 1500, das sich einige Vitrinen weiter findet: ein kleiner, männlicher Fuß, aus dessen bronzener Haut dicke Adern hervortreten. Etwas jünger, nämlich aus dem Venedig des 17. Jahrhunderts, ist ein Trinkgefäß in der Form eines Stiefels, den ein versierter Meister aus milchig weißem Glas geblasen hat. Der Schaft des Stiefels ist mit golden bemalten Knöpfen verziert.

Später, im Barock und Rokoko, im Art déco und Jugendstil, verliert sich die Spur der Füße und Hände, jetzt interessierte man sich für Liebespaare und Offiziere, für Insekten und Blüten. Erst im untersten Geschoss des Berliner Kunstgewerbemuseums, wo die Kuratoren die Moderne und die Postmoderne verstaut haben, findet sich wieder eine einzelne Extremität, und zwar die größte dieses Museums. Es ist die Sitzskulptur Up 7 des italienischen Designers Gaetano Pesce von 1969, ein überdimensional großer, nackter Fuß aus rot bemaltem Schaumstoff. Leider beginnt er schon zu bröseln. In fünfzig Jahren wird sich dieser Rotfuß wahrscheinlich komplett aufgelöst haben. Nur der Bronzefuß aus Padua und der Trinkstiefel aus Venedig werden noch da sein. Und auf die Besucher warten.

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