Bologna-ProzessDas heimliche Scheitern

In Deutschland bleiben zu viele Doktoranden auf der Strecke. Die Bologna-Reform könnte das ändern – doch die Politik bremst von 

Wer sich für eine Promotion entscheidet, verbringt noch Jahre in der Bibliothek und oft am Rande des Existenzminimums

Wer sich für eine Promotion entscheidet, verbringt noch Jahre in der Bibliothek und oft am Rande des Existenzminimums  |  © photocase/s-v

Es ist ein Thema, bei dem Deutschlands Bildungspolitiker in Fahrt kommen. Ein Landesminister ereifert sich dann mit erhobenem Zeigefinger über »diesen unakzeptablen Missbrauch«, sein Kollege geißelt die »brutale Lebenszeitvergeudung«, und ein hoher Beamter im Bundesbildungsministerium erkennt ein »System geregelter Knechtschaft«. Doch nach der absehbaren Erregung kommt ebenso sicher der Punkt, an dem der Redner innehält und sagt: »Zitiert werden möchte ich damit nicht.«

Der Missstand, über den so heftig geschimpft und so entschieden geschwiegen wird, ist eines der letzten Tabus im Bildungssystem: die alltäglichen Leiden und das massenhafte Scheitern deutscher Doktoranden. Das Tabu ist derart umfassend, dass selbst ein Anruf beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden , das sonst so ziemlich alles zählt, erfolglos bleibt. Der Bierabsatz pro Kopf, die Kfz-Neuzulassungen oder der jährliche Holzeinschlag? Jederzeit gern. Doch eine amtliche Doktorandenstatistik? »So was haben wir nicht«, sagt die zuständige Sachbearbeiterin. »Ist gesetzlich nicht vorgesehen.«

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So absurd es klingen mag: Wie viele Menschen hierzulande tatsächlich an ihrer Doktorarbeit sitzen, wie viele daran scheitern – keiner weiß es genau. In Europa leistet sich neben Deutschland nur Slowenien eine solche Wissenslücke. »Die Verantwortlichen wollen es gar nicht genauer wissen«, sagt der ehemalige Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) Klaus Landfried. »Und noch weniger wollen sie, dass die Öffentlichkeit erfährt, wie schlimm die Lage wirklich ist.«

Jahrelange Verzögerungen bis zum Abschluss, ein Leben am Existenzminimum, die von Semester zu Semester wachsende Gefahr, das Projekt Doktorarbeit ganz aufgeben zu müssen – das sind Widrigkeiten, mit denen Tausende deutscher Promovenden zu kämpfen haben. Betroffen sind fast ausschließlich die Nachwuchswissenschaftler in der sogenannten Individualpromotion, einer immer noch weitverbreiteten deutschen Spezialität, die im Gegensatz zu den meist hocheffizienten Promotionsprogrammen als der eigentliche Doktorandenkiller gilt. Das darin vorgesehene einseitige Abhängigkeitsverhältnis zwischen Nachwuchswissenschaftler und Professor ist in seinem Ausmaß international tatsächlich fast einzigartig. Ein Abhängigkeitsverhältnis, das schon die Nomenklatur verrät: Die »Doktorväter« und »Doktormütter« sind Überfiguren und Mentoren, Chefs und Gönner, deren Wohlwollen zu verspielen für die Doktoranden häufig dem akademischen Selbstmord gleichkommt. Und dieses Wohlwollen gibt es nur für bedingungslose Pflichterfüllung, die allzu oft in Frondienste ausartet. Welche Folgen das auf die Promotionsdauer und die Abbrecherrate hat, kann wegen der fehlenden amtlichen Statistik nur vermutet werden: Hochschulexperten schätzen, dass zwischen einem Drittel und der Hälfte der Individualpromovenden irgendwann aufgeben.

Damit die wahre Dimension der Misere bekannt wird, hat Klaus Landfried schon vor Jahren, noch als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats für den deutschen Bildungsbericht, für die Ergänzung der Hochschulstatistik um die Doktoranden gekämpft – und ist an der Verzögerungstaktik der Kultusminister gescheitert. Für deren konsequent ablehnende Haltung nennt der Ressortchef eines westlichen Bundeslandes einen recht kuriosen Grund: »Wir wissen doch auch so, wo das Problem liegt.«

Leserkommentare
  1. Gelegentlich eines Vortrags an einer US-Uni erkundigte sich ein bekannter deutscher Gelehrter, wie viele Germanistik-Dissertanten man momentan betreue. Antwort: zwölf. Und wie viele germanistische Professoren gebe es? Antwort: zwölf. Betroffen kehrte der alte Herr an seine deutsche Uni zurück, wo er vor Beginn des nächsten Semesters noch 87 Dissertationen zu lesen hatte. Kommentar überflüssig.

  2. Ich bin Doktorand an einer kanadischen Universitaet, doch hier nennt man sich PhD Student. Ist dies so schlimm? Manchmal kommt es mir vor, als wuerde die "Verschulung" der Promotion und die Belegung von Kursen als Entwuerdigung von Promovierenden erachtet, die sich nicht mehr mit "Schularbeiten" (zumindest nicht mit eigenen) herumaergern sollen. In den letzten zwei Jahren habe ich 12 Kurse belegt, manche methodisch und manche inhaltlich orientiert, und ich wage zu behaupten, dass mir diese Zeit bei weitem mehr genuetzt denn geschadet hat. Ich konnte eine Vielzahl an Ideen entwickeln, diskutieren, und ausprobieren. Freunden und Konferenzbekanntschaften, die in Deutschland promovieren, "doktern" oft jahrelang an ein und demselben Thema herum, waehrend PhD Students hier weitaus breiter aufgestellt sind und die Unis mit einer Handvoll Publikationen und "working papers" verlassen. so gesehen, bin ich gern Student.

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    ich weiß nicht, ob das System in Kanada so unterschiedlich zu dem in den USA ist, aber dort ist ein Ph.D.-Student (jedenfalls in den Naturwissenschaften) ein "Graduate Student", dessen Zulassungsvoraussetzung der Bachelor ist. Man kann nämlich direkt nach dem Bachelor mit der Doktorarbeit anfangen. Kurse müssen keine belegt werden. Da aber die Zeit bis zum Ende der Doktorarbeit 4-6 Jahre beträgt, wird einem sehr sehr (!) nahegelegt, im Masterstudiengang eingeschrieben zu sein, und auf dem Weg zum Ph.D. den Master zu machen. Denn 6 Jahre sind lang, und wenn man vorher aufgibt, hat man sonst garnichts in der Hand.

    • irishi
    • 28. Mai 2009 0:11 Uhr

    ...weise Regelungen müssen her.

    1. Es stimmt, dass es nützlich ist, eine Handvoll Publikationen aus der Diss mitzunehmen, die belegen, dass man eine gute Arbeit abgeliefert hat. In einigen Institutionen, die ich im Ausland kennengelernt habe, sind 3 Publikationen sogar Pflicht, um zur Promotion zugelassen zu werden (Frankreich, Schweden, Niederlande). In meinem Institut in D gab es das nicht - unglücklich, denn es verpflichtet den betreuenden Professor zu nichts (Publikationen machen Arbeit!).
    Wenn es nach mir ginge, würde man eine solche Verpflichtung zum Veröffentlichen auch in D einführen. Auch die Betreuungsleistung sollte optimiert werden - und sei es dadurch, dass man eine Höchstgrenze für die Arbeitsgruppengröße einführt (oder ähnliches, dieses wäre zu diskutieren).

    2. Ein Bologna-Prozess für Promotionen?!? Das passt doch nicht zusammen. Punkte-System? Wer will denn da wie was messen? Manchmal klappt 3 Jahre nichts, und alle guten Ergebnisse ergeben sich in den letzten 6 Monaten (ein Phänomen, bekannt aus Biologie und Chemie).

    3. Ja, in den USA dauert's länger zu promovieren, aber Kommentar Nr. 11 ist wahr - man kann mit dem Bachelor einen PhD beginnen, und der ist bekanntlich kürzer.

    4. Eine vernünftige Finanzierung einer Promotion über einen Zeitraum von wenigstens 3 Jahren ist eine wichtige Sache. Ob man nebenbei noch einen Vollzeitjob schafft, hängt evtl. auch von der Disziplin ab, in der promoviert wird. In einer Naturwissenschaft, die auch praktische experimentelle Arbeiten verlangt, ist eine Teilzeitpromotion fast unmöglich. Und eine Vollzeitpromotion sollte in max. 4 Jahren abschliessbar sein.
    Eine "geistige Unabhängigkeit" vom Doktorvater kann durch eine solche Finanzierung ebenfalls gefördert werden, vieles ist besser als ein Assistenten-Sklave auf einem 6-Monats-Vertrag zu sein, der nie weiss, wie es weitergeht und daher für 20 bezahlte Stunden 40 arbeitet.

    Ich habe in anderen Instituten gesehen, dass es geht. Promotionszeit ist immer anstrengend und die Zukunft zunächst noch ungesichert. Aber gute Rahmenbedingungen könnten das Potential der hierzulande promovierenden Menschen viel besser heraustreten lassen. Wir brauchen eigentlich gar keine Elite-Unis - wir sind gut in der Forschung. Wir lassen uns allerdings bei der Umsetzung unserer Ideen zu oft die Butter vom Brot nehmen....auch der erste mp3-Player war eine deutsche Entwicklung, eigentlich.

    Grüße von einem HIS-Langzeitstudienteilnehmer von 1997, der die Promotion geschafft hat, denn so furchtbar schlecht waren meine Bedingungen nun nicht ;-), nur nicht ganz optimal.

  3. Nach der Lektüre des Textes komme ich zu dem Schluß, dass ich wohl in einer anderen Welt bzw. in einem Paralleluniversum promoviert haben muß.
    Ehrlich gesagt war ich bisher immer der Überzeugung, dass man bei einer Promotion überhaupt nicht scheitern kann. Allenfalls müßte man auf ein summa oder magna cum laude verzichten, aber scheitern?! Ich habe neben meiner Promotion einen Fulltime Job als Referent innegehabt - und trotzdem noch genügend Zeit für mich gefunden. Und darüber, dass ich die "Gunst" meines Doktorvaters verlieren könnte, habe ich nicht ein einziges Mal nachgedacht.
    Nur gut, dass ich diesen Text nicht vor drei Jahren gelesen habe....

    • Locke1
    • 21. Mai 2009 9:37 Uhr

    ... bei denen der Doktorand von seinem Prof abhängt, finde ich den Comic
    http://www.phdcomics.com/comics/archive.php?comicid=1153 recht passend - vgl. auch einige weitere in Strips des gleichen Autors.

    Man darf bei Betrachtung der "Abbrecherquote", wenn sie denn jemals herausgefunden wird, übrigens nicht vergessen, dass eine Doktorarbeit in "Krisenzeiten" durchaus für viele eine Parkposition ist, bevor sie einen richtigen, bezahlten Job bekommen.

  4. Zu 1: Das trifft es wirklich zu 100%....

    Was man jedoch nicht vergessen sollte: in Ländern wie den USA dauert die Promotion MINDESTENS 5 Jahre, viele Leute promovieren auch 6,7 oder sogar 8 Jahre lang. Am Anfang gibt es eine zweijährige Phase, in welcher noch Kurse besucht werden müssen (ähnlich wie dem Hauptstudium des Magisterstudiengangs). Da die US-Doktorandenprogramme immer sehr international sind, soll dadurch sichergestellt werden, dass sich alle zu Beginn der eigentlich Promotion - also dem Schreiben der Diss - auf dem gleichen Niveau befinden.
    .
    Die Mär von der schnellen Promotion in der angloamerikanischen Welt ist einer der albernen Mythen, die im Moment durch die deutsche Bildungsdiskussion geistern!

  5. Was die Promotionszeit in Nordamerika angeht kann ich Dina nur zustimmen, ich habe selber ein Jahr eines Masterstudiengangs in Kanada verbracht und wenige Doktoranden haben es in 5 Jahren geschafft, die meisten brauchten 6 oder 7 Jahre. Dabei ist die Abhängigkeit zum Professor dort genau so groß , wie es im Artikel beschrieben ist, denn der zahlt einem ja die Studiengebühren+Gehalt (wenn man kein externes Stipendium hat). Das Forschungsgebiet gibt er damit auch vor und was die Vorlesungen angeht, so hat man offiziell zwar "Wahlfreiheit" für die Wahlpflichtfächer, aber wie mein damaliger Betreuer mir lächelnd sagte, "ich habe die Wahl und Ihr die Pflicht". Weitergebracht haben dabei nur wenige Vorlesungen, aber viel Zeit haben sie immer in Anspruch genommen.

    Ich muss sagen, dass ich mich evtl. gegen einen Doktor entschieden hätte, wenn ich nochmal 3 oder 4 Semester Vorlesungen besuchen müsste. Nachdem man 5-6 Jahre studiert hat, reicht es einfach mit Vorlesungen! Immer wieder Vorgekautes zu lernen, um es dann in Klausuren zu reproduzieren und schnellst möglich zu vergessen (sollte natürlich nicht so sein, aber das ist die Realität). Die Idee der Promotion ist das Selbststudium, anhand einer Problemstellung lernt man neue Lösungswege zu finden, man sucht im eigenen Fach genauso wie fachübergreifend. Eine Abschlussarbeit, wie sie bei den Graduiertenkollegs am Ende anzufertigen ist, entspricht nicht einer 3-5 jährigen Forschungsarbeit.

    Es ist allerdings richtig, dass solch eine Doktorarbeit stehen und fallen kann mit dem Doktorvater, der leider einen grossen Einfluss auf den Erfolg oder eben Misserfolg haben kann. Ein Zweitbetreuer oder sogar Drittbetreuer wäre da sicherlich eine gute Lösung. Dies ist übrigens schon dann gewährleistet, wenn man an universitätsexternen Forschungszentren promoviert, da hat man einen Betreuer im Institut und eben den Doktorvater.

  6. Ich arbeite als Professor (mit deutscher Promotion) an einer Uni im Ausland: Hier sind alle Prüfer extern bestellt und der Prof. ist lediglich Betreuer. Hier hat der Betreuer ein ursächliches Interesse an einer guten und schnellen Bearbeitung, da sein Ruf mit auf dem Spiel steht, er selbst aber keinen Einfluss auf die Anerkennung/Bewertung hat. Vetternwirtschaft ist damit nicht ausgeschlossen, aber sie ist doch ausserordentlich erschwert.

  7. Das Abhängigkeitsproblem ist eklatant, in der Phase Habilitation angesichts geringerer Wechselmöglichkeit umso mehr. "Bologna" ist aber kein Zauberwort. In Basel hat Rektor Loprieno das bereits umgesetzt -- Resultat: Es gibt nur noch kurz befristete Arbeitsverträge, die den Despoten unter den Professoren einen noch grösseren Hebel in die Hand geben. Kriterien oder Prozessvorgaben für die auf dem Papier vorgehene Verlängerung: Fehlanzeige. Von Fakultätsseite heisst es sogar, damit habe man nichts zu tun, der Passus "auf Beschluss der Fakultät" sei nicht mitbeschlossen worden. Natürlich gibt es ja z.B. in der (Ko-)Autorenschaftsfrage klare Reglemente -- um die man sich in der Praxis allerdings nicht scheren muss. Gegen Angriffe von "aussen" (Doktorierende, Habilitierende etc.) ist Zusammenhalt die höchste Professorenpflicht. Wie sagte der Vizerektor Forschung Meier-Abt doch so treffend zu einem Mini-Reformvorschlag? "Eigentlich gut, aber für Veränderung müssten ja die Professoren mitmachen..."

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