Umfrage Überarbeitet

Deutsche Nachwuchswissenschaftler klagen über die Bologna-Reform

Die Arbeitsbelastung deutscher Doktoranden und Habilitanden ist bereits hoch – und durch die Bologna-Reform ist sie offenbar noch höher geworden. Laut der neuen WiNbus-Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) hat sich für 58 Prozent der Befragten der Umfang ihrer Lehrverpflichtung erhöht, mehr als zwei Drittel von ihnen berichten zudem, sie hätten deutlich mehr mit der Betreuung und Beratung der Studenten zu tun. 73 Prozent der Nachwuchswissenschaftler stellen auch einen gestiegenen Aufwand für Prüfungsorganisation fest. Die Folge: Für die Forschung bleibt immer weniger Zeit, so empfinden es 67 Prozent.

Das WiNbus ist ein neues Online-Panel, in dem das Hannoveraner Forschungsinstitut Nachwuchswissenschaftler künftig regelmäßig zu ihren Arbeits- und Lebensbedingungen befragen will. An der ersten Runde haben sich über 1400 Hochschulmitarbeiter beteiligt.

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Die Ergebnisse der Studie lösen unterschiedliche Reaktionen aus. Der ehemalige Präsident der Hochschulrektorenkonferenz Klaus Landfried kritisiert die Haltung vieler Professoren: "Sie wälzen die Mehrarbeit einmal mehr auf ihre Doktoranden ab. Das ist ein Skandal." Bernhard Kempen, Präsident der Professorengewerkschaft Deutscher Hochschulverband, wehrt sich gegen Landfrieds Vorwurf. Die Arbeitsbelastung sei für Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter gleichermaßen größer geworden.

"Schuld ist die Politik, die zwar die neuen, betreuungsintensiven Abschlüsse eingeführt hat, nicht aber das Geld ausgeben wollte, damit die Hochschulen die Verpflichtungen gegenüber den Studenten tatsächlich erfüllen können." Andreas Storm schließlich, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswissenschaftsministerium, sagt ein wenig wolkig: "Mehr Betreuung und Lehre dürfen von den Nachwuchswissenschaftlern nicht als Störung der eigenen Karrierechancen wahrgenommen werden." An diesem Punkt brauchten die Hochschulen mehr Unterstützung, betont der Staatssekretär.

Leser-Kommentare
  1. ...ist doch, daß in der Bildungspolitik eine Riege von Leuten tätig ist, die einfach keine Ahnung hat. Der im Artikel zitierte Herr Storm z. B. hat in den 80er Jahren mal VWL studiert, war dann noch etwas an der Universität tätig und wurde anschließend Politiker:

    http://www.bundestag.de/m...

    Der Mann ist noch nicht mal promoviert, erdreistet sich aber, Nachwuchswissenschaftler in einer derartigen Art und Weise abzukanzeln. Kommen wir doch mal zum Gehalt des Herrn Storm. Aus Wikipedia:

    "Parlamentarische Staatssekretäre erhalten 75 Prozent des Amtsgehalts und der Dienstaufwendungsentschädigung eines Bundesministers. Im Jahre 2005 beläuft sich das Amtsgehalt auf monatlich 9850 Euro, 5910 Euro Weihnachtsgeld und eine Aufwandsentschädigung von 2760 Euro."

    (http://de.wikipedia.org/w...)

    Zum Vergleich: der Lehrstuhlinhaber an einer deutschen Universität (Besoldungsstufe W3) hat nicht einmal 5000 € brutto als Grundgehalt. Das Weihnachtsgeld für Professoren betrug im Land Niedersachsen im Jahr 2008 exakt 0 €. "Aufwandsentschädigung" kann eine universitäre Besoldungsstelle noch nicht einmal schreiben.

    Vorschlag: Man schmeißt Leute wie Herrn Storm raus und gibt das Geld an den Universitäten aus, um Nachwuchswissenschaftlern Leistungszulagen für zusätzliche Lehrveranstaltungen oder Betreuungen jenseits des Lehrdeputats zu zahlen!

    • tzeuch
    • 20.05.2009 um 9:30 Uhr

    Die Ironie dieses Beitrags ist, dass der Herr Redakteur Wiarda die diskutierten Befunde schon vor Jahren in den Kommentaren zu seinen Zeit-Artikeln hätte lesen können. Ein Beitrag von mir von 2005, der praktisch alles hier gesagte aus Nachwuchswissenschaftlersicht enthält, ist leider nicht mehr im Archiv. Dieser Beitrag von 2007

    http://kommentare.zeit.de...

    greift die Belastung des Lehrkörpers durch die Reform ebenso auf.

    Etwas noch direkt zum Text. Kempen und Landfried haben in gewissem Sinne beide recht. Es hängt letztlich am Engagement des Professors, viele setzen sich voll für die Reform ein, andere lassen es eher schleifen. Der Nachwuchs hat hier allerdings wenig Wahl, er muss da ran, wenn es der Chef fordert.

    Kommentar 1 liegt vollkommen richtig. Dieser Staatssekretär Storm ist eine selten dämliche Nuss, sorry, dabei leider sympthomatisch. Es sind Typen wie er, komplett befreit von jeglichem Wissen, wie Unis funktionieren, diktieren sie als politische Entscheider die Bedingungen der Bologna-Reform und wundern sich jetzt in wolkigem Politikersprech das hier und da Nachbesserungsbedarf besteht. Das Interesse gilt hier scheinbar 100% der Karriere und 0% den tieferen Bedingtheiten des Verantwortungsbereiches. Keinen Deut besser als die Boniritter in Banken und Management ...

    Um es deutlich zu sagen. Wer die gestiegene Lehrbelastung des befristet beschäftigten Nachwuchses als tendenziell positiv darstellt, hat keine Ahnung, welche Kriterien zur erfolgreichen Berufung erfüllt sein müssen (Drittmittelm, paper, Drittmittel, paper, ...., ...., Lehre auf dem Papier o.k.) und was die Konsequenzen des Bologna-Prozessen für die Lehre sind: Leute geht zu Max-Planck, Helmholtz etc. und qualifiziert euch da, gebt Spezialvorlesungen zur Rekrutierung eurer Doktoranden an der Uni und greift die Lehrstühle ab, für die sich der Wissenschaftsplebs an den Unis, dank Bologna, nicht mehr so gut warmlaufen kann. Und dann, als beamtete Professoren gebt richtig beschissene Vorlesungen, ist eh egal ...

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