Familienschmuck Meine schönste Erbanlage

Alt? Zerkratzt? Egal. Uhren, Ringe und Halsketten, die von einer Generation an die nächste weitergereicht werden, sind der Stolz ihrer Besitzer. Sie erzählen Geschichten von Liebe, Nähe und Verlust

Alle Erbstücke haben eine besondere Bedeutung, und den meisten kann man diese so wenig ansehen wie meiner Uhr. Sie ist zu unauffällig, um zu beeindrucken, zu modern, um wirklich alt, und zu schlicht, um wertvoll zu sein. Werde ich doch mal auf sie angesprochen, kann ich eine von zwei Geschichten über sie erzählen. Die erste ist einfach und sehr kurz: Diese Uhr ist eine Seiko, die meine Mutter in den achtziger Jahren getragen hat.

Die andere Geschichte erzähle ich seltener. Sie beginnt so: Ich bin vier Jahre alt, meine Schwester Silke ist noch ein Baby. Es ist ein warmer Sommertag, und wir sind mit unseren Eltern im Garten. Ich liege auf einer Bank, meine Mutter steht dahinter, hält Silke im Arm und drückt ihr lachendes Gesicht an die Wange meiner Schwester. Meine Mutter wirkt glücklich. Sorglos. Mein Vater macht ein Foto von uns.

Anzeige

Wenige Monate später sollte meine Schwester sterben. Sie ist abends ganz normal eingeschlafen und dann einfach nicht mehr aufgewacht. Plötzlicher Kindstod – man kann es benennen, aber begreifen kann man es nie, auch jetzt nicht und erst recht nicht als Vierjährige. Meine einzige Erinnerung daran ist die an den Morgen, an dem das Blaulicht des Krankenwagens von der Straße in unsere Küche blinkte. Dieses Bild ist so klar, dass alles andere im Dunkel verschwunden ist.

Es gibt ein paar Kleider aus dieser Zeit, eine Tasse mit Silkes Namen. Aber am schönsten erinnert mich das Foto dieses Sommertags an sie – und die Uhr, die meine Mutter auf dem Foto trägt. Die Uhr, die sie trug, als ich noch eine Schwester hatte, erinnert mich auch an das, was danach kam, an die Leere in mir und diese Stille, die mich hilflos machte. Und an das Glück, als vier Jahre später mein Bruder geboren wurde.

Irgendwann fing meine Mutter an, eine neue Uhr zu tragen, und ich vergaß die andere. Bis ich sie vor ein paar Jahren in ihrer Schmuckschatulle wiederentdeckte. Ich fragte, ob ich sie haben dürfe. Meine Mutter zierte sich. Die Uhr funktioniere schon lange nicht mehr, sie sei schon so alt, man bekomme bestimmt keine Batterien mehr dafür. Am nächsten Tag legte sie mir die Uhr trotzdem hin.

Das änderte alles. Die Uhr war das erste Schmuckstück, mit dem ich mich erwachsen fühlte. Sie war nicht nur ein Geschenk, sondern ein Vertrauensbeweis. Als sie mir einmal an einem Flughafen abhandenkam – und nur durch Zufall wieder auftauchte –, war es so, als hätte ich meinen kostbarsten Besitz verloren.

Es braucht keine weltweite Wirtschaftskrise, um zu verstehen, dass ideeller und materieller Wert voneinander abweichen können. Aber gerade in unsicheren Zeiten hält man an Dingen fest, die neben dem Geld, das sie kosten, noch einen größeren Gehalt haben. Erbstücke wurden einmal von jemandem geliebt, den man selbst geliebt hat oder dem man doch so nahestand, dass er einem etwas Persönliches überlassen hat. Sie sind eine gute Erinnerung. Ein Teil der eigenen Geschichte.

Es versteht sich fast von selbst, dass unter Erbstücken gerade Schmuck als etwas Besonderes gilt: Schmuck liegt direkt auf der Haut, die Person, die ihn trägt, lässt ihn ganz nah an sich heran – und verrät so unendlich viel mehr über sich selbst als etwa mit einem Kleidungsstück. Geerbter Schmuck strahlt einen von Moden unabhängigen Stil aus und damit Bescheidenheit und Nachhaltigkeit – Werte, die in Krisen wichtig genommen werden.

Vermutlich ist es also kein Zufall, dass auch Schmuck, der nicht vererbt wurde, derzeit wenigstens so aussehen soll. Mädchen tragen heute ganz unironisch Perlenketten, junge Frauen alte Amulette, Männer die Armbanduhren aus Papas frühen Jahren. Modehäuser wie Lanvin zeigen Halsketten und Broschen aus Kunstharzen, Perlen und Edelsteinen, die aussehen wie moderne Fassungen von Großmutters Preziosen. Selbst in einem weitgehend wertfreien Film wie Shopaholic – Die SchnäppchenjägerinLove-Knot- Ohrringe, die Frauen schon vor 60 Jahren auf der Park Avenue spazieren führten tragen die Modelemminge die gleichen . Und auch die Modemagazine üben sich in Zurückhaltung. Statt "kaufen" liest man dort jetzt "investieren"; wo noch vor einem Jahr dazu aufgefordert wurde, mit glamourösen "Statement-Stücken" aufzutrumpfen, wird jetzt zum "Für-immer-Teilen" geraten. Ein Tipp aus der Anleitung Marketing in a Recession: Verkäufer sollten handgemachten Schmuck als "zukünftiges Erbstück" kennzeichnen, "das es wert ist, an die nächste Generation weitergegeben zu werden".

Aber was, wenn es die nächste Generation gar nicht zu schätzen weiß? Man gibt ein Stück in der Überzeugung weiter, dass man dem anderen etwas Schönes vermacht. Und der findet es dann nur ganz schön scheußlich.

Was tun? Weglegen? Doch verkaufen? Im Internet gibt es inzwischen einige Portale, auf denen man seinen alten Schmuck anbieten kann. Und natürlich gibt es den traditionellen Weg, die Juweliere. Sie verdienen mehr Geld mit der Änderung und Restaurierung von alten Schmuckstücken als mit Neuanfertigungen.

"Die meisten Stücke, die heute zum Juwelier gebracht werden, kommen aus der Generation, die in den fünfziger und sechziger Jahren gut verdient und viel Geld für Schmuck ausgegeben hat. Die Kinder und Enkelkinder finden ihn unmodern – und nehmen lieber Geld", sagt Michael Heydemann, der seit 1975 zusammen mit seinem Bruder Jürgen das Juweliergeschäft des Vaters in Berlin führt. Mittlerweile haben sie sich auf Schmuck aus Nachlässen spezialisiert.

Ihre Kunden kaufen vor allem Stücke aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und aus den dreißiger Jahren. Auch Zeiten der Unsicherheit. Aber das muss nichts bedeuten. Sicher ist, dass dieser Schmuck immer seltener und deshalb wertvoller wird. In einem sind sich alle Käufer gleich: Sie wollen die Geschichte des Stücks erfahren; die Geschichte ist Teil des Preises, den der Kunde zahlt. "Für viele umgibt Schmuck aus Nachlässen ein besonderes Geheimnis. Sie wollen dahinterkommen", sagt Heydemann.

Als meine Oma vor einigen Jahren starb, hinterließ sie nur drei Schmuckstücke: ihren Ehering, den mein Vater bekommen sollte, eine Perlenkette und eine lange Halskette mit einem Anhänger aus Rauchquarz. Ich durfte wählen und nahm die Halskette. Meine Oma hatte die Perlen öfter getragen, aber ich fand, die andere Kette passte besser zu ihr. Sie trug sie nur ein Mal im Jahr: an ihrem Geburtstag, zu ihrem "guten Kleid", wie sie es nannte. Das Kleid wechselte alle paar Jahre, die Kette blieb gleich. Und Oma auch – auf ihrem Platz in der Mitte des Sofas mit einem Teller Butterkuchen auf ihrem Schoß.

Meine dänische Urgroßmutter, die trotz ihrer Hingabe an Zigaretten und einer fundamentalen Abneigung gegen Obst bald 96 wird (und deren Verstand klarer ist als ein Glas Aquavit), hat mir bei meinem letzten Besuch eines ihrer Armbänder gegeben. Es ist aus Gold, schwer, aufwendig gemacht, das Schmuckstück einer Dame. Wenn ich es angucke – denn um es zu tragen, muss ich noch mindestens 20 Jahre älter werden –, sehe ich sie im Pelzmantel mit ihrem verwöhnten Pudel an der Leine am Strøget in Kopenhagen einkaufen.

Die Kette und das Armband erzählen mir davon, was diesen beiden Frauen wichtig war. Und was nicht. Wie sie sich gesehen haben. Und wer sie wirklich waren. Meine Urgroßmutter hätte sich vielleicht nicht als modern, selbstbewusst und auch nicht als großzügig beschrieben (besonders sich selbst gegenüber). Dass sie es war, sagt mir ihr Armband über sie.

Durch ein Erbstück erfährt man nicht nur mehr über den Menschen, der es einem hinterlassen hat. Man erfährt auch mehr über sich selbst.

Als meine Mutter ihre Uhr trug, war sie Mitte 20, verheiratet, hatte zwei Kinder und musste eine Hypothek abbezahlen. Als ich die Uhr von ihr bekam, war ich Mitte 20, Single, zwischen zwei Jobs und auf der Suche nach einer Mietwohnung.

Ich lebe ein anderes Leben als sie. Aber wir sind uns doch sehr ähnlich: zurückhaltend und ruhig. Wir vertragen im Leben kein Durcheinander und an unseren Kleidern keinen Schnickschnack.

Ich trage die Uhr nicht jeden Tag. Das muss ich auch nicht. Es ist schon beruhigend, zu wissen, dass sie da ist – wie ein Familienalbum. In dem muss man auch nicht jeden Tag blättern, um zu wissen, woher man kommt.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
    • Quelle DIE ZEIT, 14.05.2009 Nr. 21
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Schmuck | Kopenhagen | Berlin
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service