Familienschmuck Meine schönste ErbanlageSeite 3/3
Meine dänische Urgroßmutter, die trotz ihrer Hingabe an Zigaretten und einer fundamentalen Abneigung gegen Obst bald 96 wird (und deren Verstand klarer ist als ein Glas Aquavit), hat mir bei meinem letzten Besuch eines ihrer Armbänder gegeben. Es ist aus Gold, schwer, aufwendig gemacht, das Schmuckstück einer Dame. Wenn ich es angucke – denn um es zu tragen, muss ich noch mindestens 20 Jahre älter werden –, sehe ich sie im Pelzmantel mit ihrem verwöhnten Pudel an der Leine am Strøget in Kopenhagen einkaufen.
Die Kette und das Armband erzählen mir davon, was diesen beiden Frauen wichtig war. Und was nicht. Wie sie sich gesehen haben. Und wer sie wirklich waren. Meine Urgroßmutter hätte sich vielleicht nicht als modern, selbstbewusst und auch nicht als großzügig beschrieben (besonders sich selbst gegenüber). Dass sie es war, sagt mir ihr Armband über sie.
Durch ein Erbstück erfährt man nicht nur mehr über den Menschen, der es einem hinterlassen hat. Man erfährt auch mehr über sich selbst.
Als meine Mutter ihre Uhr trug, war sie Mitte 20, verheiratet, hatte zwei Kinder und musste eine Hypothek abbezahlen. Als ich die Uhr von ihr bekam, war ich Mitte 20, Single, zwischen zwei Jobs und auf der Suche nach einer Mietwohnung.
Ich lebe ein anderes Leben als sie. Aber wir sind uns doch sehr ähnlich: zurückhaltend und ruhig. Wir vertragen im Leben kein Durcheinander und an unseren Kleidern keinen Schnickschnack.
Ich trage die Uhr nicht jeden Tag. Das muss ich auch nicht. Es ist schon beruhigend, zu wissen, dass sie da ist – wie ein Familienalbum. In dem muss man auch nicht jeden Tag blättern, um zu wissen, woher man kommt.
- Datum 03.09.2009 - 20:05 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.05.2009 Nr. 21
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