Die Wüste hat Henry Markram viel gelehrt. »Die Buschmänner der Kalahari haben eine faszinierende Gabe«, erzählt der gebürtige Südafrikaner, »sie können eine Landschaft richtiggehend lesen, von einem Punkt aus die ganze Umgebung erfassen – und daraus zum Beispiel schließen: 55 Meilen entfernt sitzt gerade ein Löwe.« Dieses Denken in Zusammenhängen, dieses holistische Weltverständnis, hat den Hirnforscher stark geprägt. Und wenn er heute in das Dickicht der Neuronen vordringt, gleichsam als Fährtenleser des Gehirns, sucht er auch dort nach einer Ganzheit, die – ähnlich wie die Landschaft der Kalahari – in jedem Punkt alle Informationen über das Gesamtsystem enthält.

Äußerlich hat sich Markram vom Leben eines Wüstenbewohners so weit entfernt, wie das auf diesem Planeten nur möglich scheint: Heute arbeitet er in der Schweiz, am eleganten Ufer des Genfer Sees, mit atemberaubenden Blick auf den Montblanc. Hier, an der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL), hat der Neurowissenschaftler vor vier Jahren eines der anspruchvollsten, visionärsten – manche sagen auch: verrücktesten – Forschungsprogramme der Gegenwart gestartet: das Blue Brain Project, das nichts weniger zum Ziel hat als den Bau eines künstlichen Gehirns, Zelle für Zelle, Molekül für Molekül – als komplette, detailgetreue Simulation in einem gigantischen Supercomputer völlig neuen Typs.

Noch ist es nicht so weit. Noch verfügt Markram erst über einen »normalen« Blue-Gene-Supercomputer, der üblicherweise für Genom-Analysen genutzt wird. Und noch sind in Lausanne erst 10.000 Nervenzellen programmiert, gerade der Grundbaustein eines Rattengehirns. Doch wer sieht, wie diese Daten zum Leben erwachen, wer in der Computeranimation durch das pulsierende Neuronengeflecht reist, seine verästelte Architektur und seine Verbindungen studiert, der erhält bereits eine Ahnung davon, welch faszinierende Einblicke dieses Werkzeug einst liefern könnte. Und für Markram ist es nur eine Frage der Zeit (und größerer Rechenkraft), bis er irgendwann ein komplettes Menschengehirn simulieren kann.

Der 47-Jährige, der sich selbst als »obsessiven Forscher« beschreibt, als einen, der nur vier Stunden pro Nacht schläft und sein Leben weitgehend im Labor verbringt, ist in vielerlei Hinsicht der Prototyp des modernen Naturwissenschaftlers. Nicht nur, weil seine Arbeit beispielhaft zeigt, wohin sich die Forschung im 21. Jahrhundert entwickelt; sondern auch, weil sein Aufbruch ins wissenschaftliche Neuland eigentlich nur zwei mögliche Ausgänge kennt: Weltruhm oder glorioses Scheitern.

Denn natürlich weiß der Hirnforscher, dass viele seiner Kollegen das Blue Brain Project für größenwahnsinnig halten. Schließlich besteht das menschliche Gehirn aus 100 Milliarden Neuronen und annähernd einer Billiarde Synapsen. Wie kann er davon träumen, dieses hochkomplexe System jemals zu rekonstruieren? »Ich verstehe die Skepsis«, sagt Markram mit ruhiger, fast sanfter Stimme und einem Anflug von kühler Ironie. »Aber für mich lautet die Frage nicht: Ist es möglich, das Gehirn nachzubauen? Sondern: Was braucht man, damit es möglich wird?«

Wenn er in seinem schlichten weißen Büro an der EPFL solche Sätze sagt, mustert Markram sein Gegenüber mit abwägendem Blick. Er weiß, dass Journalisten gerne schreiben, er wolle die Seele in einen Computer verpflanzen oder Ähnliches. Das sei Quatsch, erklärt er geduldig. Ihm gehe es nicht um humanoide Roboter, sondern um Erkenntnisgewinn. Denn all die bisherigen Bemühungen der Hirnforschung, das Gehirn in seine Teile zu zerlegen, es in Areale einzuteilen und die Funktion einzelner Zellen zu erforschen, hätten das Geheimnis des menschlichen Denkorgans nicht gelöst. »Wenn man das Gehirn wirklich verstehen will, muss man es irgendwann auch wieder zusammensetzen.«

Die Regeln in diesem ganz speziellen Organ kann Markram in faszinierenden Metaphern beschreiben. Im Gehirn sieht er zum Beispiel eine »ideale Demokratie« verwirklicht: »Jede Nervenzelle ist einzigartig, und ein und dasselbe Signal wird von tausend Nervenzellen auf tausend unterschiedliche Arten verarbeitet. Doch zugleich respektieren sich die Neuronen vollständig und gleichen permanent ihre Interpretationen miteinander ab – ganz anders als eine menschliche Gesellschaft, in der einer sagt, er habe recht und alle anderen unrecht.« Da schwingt sie wieder mit, die Vision vom großen Ganzen, das alle Teile vereint und zugleich in allen Teilen enthalten ist.

Zugleich sei das Gehirn aber auch die »totale Autokratie«: Denn Entscheidungsprozesse werden meist von einzelnen Neuronen (oder Neuronengruppen) eingeleitet, deren Impulse sich kaskadenartig im Gehirn verbreiten. »Der Unterschied zur Gesellschaft ist, dass im Gehirn der König in jeder Millisekunde wechselt.« Denn nur wer gerade über die meiste Information verfügt, hat Entscheidungsgewalt; doch schon im nächsten Moment wird der Neuronenkönig zum »Straßenkehrer«, und andere Nervenzellen geben die Richtung vor.