Was ist mit der ehrenvollen Institution des Ehrenamtes geschehen? Die ARD hat eine Ehrenamt-Show gesendet, sie räumt sogar eine Woche lang dem Ehrenamt einen Ehrenplatz im Programm ein. In Berlin gab oder gibt es eine Ehrenamtmesse oder jedenfalls so etwas Ähnliches. Überall, wo das Auge hinfällt, wird das Ehrenamt gepriesen und dem trägen Bürger wärmstens anempfohlen. Haben wir es mit einem gesamtgesellschaftlichen Einbruch ehrenamtlichen Engagements zu tun, dem mit verstärkter Agitation abzuhelfen ist?

Das ist wahrscheinlich so. Die Vereine, nicht nur die Sportvereine, sondern auch die Hundesportvereine, die Kaninchenzuchtvereine, die Vereine zur Erforschung der kaiserlichen Kriegsmarine, sie alle klagen über einen Mangel an Kassenwarten, an Jugendwarten, an Kuchenspendern und Kaffeekochern. Trotzdem wird man den Verdacht nicht los, dass es der Kampagne nicht um eine Krise des Hobbywesens, sondern um eine ganz andere Krise geht. Das Ehrenamt soll gegen die Wirtschaftsdepression, gegen Verelendung und neue Armut nützen, kurzum: dort eingesetzt werden, wo die Politik nicht hinreicht. Wer Ehrenamt sagt, meint eigentlich Caritas.

Das hat etwas Hilfloses, auch sachte Unredliches. Die Kampagne bereitet für den Fall, dass sie nicht greift, schon den Umkehrschluss vor: Der Bürger, der die Folgen der Wirtschaftskrise nicht lindern kann, ist selbst daran schuld. Hätte er doch ein Ehrenamt ergriffen! Hätte er doch die Armen gespeist, die Arbeitslosen getröstet, den streunenden Jugendlichen Lesen und Schreiben beigebracht! Die Verantwortung für das scheiternde Ganze soll beizeiten dem Einzelnen angelastet werden.

Der Tausch politischer Verantwortung gegen Privatmoral hat etwas Leichtfertiges: Wer den Wechsel vorschlägt, muss ihn nicht einlösen. Der Staat bereitet seinen Rückzug mit guten Ratschlägen an die Hinterbleibenden vor. Die prospektiven Opfer der Wirtschaftskrise brauchen aber längst keine Predigten mehr. Sie wissen schon jetzt: Was einstmals Ehrenamt hieß, wird bittere Notwendigkeit sein.