Nahost-Konflikt Die Landkarte der Träumer
Nichts geht voran im Nahen Osten, die Zweistaatenlösung scheint ferner denn je. Nur in Dschenin, einst Zentrum der Intifada, geschieht das Unvorstellbare: eine Annäherung von Palästinensern und Israelis
Die Zukunft – oder die Illusion? – sitzt zu dritt am Tisch: ein Palästinenser, ein arabischer Israeli und ein jüdischer. Mussa (»Moses«) Kadura ist der Gouverneur von Dschenin; Eid Salim, eine wuchtige Gestalt mit vorwärtsdrängendem Bauch, ist der Landrat des Gilboa-Bezirks auf der israelischen Seite; Eres Stein ist sein Projektmanager. Sie beugen sich über Landkarten, die an »1001 Nacht« erinnern.
Der Gouverneur zeigt auf den Grenzübergang zwischen Gilboa und Dschenin. »An diesem strategischen Punkt sitzen wir. Von der geplanten Industriezone geht die Straße nach Westen, nach Haifa, dann geht es per Schiff weiter nach Marseille. Östlich führt sie nach Jordanien und bis nach Bagdad.« Mussa Kadura sagt’s auf Arabisch. Salim übersetzt es für Stein ins Hebräische und der für den Besucher ins Englische. Die Sprachkoexistenz funktioniert glänzend, wenn auch nicht grammatisch perfekt.
Warum klingt das wie ein Märchen? Weil Dschenin mit seinen 40000 Einwohnern bis 2002 die Terrorzentrale Palästinas war. Ein Viertel aller Selbstmordbomber während der Intifada, die 2000 begann, ist aus Dschenin gekommen. Vorbei. »Im vergangenen Jahr«, meldet Oberst Radi Asedeh, der Kommandant der palästinensischen Sicherheitskräfte, »wurde kein einziger Schuss aus Dschenin abgefeuert.«
Das ist kein Märchen, obwohl in dieser Gegend seit siebzig Jahren noch jeder Friedensplan zerfetzt worden ist, vom Peel-Plan 1937, der einen winzigen jüdischen Staat vorsah und von den Arabern verworfen wurde, bis Camp David 2000, wo Jassir Arafat absprang, weil er wähnte, mit Terror und Gewalt besser zu fahren. Madrid, Oslo, Camp David, Wye, Annapolis – sie alle wurden hier zur Makulatur.
Der Gouverneur hat zwölf Jahre in israelischen Gefängnissen verbracht
Zwar glaubt Barack Obama ganz fest an eine Zweistaatenlösung, doch die wird in seiner Amtszeit nicht zu haben sein. Hamas will nicht, Fatah kann nicht, und Israel fürchtet sich nach dem Abzug aus dem Libanon und dem Gaza-Streifen vor einem weiteren »Land gegen Krieg«-Debakel. Überdies überlebt Palästinenserpräsident Machmud Abbas im latenten Bürgerkrieg mit Hamas nur dank der israelischen Armee. Zahal, so deren hebräische Bezeichnung, Fatahs bester Freund und Helfer.
Wenn es Hoffnung gibt, dann nur in Dschenin: der kleine Frieden als Labor für den großen, symbolisiert durch eine Figur wie Kadura. Der Gouverneur hat zwölf Jahre in israelischen Gefängnissen verbracht, sein Haus ist gleich zweimal von der Armee in die Luft gesprengt worden. In seinem Büro hängt noch immer eine Karte, die »Palästina« ohne eine Spur von Israel zeigt. Doch den Israeli Eres Stein stört es nicht: »Das muss er so machen, aber das ist okay.« Alle drei träumen nicht von der Roadmap, die im Prinzip schon 2005 zur Schaffung zweier Staaten hätte führen sollen, sondern von der Marseille–Gilboa–Bagdad-Straße.
Ihre Karte trägt den Namen Pilotprojekt Dschenin. Israel hat es vor einem Jahr aufgelegt – nicht aus reiner Menschenliebe, sondern um seinen Schützling Abbas gegen Hamas zu stärken. Inzwischen mischen all die üblichen Verdächtigen mit. Condoleezza Rice kam im November nach Dschenin, wo im April 2002 eine blutige Schlacht zwischen den Israelis und Dschihadis die Region erschütterte. Der US-General Keith Dayton bildet nebenan, in Jordanien, die National Security Force der Palästinenser aus, eine Art Gendarmerie. Die EU trainiert die Palästinenserpolizei. Und das »Nahost-Quartett« (EU, USA, Russland, UN) unter Führung des früheren britischen Premiers Tony Blair kümmert sich um die Wirtschaftsentwicklung.
Erster Erfolg: Die Armee ist aus Dschenin verschwunden, die einstigen Herrscher der Straße, die Bewaffneten von Hamas und Islamischem Dschihad, lassen sich nicht blicken. Das Gewaltmonopol liegt in den Händen von Gouverneur Kadura und Oberst Asedeh. »Es gibt nur die Waffen und die Herrschaft der Palästinenserbehörde«, beteuert Kadura. Die Stadt zeigt die typischen Symbole der Prosperität: lauter neue Gebäude – darunter ein neues Gericht nebst Gefängnis. »Dschenin war einst die ›heißeste‹ Stadt des Westjordanlands«, sagt Kadura, »jetzt ist sie die ruhigste.«
- Datum 17.05.2009 - 20:38 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.05.2009 Nr. 21
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Herr Joffe schreibt: "dann (nachts) kommen die israelische Armee und der Geheimdienst Schabak, durchsuchen Häuser und verhaften Verdächtige. Das heißt: Die Israelis bleiben die eigentlichen Herren von Dschenin." und :"Denn die Wirklichkeit bleibt harsch: stählerne Drehkreuze, Röntgenapparate, Bombenschutzmauern, peinliche Untersuchungen, ein Labyrinth der Kontrollen. Kein Wandel ohne Sicherheit, keine Sicherheit ohne Wandel. Das ist der Teufelskreis."
ich bin nicht sicher ob ich in diesem Artikel von Herrn Joffe - denn ich ansonsten sehr schätze! - etwas gelernt habe. Er spricht von "Träumen" - aber wenn die Israelis dann nachts kommen und Häuser durchsuchen und Verdächtige verhaften, dann drängt sich bei mir sehr schnell das Bild der Gestapo nach vorne, und wird mir der Traum zum Albtraum.
Eines habe ich gelernt von diesem Artikel: man muss träumen, um aus dem infernalischen Teufelskreis auszubrechen, und einige (wenige) haben den Mut dazu. Diese muss man unterstützen. Aber leider ist der Artikel so vage, wie ich selten einen in der "Zeit" gesehen habe, und besonders von Herrn Joffe nicht erwartet hätte. Schade!
Nein, ich vergesse nicht den gerechtfertigten Anspruch der Israelis, ohne Terror zu leben. Aber der Terror der Israelis - nachts zu kommen und Verdächtige zu verhaften, um mal die bösen Worte von Massaker und Gaza nicht in den Mund zu nehmen - ist nicht ganz unschuldig am Gegenterror, den Druck und Gegendruck gehören ja unauflösbar zusammen. Und ich vergesse nicht, dass es die wichtigste Aufgabe des Journalisten "objektiv" zu berichten, und nicht ist, zu urteilen.
Das Beklemmende an diesem Artikel ist, dass man doch das Gefühl bekommt der Schönfärberei: "es ist ja alles nicht so schlimm", und dazu passt dann auch noch das Bild des kleinen Mädchens, das so vertrauensvoll in die Zukunft lächelt.
Ein bisschen zu sehr "Kuschelstil" - mit wem nur?, und ist dieser Stil der "Zeit" würdig??
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